"Können nicht den Jungen die Schuld zuschieben"

2. Jänner 2015, 09:52
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Der Handel muss seine Anstrengungen erhöhen, um Jugendliche für die Lehre zu gewinnen, sagt Frank Hensel. In Klagen über das geringe Bildungsniveau fällt der Rewe-Chef nicht ein

STANDARD: Sie haben einst als Lehrling im Handel begonnen. Ist heute ein Aufstieg ins Topmanagement noch realistisch? Das klingt ein bisserl nach einer Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Geschichte.

Hensel: Vom Tellerwäscher zum Millionär oder vom Lehrling zum Vorstand? Es ist beides noch möglich. Im Onlinebereich gibt es ja immer noch vergleichbare Traumkarrieren; auch im Handel sind sie nicht unmöglich. Bei uns werden viele Leute nach der Lehre Regionalleiter und Verkaufsleiter oder studieren nebenbei. Bildung muss in Zukunft jedoch anders organisiert sein als in den starren Abläufen: Matura, Studium, Doktor.

STANDARD: Österreich ist bei der Lehre international Aushängeschild und Vorzeigemodell. Im Inland kämpft sie mit massiven Imageproblemen. Wie erklären Sie sich diese Diskrepanz?

Hensel: Es gab immer schon attraktivere und weniger attraktive Berufsbilder. Zu meiner Zeit war der absolute Traumberuf Automechaniker. Das war das Nonplusultra. Heute ist das bei Jungen kein Thema mehr. Der Handel war noch nie unter den Top Ten, und er wird es aufgrund bestimmter Rahmenbedingungen auch nie sein. Aber mit dem, was früher mit der Handelslehre verbunden wurde, damit ist sie heute nicht mehr vergleichbar.

STANDARD: Für die meisten Jungen sind Jobs im Handel nur die zweite Wahl.

Hensel: Das stimmt, gilt jedoch vor allem für den urbanen Raum, in dem es zum Handel genug Alternativen gibt. Im ländlichen Raum fehlen diese. Die Debatte um erste, zweite, dritte Wahl führt am Ziel vorbei, nämlich vielen Jungen die Möglichkeit zu geben, über die Lehre ihre Zukunft zu gestalten.

STANDARD: Lehrlinge klagen über viel Arbeit für wenig Geld, sehen sich mehr als Regalschlichter denn als Verkäufer und hadern mit ungeplanten Überstunden. Hat nicht gerade der Lebensmittelhandel viel zu diesem schlechten Image beigetragen?

Hensel: Imagebilder bilden sich über Jahrzehnte. Aber in der Branche ist viel passiert: Wir und viele andere zahlen zehn, zwölf Prozent über Kollektivertrag. Wir bieten Goodies wie den Führerschein und Zusatzausbildungen. Wir tun so viel wie möglich und werden noch mehr tun müssen. Sonst geraten wir durch geburtenarme Jahrgänge weiter unter Druck.

STANDARD: Was sagen Sie Eltern, die ihre Kinder lieber in der Schule und auf der Universität als in Lehrberufen sehen?

Hensel: Ich würde ihnen raten, ihre Kinder weder zu über- noch zu untervorteilen und für jedes Kind individuell zu entscheiden. Der Unterschied zu früher ist, dass die Entscheidung über Schule oder Lehre keine Entscheidung mehr fürs Leben ist. Diese Zeit ist vorbei. Ich kann mich weiterbilden, den zweiten Bildungsweg gehen.

STANDARD: Haben Sie Sorge, dass Ihnen im Handel der Nachwuchs ausgeht?

Hensel: Je härter der Wettbewerb wird, je schwieriger es ist, Junge zu rekrutieren, desto größer müssen unsere Anstrengungen sein. Wir bieten als Händler 17 Lehrberufe, das wird oft vergessen. Unser Hauptanliegen muss sein, dass jeder Jugendliche etwas tut, ob Studium oder Lehre. Was wir uns als Gesellschaft auf keinen Fall leisten können, ist, dass sie nichts machen und im Abseits landen.

STANDARD: Gerade im Handel finden sich viele Schulabbrecher. Schreckt Lehrbetriebe die schwache Bildung ab?

Hensel: Jeder von diesen Jungen ist eine Persönlichkeit, die etwas hat, das es wert ist, weiterentwickelt zu werden. Vielleicht ist nicht jeder Professor in Mathematik, um es nett zu sagen, hat dafür aber andere Fähigkeiten, auf die wir setzen können. Damit gehen wir das eine oder andere Mal zu oberflächlich um, machen Tests, die nur bestimmte formale Dinge abfragen.

STANDARD: Woran krankt es Ihrer Ansicht nach im Schulsystem?

Hensel: In der Schulpolitik diskutieren schon viel zu viele mit. Das wird nicht besser, wenn ich mitrede. Ich habe den Eindruck, dass viele Leute den Weg definieren, aber das Ziel komplett aus den Augen verlieren. Jeder weiß über die Bedeutung von Vorschulen, umfassender Betreuung für den Werdegang des Kindes. Was mir fehlt, ist das Ziel, zu dem wir hinwollen.

STANDARD: Sie fallen aber nicht in den Chor jener ein, die immer mehr Defizite in der Ausbildung sehen?

Hensel: Es macht nicht viel Sinn, in dieses Lied einzustimmen. Natürlich wäre es mir lieber, wenn das Bildungsniveau höher wäre. Aber das kann ich nur bedingt beeinflussen. Ich muss aus dem was machen, das ich habe. Und wir können nicht den Jugendlichen zu 100 Prozent die Schuld zuschieben. Da tragen wir alle Mitschuld.

STANDARD: Werden Junge in Österreich im Job im Vergleich zu Älteren finanziell zu kurz gehalten?

Hensel: Es gilt, den Einstieg für Junge stärker zu gewichten. Sozialpartner müssen sich im Konsens Umschichtungen überlegen, da Berufseinsteiger mehr Lasten schultern. Aber das geht nicht von heute auf morgen. Ich kann mir nicht vorstellen, jemandem mit 25 Berufsjahren etwas wegzunehmen. Aber wir können Systeme auslaufen lassen und ihnen künftig eine andere Gewichtung geben. (Verena Kainrath, DER STANDARD, 2.1.2015)

Frank Hensel (56) ist seit 2005 Vorstandschef der Rewe International AG, die Billa, Merkur, Penny, Adeg und Bipa vereint. Der deutsche Betriebswirt begann mit einer Lehre im Handel und ist Vater dreier Kinder.

  • Frank Hensel
    foto: apa / hans klaus techt

    Frank Hensel

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