Was Schröcksnadel bei der Tournee stört

30. Dezember 2014, 18:06
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Peter Schröcksnadel sorgt sich um die Skispringerei. Das Wertungssystem ist ihm ein Dorn im Auge. ÖSV-Spartenchef Ernst Vettori teilt die Meinung seines Präsidenten eher nicht. Die Herren Kraft und Hayböck tangiert die Diskussion kaum. Garmisch kann kommen

Garmisch-Partenkirchen - So ist das mit den Meinungen, sie gehen meistens auseinander. Der österreichische Doppelsieg zu Beginn der 63. Vierschanzentournee hat jene, die das Wertungssystem im Skispringen kritisieren, nicht verstummen lassen. Im Gegenteil. "Klar freuen wir uns, dass wir gewonnen haben", sagt ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel im Gespräch mit dem Standard. Aber dass Michael Hayböck, der Zweite, um insgesamt viereinhab Meter weiter gesprungen ist als Stefan Kraft, der Erste, verwundere ihn doch. "Prinzipiell sollte schon der gewinnen, der am weitesten gesprungen ist."

Schröcksnadel stellt seit jeher die Lukenhin- und Lukenherspringerei infrage. "Das wurde ja eingeführt, um bei ganz schlechten Bedingungen vielleicht eine Veranstaltung retten zu können - eine Regel also für Ausnahmefälle. Aber dabei hat man es leider nicht belassen."

Dass ein Springer, der weiter unten wegfährt, dafür mit Kompensationspunkten quasi belohnt wird, will dem ÖSV-Chef nicht eingehen. Die Geschichte mit dem Wind kommt noch dazu. Kraft etwa "profitierte" insofern von eher schlechten Bedingungen bei seinem ersten Versuch, als ihm diese Bedingungen entscheidende Windpunkte bescherten. "Für uns ist es in dem Fall gut gewesen, aber darum geht es ja nicht", sagt Schröcksnadel.

Freiluftsport

Ein Springen solle in erster Linie "interessant sein, und das war es immer auch, weil das Windrisiko dazugehört hat. Wenn einer mehr Glück und also mehr Aufwind hat, dann ist das halt so. Das gehört dazu, es ist ein Freiluftsport. Aber in der Abfahrt geht ja auch niemand her und schreibt einem, vor dessen Start leider Nebel aufgezogen ist, dafür eine Sekunde gut. Das wäre ja Unsinn." Der oberste Skifahrer des Landes geht davon aus, dass sich "im Verlauf einer Saison, meistens sogar schon im Verlauf einer Tournee, das Glück ausgleichen wird."

Immerhin gesteht Schröcksnadel ein, die Skispringerei sei "mit der Laserlinie im Aufsprungbereich echt durchschaubarer geworden, auch für die Leute vor Ort". Diese Linie hat einer, der oben anfährt, zu überspringen, dann übernimmt er die Führung, wenn auch nicht immer, so doch im Regelfall. Bei der Berechnung der Linie werden seit geraumer Zeit auch die Windverhältnisse mit einbezogen, aber natürlich kann sich der Wind auch binnen kürzester Zeit drehen, oder legen et cetera.

Ernst Vettori, aus seiner Geschichte heraus und als Spartenchef im ÖSV klarerweise etwas näher an den Skispringern dran, sagt dem Standard, er würde die Meinung Schröcksnadels "akzeptieren und respektieren. Er sagt mir das alles ja auch immer wieder." Vettoris eigene Meinung ist freilich eine etwas andere. Schließlich werde den TV-Zusehern das Wertungssystem seit Jahren schon nahe- und immer nähergebracht. "Die Leute, die regelmäßig Skispringen schauen, die verstehen das schon. Da gibt es einen Wert, eine Linie, jetzt auch im Stadion, und diese Linie zeigt an, wie weit man springen muss, um in Führung zu gehen." Vettori sieht den Skisprungsport in einer Boomphase, das habe auch Oberstdorf bewiesen. "Am ersten Tag, als letztlich abgebrochen wurde, haben 24.500 vergeblich gewartet. Am nächsten Tag waren trotz schlechter Prognosen wieder 13.000 Fans da."

An einem Faktum ist laut Vettori nicht zu rütteln. "Das Skispringen ist fairer geworden." Auch Schröcksnadel rüttelt nicht, stößt sich aber daran, "dass halt pausenlos nur noch über den Wind geredet wird und zu wenig über die Athleten." Vettori wiederum glaubt nicht, dass das Gerede über den Wind verstummen würde, würde man ihn, den Wind, nicht miteinberechnen.

"Gerechtigkeit haben zu wollen, ist ja okay", stellt Peter Schröcksnadel fest, "aber im Skispringen schaut das manchmal nach Krampf aus." Vettori führt ins Treffen, dass die Kompensationspunkte für verschiedene Anlauflängen dem Veranstalter und der Jury oft helfen. Lässt der Wind im Lauf eines Durchgangs deutlich nach, geht man einfach die eine oder andere Luke hinauf und kann so garantieren, dass alle Springer zumindest eine gute Möglichkeit haben, weit zu fliegen. Die Forderung, es solle der gewinnen, der am weitesten springe, kann Vettori "nachvollziehen", er hat sich aber daran gewöhnt, dass jener gewinnt, der "am besten springt".

Fliegendes Klassezimmer

Die Herren Kraft und Hayböck ficht all das nicht an. Weit springen wollen sie, gut springen wollen sie. Kraft, 21 und aus Salzburg, führt 6,9 Punkte vor seinem Zimmerkollegen Hayböck, 23 und aus Oberösterreich. "Einer zieht jetzt den anderen mit", sagt Hayböck. Vorgesetzter Vettori freut sich über das Zwischenresultat, wird aber nicht müde, das "Zwischen" zu betonen. Gregor Schlierenzauer, 17. von Oberstdorf, sagt, für ihn sei die Tournee "schon Geschichte". Ähnliches gilt für den gestürzten Schweizer Simon Ammann und für die geknickten Deutschen, die sich im neuen Jahr, also in Garmisch-Partenkirchen, bessern wollen. Der Tournee insgesamt würde das schon gut tun - doch mag sein, auch dazu gehen die Meinungen auseinander. (Fritz Neumann, DER STANDARD, 31.12.2014)

  • Peter Schröcksnadel: "In der Abfahrt geht auch niemand her und schreibt einem, vor dessen  Start Nebel aufgezogen ist, eine Sekunde gut."
    foto: apa/herbert pfarrhofer

    Peter Schröcksnadel: "In der Abfahrt geht auch niemand her und schreibt einem, vor dessen Start Nebel aufgezogen ist, eine Sekunde gut."

  • Ernst Vettori: "Die Leute, die regelmäßig Skispringen schauen, verstehen das schon. Das  Skispringen ist fairer geworden."
    foto: apa/ expa/jürgen feichter

    Ernst Vettori: "Die Leute, die regelmäßig Skispringen schauen, verstehen das schon. Das Skispringen ist fairer geworden."

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