Der Bienenforscher und das NS-Regime

1. Jänner 2015, 17:00
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Ausgerechnet im Sommer 1944 gelang Karl von Frisch der Durchbruch bei der Erforschung der "Sprache" der Bienen. Sein Verhalten im Nationalsozialismus wirft einige Fragen auf

Wien - Karl von Frisch und Konrad Lorenz waren Österreichs bisher letzte wissenschaftliche Laureaten: 1973 erhielten die beiden Zoologen gemeinsam mit dem Niederländer Niko Tinbergen den Medizinnobelpreis. Die beiden teilten neben dieser höchsten Auszeichnung für Wissenschafter aber auch noch viele andere Gemeinsamkeiten.

Der 1886 geborene von Frisch und der fast 17 Jahre jüngere Lorenz wuchsen in großbürgerlichen Familien in Wien auf, hatten schon als Kinder Tiere und gingen ins Schottengymnasium. Beide studierten Medizin und Zoologie, beide dissertierten in Wien. Sowohl Frisch als auch Lorenz, die großartige Popularisatoren waren, forschten nicht nur an ihren Instituten: Lorenz machte wesentliche Entdeckungen am Familienwohnsitz in Altenberg bei Wien, und Frisch nützte das Sommerdomizil in Brunnwinkel am Wolfgangsee für seine Forschungen.

In ihrem Verhältnis zum NS-Regime allerdings unterschieden sich die Wissenschafter: Lorenz war eine Zeitlang vom neuen Regime begeistert, trat bald nach dem "Anschluss" der Partei bei, war Mitarbeiter des Rassenbiologischen Amts und sprach sich in einigen Arbeiten für eugenische Maßnahmen wie die "Ausmerzung ethisch Minderwertiger" aus. Von Frisch hingegen gilt als Nazi-Gegner, der sich sogar für verfolgte Kollegen einsetzte.

Dennoch gelang ihm mit seinen Mitarbeitern ausgerechnet gegen Ende des Zweiten Weltkriegs ein entscheidender Durchbruch bei der Entschlüsselung der Bienentanzsprache: Er konnte zeigen, welche komplexen Informationen im Rund- und vor allem im Schwänzeltanz der Bienen stecken. Wie aber war es möglich, dass von Frisch in jenem Sommer 1944, als die deutschen Truppen an der Ostfront ihre entscheidenden Niederlagen einstecken mussten, sich ganz der Forschung widmen konnte, während das Parteimitglied Konrad Lorenz ebendort in Kriegsgefangenschaft geriet?

Die US-Wissenschaftshistorikerin Tania Munz hat rund um diese Frage umfangreiche Recherchen angestellt und einige Antworten gefunden, die einfachen Einteilungen in "gut" und "böse" zuwiderlaufen. Stattdessen kann Munz, die an der Uni Princeton über Lorenz und von Frisch promoviert hat, am Beispiel Karl von Frisch zeigen, wie sich Forscher trotz aller Vorbehalte mit dem NS-Regime arrangieren konnten.

Dabei sah es für von Frisch bald nach der Machtübernahme Hitlers nicht gut aus: Nazis intervenierten an der Universität München gegen ihn. Insbesondere der Botanik-Dozent Ernst Bergdolt, Präsident des NS-Dozentenbundes, warf ihm eine NS-feindliche Haltung vor: Frisch würde jüdische Mitarbeiter, aber kaum Parteigenossen beschäftigen. Auch machte man ihm den Vorwurf, dass seine Forschungen etwa an Regenwürmern das neue, strenge Tierschutzgesetz verletzten würden. Schließlich sei nicht klar, ob er überhaupt rein arischer Abstammung sei.

Befürworter der NS-Eugenik

1936 verlangte Bergdolt deshalb beim Reichserziehungsministerium eine Versetzung des Forschers, hatte damit aber keinen Erfolg. Zufall oder nicht: Im gleichen Jahr erschien von Frischs populärwissenschaftlicher Bestseller "Du und das Leben", dessen wenig bekannter Schlussabschnitt heutige Leser verstört und in späteren Auflagen auch gestrichen wurde: Der Autor rechtfertigte darin nämlich die eugenischen Maßnahmen der Nationalsozialisten, also auch das 1934 in Kraft getretene "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" und das Rassenpolitische Amt.

Konkret heißt es da unter anderem: "Wenn der Mensch den Versuch unternimmt, eine Ausmerzung der Untüchtigen durchzuführen, so wird er menschliche Methoden anwenden. Ein sicheres Mittel, um unter Wahrung der individuellen Lebensrechte eines Erbkranken seine Fortpflanzung zu verhindern (...), ist die Sterilisierung." Mildere Maßnahmen wie Eheberatung und Eheverbot würden laut von Frisch nicht ausreichen, "denn die Liebe lässt sich ungern Vorschriften machen".

Munz, die kürzlich in Salzburg und Wien über von Frisch referierte, will diese Passagen nicht beschönigen, weist aber - wie ihr Autor - auf die zu dieser Zeit relativ weit verbreitete Praxis der Sterilisierungen hin: "Das war 1936 auch in einigen Staaten der USA, in Teilen der Schweiz oder in Skandinavien üblich. In Ländern wie Schweden konnte sie auch gegen den Willen der Betroffenen erzwungen werden." Irritierend sei freilich auch, sagt Munz, dass "Du und das Leben" als zweiter Band einer Buchreihe von Joseph Goebbels für die Wehrmacht erschien.

Bis Ende 1940 konnte von Frisch jedenfalls ungestört als Professor für Zoologie in München weiterforschen. Als solcher engagierte er sich 1939 auch erfolgreich für die Freilassung des im KZ Dachau internierten polnisch-jüdischen Biologen Roman Wojtusiak, der 1932 in seinem Institut gearbeitet hatte. Anfang Jänner 1941 war von Frisch allerdings mit dem Vorwurf konfrontiert, tatsächlich Enkel einer jüdischen Großmutter und "Vierteljude" zu sein. Das bedeutete die zwangsweise Pensionierung.

Der Zoologe, laut Munz ein "Wissenschafter durch und durch" sowie "grundsätzlich eher unpolitisch", mobilisierte daraufhin einflussreiche Kollegen. Zu diesen Gewährsmännern dürfte auch sein Schüler Walter Greite gehört haben, SS-Hauptsturmführer im Reichssicherheitshauptamt, der bereits bei den Interventionen für Wojtusiak geholfen hatte. Die entscheidende Hilfe für von Frisch kam nun aber wahrscheinlich von Bernhard Grzimek, vermutet Munz. Der spätere Zoodirektor und TV-Tierexperte war im NS-Landwirtschaftsministerium angestellt und trug wohl mit dazu bei, dass von Frischs Forschungen als kriegswichtig eingestuft wurden.

"Nützliche" Forschungen

"Dazu musste sich Karl von Frisch aber auch für die Machthaber nützlich machen", wie Munz betont. Der Bienenexperte hatte sich angetragen, Mittel gegen die Nosemose zu finden, eine damals in Deutschland grassierende Bienenkrankheit, die durch einen Einzeller ausgelöst wird. Der Biologe schrieb darüber an exponierter Stelle: Bereits Ende Jänner stellte er im großformatigen Wochenblatt "Das Reich", in dem Joseph Goebbels seine Kommentare veröffentlichte, auf einer ganzen Seite seine ernährungspolitisch wichtigen Forschungsprojekte dar.

Die neuen Untersuchungen von Frischs zur Bekämpfung der Nosema-Seuche und wohl auch die Interventionen wichtiger Kollegen hatten Erfolg: Reichserziehungsminister Bernhard Rust entschied, dass die Pensionierung bis zum Kriegsende zurückgestellt wird. Über die Forschungen an der Nosemose und die Duftlenkung der Bienen für die Landwirtschaft kam von Frisch aber wieder auf die "Sprache" der Bienen zurück. "Eine der wichtigsten Entdeckungen von Frischs hatte also indirekt auch etwas mit kriegswichtiger Forschung zu tun", resümiert Munz.

Karl von Frisch publizierte die neuen Erkenntnisse nach dem Krieg in der ersten Ausgabe der "Österreichischen Zoologischen Zeitschrift". Er selbst trat eine Professur in Graz an, da sein Institut in München ausgebombt war, ging aber 1950 an seine deutsche Wirkungsstätte zurück. Als seinen Nachfolger in Graz schlug von Frisch mit Nachdruck Konrad Lorenz vor, der 1948 aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft nach Österreich zurückgekehrt war.

Doch Lorenz bekam die Stelle nicht - vermutlich auch wegen einer Textstelle aus dem Jahr 1940, in der er sich darüber ereifert hatte, dass dem austrofaschistischen Unterrichtsministerium "Biologe, Darwinist und Nationalsozialist eigentlich dasselbe waren" und es die Biologie aus dem Medizinstudium gestrichen hatte. Dumm nur, dass nach 1945 im Unterrichtsministerium die gleichen Personen die Fäden zogen wie vor 1938 und auch nach 1945 die Biologie wieder aus dem Medizinstudium strichen.

Doppelte Abwanderung

So kam es, dass Konrad Lorenz noch im gleichen Jahr wie Karl von Frisch Österreich verließ und nach Deutschland ging. Diese letzte Gemeinsamkeit wurde sogar Gegenstand einer Parlamentsrede von Ernst Fischer. Ausgerechnet der führende KPÖ-Intellektuelle beklagte sich 1950 bitter darüber, dass die Regierung "zwei weltberühmte Gelehrte, den Grazer Zoologen Karl Frisch und den Tierpsychologen Konrad Lorenz", aus Österreich abwandern ließ - als ob er es geahnt hätte, dass die beiden die bislang einzigen wissenschaftlichen Laureaten Österreichs nach 1945 werden würden. (Klaus Taschwer, DER STANDARD, 31.12.2014)

  • Gemeinsam mit Konrad Lorenz war Karl von Frisch 1973 Österreichs bislang letzter wissenschaftlicher Nobelpreisträger. Die Auszeichnung erhielt er für die Entschlüsselung der "Tanzsprache" der Bienen.
    foto: getty images

    Gemeinsam mit Konrad Lorenz war Karl von Frisch 1973 Österreichs bislang letzter wissenschaftlicher Nobelpreisträger. Die Auszeichnung erhielt er für die Entschlüsselung der "Tanzsprache" der Bienen.

  • Karl von Frisch und eine Mitarbeiterin im Jahr 1941 in seinem Institut an der Uni München. Um im NS-Regime weiterforschen zu können, hat sich der Biologe für die Machthaber nützlich gemacht.
    foto: picturedesk.com/ullstein

    Karl von Frisch und eine Mitarbeiterin im Jahr 1941 in seinem Institut an der Uni München. Um im NS-Regime weiterforschen zu können, hat sich der Biologe für die Machthaber nützlich gemacht.

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