Bozo Vreco: "Traurigkeit ist besser als Liebe"

1. Jänner 2015, 17:00
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Einen Sänger in Frauenkleidern und mit Bart nennt nun auch Bosnien-Herzegowina sein Eigen: Bozo Vreco ist leidenschaftlicher Autodidakt, er singt elegische Sevdah-Lieder - demnächst auch in Wien

Er hat grüne Diamantenaugen und bewegt sich sehr graziös. Seine langen Kleider entwirft er selbst. Viele Frauen würden ihn um seine Figur beneiden. Seine langen Haare trägt er zurzeit zusammengeknotet. Nun hat er auch einen Bart. Seine Stimme hat etwas Furchtloses und Leichtes. Im Übrigen würde er gern Bosnien-Herzegowina beim Songcontest vertreten. Doch der grazile bosnische Sänger möchte mit niemanden verglichen werden. Bozo Vreco sticht ohnehin heraus. Kaum ein anderer Mann in diesen Breitengraden würde es wagen, so ein "Sweetheart" zu sein. "Was soll so einer wie ich machen? Jeder, der mich sieht, weiß ohnehin Bescheid. Man kann mich ja nicht verstecken", sagt Vreco.

Seit der 30-Jährige vor zwei Jahren beim bosnischen Face-TV einfach das Mikro in die Hand nahm und so sang, als würde es darum gehen, die einzig Liebeserklärung seines Lebens abzugeben, gilt er als Entdeckung. Dabei hat der Mann aus dem ostbosnischen Foca niemals Gesangsunterricht genommen.

Gesang als Lebensquelle

Als er vor zwei Jahren nach Sarajevo kam, kannte er noch dazu niemanden. Er hatte keine Erfahrung, keine Freunde hier und kein Geld. Nur eine Art von "idee fixe". "Ich wollte Sevdah-Sänger werden", erzählt er. Dabei hatte er zuvor in Belgrad Archäologie studiert. Mittlerweile lebt Vreco von seinem Gesang. "Sevdah ist für mich eine Lebensquelle", sagt er. Und man glaubt ihm das gern. Obwohl Herr Vreco so filigran scheint, ist er, wenn es um Sevdalinka geht, fiebrig und passioniert.

Sevdah kommt vom arabischen Wort "sawda", was schwarze Galle bedeutet. In den Sevdah-Liedern steckt Sehnsucht und Trauer. Wahrscheinlich entstand die Sevdalinka im 15. Jahrhundert, nachdem die Osmanen Bosnien-Herzegowina eroberten. Osmanische Musiktraditionen vermischten sich mit den damaligen slawischen. Die Sevdah-Lieder sind Lieder, die sich in den bosnischen Städten entwickelten - es handelt sich also nicht um ländliche Volksmusik. Sevdalinka wurde zu vielen Anlässen gespielt, privat, beim Essen, auf den Straßen und sogar beim Militär.

Das traditionelle Musikinstrument, das zum Sevdah-Gesang verwendet wird, ist die Saz, später kam das Akkordeon dazu. Vreco spielt mittlerweile mit der Gruppe Halka. In Sarajevo der Hauptstadt der Sevdalinka, studiert er Sevdah, beschäftigte sich mit Texten und Melodien. Vreco war früh vertraut mit der Musik, obwohl es in seiner Heimatstadt Foca, die nicht gerade für ihre Liberalität bekannt ist, kaum mehr Sevdah gibt. "Ich habe keine Angst vor der Traurigkeit", erzählt er. Vreco findet, dass Traurigkeit sogar besser sei als Liebe, weil die Traurigkeit prinzipiell stärker und weniger selbstbezogen. "Wenn ich singe, dann bin ich mit den anderen in Verbindung", sagt er.

Vreco, den seine Mutter unterstützt hatte, um so sein zu können, wie er ist, nimmt sich die Freiheit, etwas auszudrücken, was in Bosnien-Herzegowina zwar nicht provoziert, aber trotzdem sehr different ist. "Meine Freiheit, das ist auch die Freiheit für andere", sagt der junge Mann. "Und alles ist möglich, und ich bin ein Beispiel dafür." In der Früh, wenn er aufwache, habe er oft Musik im Kopf. Die Lyrik käme dann oft im Laufe des Tages. Die nächste CD will er nur mit seinen Kompositionen machen. Am 17. Jänner wird er mit der Gruppe Halka auch in Wien spielen. (Adelheid Wölfl, DER STANDARD, 31.12.2014/1.1.2015)

  • Die Kleider entwirft er selbst, der Blick ist sehnsüchtig, die Stimme furchtlos: Der Bosnier Bozo Vreco ist nach Eigendefinition ein Beispiel dafür, dass "alles möglich ist."
    foto: b. vreco

    Die Kleider entwirft er selbst, der Blick ist sehnsüchtig, die Stimme furchtlos: Der Bosnier Bozo Vreco ist nach Eigendefinition ein Beispiel dafür, dass "alles möglich ist."


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