Mehr Freiheit für die Mutterschweine

30. Dezember 2014, 17:55
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In der modernen Schweinefleischerzeugung wurde bisher zu wenig Rücksicht auf das natürliche Verhalten der Tiere genommen. Ein Blick hinter die Kulissen

Wien - Einen Tag, bevor eine Sau Ferkel bekommt, wird sie unruhig. Sie zeigt erhöhte Aktivität, weil sie für ihren Nachwuchs ein Nest bereiten will. "Es ist ein genetisch weitergegebenes Programm, das in den letzten 24 Stunden vor der Geburt abläuft", sagt Johannes Baumgartner, Professor an der Veterinärmedizinischen Universität Wien. "Dieses Verhalten ist hochmotiviert. Eine Einschränkung der Bewegung bedeutet eine enorme Stressbelastung für die Tiere, die sich auch negativ auf die Geburt ausübt."

In der industrialisierten Schweineproduktion, wie sie weltweit vorherrscht, haben die Muttersauen nicht die Freiheit, ihrem Nestbau-Instinkt zu folgen. Eine Woche vor dem errechneten Geburtstermin kommen die Tiere in eine Abferkelbucht, wo sie in einem Kastenstand bis zum Ende der Säugeperiode vier Wochen nach der Geburt fixiert werden.

Der etwa 70 Zentimeter breite Käfig mit integriertem Trog schützt die durchschnittlich 13 Ferkel eines Wurfs davor, in der nur vier Quadratmeter großen Abferkelbucht von ihrer bis zu 300 Kilogramm schweren Mutter erdrückt zu werden. Die Sau kann sich im Kastenstand allerdings kaum bewegen. Sie kann den Kotplatz nicht vom Liegeplatz trennen. Aufstehen und Hinlegen sind erschwert.

Für die Sauen bedeutet das eine "massive Einschränkung des Wohlergehens" , sagt Baumgartner. Der Veterinärmediziner ist gemeinsam mit Projektpartnern aus Landwirtschaft und Forschung dabei, im Rahmen des Projekts "Pro-SAU" Verbesserungsmaßnahmen für die Tiere zu testen und zu bewerten.

Besseres Leben bis 2033

Denn der Gesetzgeber hat mittlerweile festgeschrieben, dass nach einer langen Übergangsfrist bis zum Jahr 2033 die Schweine ein besseres Leben haben sollen: Einerseits wurde die Mindestgröße der Abferkelbuchten von vier auf fünfeinhalb Quadratmeter erhöht, andererseits soll die Sau eine kürzere Zeit im Kastenstand verbringen.

"Die Periode, in der die Ferkel Gefahr laufen, erdrückt zu werden, liegt innerhalb der ersten zwei bis fünf Lebenstage", sagt Baumgartner. "Die Sau soll nur noch während dieser kritischen Phase fixiert werden dürfen." Die Ferkelmortalität, die nicht nur aus Tierschutz-, sondern auch aus wirtschaftlichen Gründen ein Problem ist, soll weiterhin möglichst gering gehalten werden.

Bis zu 100.000 Abferkelbuchten gibt es in Österreich, schätzt der Veterinärmediziner. Bis zum Jahr 2018 soll im Rahmen des Evaluierungsprojekts geklärt werden, welche Grundanforderungen die "Geburtsstationen" tatsächlich haben müssen und wie lange die Ferkel - das sind die zukünftigen Mastschweine - in den neuen Abferkelbuchten tatsächlich gefährdet sind. Sowohl dem Wohlergehen der Tiere als auch der Wirtschaftlichkeit müsse Rechnung getragen werden, so Baumgartner.

An neun Standorten in Österreich werden Daten zu den neuen Anlagen und Methoden gesammelt. Baumgartner leitet das Projekt an einem der drei beteiligten Forschungsbetriebe. "Es geht nicht darum, ein System zu kreieren, das nur die Top-Betriebe schaffen", sagt er, "das System soll es allen guten Betrieben ermöglichen, die Produktion ökonomisch weiterzuführen."

Baumgartner testet vier Typen neuer Abferkelbuchten und vier verschiedene Verfahren, die auf unterschiedlichen Annahmen über die kritische Phase der Neugeborenen fußen. Die Sauen werden - beginnend vor und nach dem Abferkeln - zwischen drei und sechs Tage lang fixiert. Eine Kontrollgruppe soll ganz ohne den Kastenstand auskommen. Nicht nur die Mortalität wird bei der Auswertung eine Rolle spielen, sondern auch sämtliche Verhaltensweisen der Tiere, die über Videosysteme ausgewertet werden. Am Ende soll jenes Verfahren mit der geringsten Fixierungsdauer ausfindig gemacht werden, das gleichzeitig die Ferkelmortalität nicht ansteigen lässt.

Elektronik und Tierschutz

Aus Sicht des Tierschutzes könnte die verkürzte Zeit im Kastenstand langfristig gesehen ein notwendiger Zwischenschritt hin zu einem Verfahren sein, bei dem die Sauen nur noch im Ausnahmefall fixiert werden müssen, sagt Baumgartner. Ein solches System sei in der Schweiz und in Schweden bereits Realität.

Eine Fixierung problematischer Tiere muss dort dokumentiert werden. "Es braucht jedenfalls ausreichend Zeit und positive Erfahrungen, bis sich der Kastenstand auch in den Vorstellungen der Tierhalter wieder gänzlich öffnet", sagt der Wissenschafter.

In Zukunft könnte auch moderne Elektronik helfen, Tierschutz und wirtschaftliche Interessen unter einen Hut zu bringen. Im Rahmen des Projekts "PIGwatch" an der Vetmed-Uni Wien, das auf dem Evaluierungsprojekt aufsetzt, sollen Ohrmarken mit Bewegungs- und Beschleunigungssensoren das Verhalten der Tiere aufzeichnen.

Spezielle Algorithmen könnten dann etwa erkennen, wann die Sau mit dem Nestbau fertig ist, um sie erst danach zu fixieren. Die Zukunft der industriellen Landwirtschaft weist in Richtung "Smart Farming", sagt Baumgartner. "Wie schnell die Techniken in die Praxis einfließen werden, ist eine andere Frage."

Etwa 5,5 Millionen Schweine werden jährlich in Österreich geschlachtet. Weltweit sind es etwa 1,4 Milliarden. Die Produkte seien viel zu billig, für Betriebe sei die Rechnung eng, und die Konkurrenz am Weltmarkt ist enorm. Der Verordnung zu den Abferkelbuchten seien heftige Debatten vorausgegangen, sagt Baumgartner. Die Volksanwaltschaft hat darauf hingewiesen, dass die aktuelle Praxis mit dem Tierschutzgesetz nicht zu vereinbaren sei.

Bei 90 Prozent der weltweiten Produktion werden die Tiere langfristig fixiert, erklärt der Veterinärmediziner. Anders sind die Bedingungen etwa in heimischen Biobetrieben, in denen die Schweine unter anderem doppelt so viel Platz und Zugang zu Auslauf haben müssen. Nur fehlt dort wegen des höheren Preises die Nachfrage. Baumgartner: "Nur zwei Prozent der heimischen Mastschweine kommen aus einer Bioproduktion." (Alois Pumhösel, DER STANDARD, 31.12.2014)

  • Das Gesetz schreibt Schweinen in Österreich bis 2033 ein besseres Leben vor. Was dafür getan werden muss, erforscht Veterinärmediziner Johannes Baumgartner. Vor allem in der Bewegungsfreiheit von Mutterschweinen gibt es Handlungsbedarf, um den Tieren zu ermöglichen, ihren natürlichen Instinkten zu folgen.
    foto: apa/dpa/jaspersen

    Das Gesetz schreibt Schweinen in Österreich bis 2033 ein besseres Leben vor. Was dafür getan werden muss, erforscht Veterinärmediziner Johannes Baumgartner. Vor allem in der Bewegungsfreiheit von Mutterschweinen gibt es Handlungsbedarf, um den Tieren zu ermöglichen, ihren natürlichen Instinkten zu folgen.

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