Gegessen wird, was auf den Tisch kommt

1. Jänner 2015, 09:00
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Der Kannibalismus gilt von jeher als Tabubruch Nummer eins. Ein Forschungsschwerpunkt an der Uni Innsbruck widmet sich dem mythenbeladenen Thema

"Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt" und "Pfui Bäh": Auf diesen beiden Erziehungsprinzipien fußt unsere Kultur. So zeichnete der bedeutende Soziologe Norbert Elias in seinem Opus magnum Der Prozess der Zivilisation die Geschichte des Menschen als eine stetige Ausprägung von Manieren, die sich vor allem auch am Esstisch herausbildeten. Das größte kulinarische Tabu, das es in unserer Kultur gibt, ist der Verzehr von Menschenfleisch: Einen anderen Menschen zu töten und zu verspeisen - unsittlicher kann man nicht sein.

Wissenschafter verschiedener Institute der Universität Innsbruck beschäftigen sich derzeit mit diesem komplexen wie mythenbeladenen Thema. Diese Arbeit ist auch ein Bestandteil des neuen Innsbrucker Forschungsschwerpunkts "Kulturelle Begegnungen - Kulturelle Konflikte".

Jahrtausendealtes Gespenst

Das Gespenst des Kannibalismus spukt schon seit Jahrtausenden durch die Kulturgeschichte. Auf die sogenannte Anthropophagie, den Verzehr von Menschenfleisch durch Menschen, stößt man immer wieder: in den Mythen der Antike, den Werken von Shakespeare und Montaigne oder im zeitgenössischen Film, wie zum Beispiel in Gestalt des menschenfressenden Gentlemanpsychiaters Hannibal Lecter.

Jedoch ist dieses Phänomen nicht bloß eine künstlerische Schauerfantasie. Diese Darstellungen wurden über die Jahrhunderte auch genährt von zahlreichen Berichten europäischer Forschungsreisender aus anderen Erdteilen, in denen angeblich Eingeborenenstämme ihre Mitmenschen ganz selbstverständlich vertilgten - zur Ernährung, viel mehr jedoch als Teil von feierlichen Ritualen, was die zumeist christlichen Entdecker schaudern ließ.

Laut dem Historiker Robert Rebitsch an der Uni Innsbruck gibt es jedoch in der Forschung an diesen Darstellungen längst erhebliche Zweifel: "Die Berichte aus Südamerika und dem pazifischen Raum stammen mehrheitlich aus zweiter oder dritter Hand. Daher stellt sich die Frage, wie authentisch diese Quellen sind.

Es regt sich der Verdacht, dass dieser Tabubruch par excellence von europäischen Eroberern und Entdeckern in erster Linie dazu benutzt wurde, um die indigenen Völker zu diskreditieren und einen Grund vorzuschieben, um diese Menschen zu missionieren, wenn nicht gar zu eliminieren." Die vermeintliche Berichterstattung über die barbarischen Handlungen seien somit viel mehr kulturelle Dokumente der europäisch-christlichen Kultur, aus der die Verfasser stammen.

Ähnlicher Meinung ist der Innsbrucker Altphilologe Martin Gronau, der derzeit am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften (IFK) an der Kunstuniversität Linz in Wien als Junior Fellow tätig ist: "Kannibalismus muss nicht zwangsläufig am animalischen Rand der Welt verortet werden. Menschenfresserei existiert gerade auch in ihrem allzu menschlichen Kern."

Die Bestie im Menschen

Nicht ohne Grund spreche man davon, dass Menschen von ihren Artgenossen "abgeschlachtet", dass Ethnien "einverleibt" werden, dass bisweilen nicht nur Individuen, sondern auch ganze Gesellschaften sich "wie im Wahn selbst verzehren", sagt Gronau. "Der Kannibale symbolisiert nicht nur das animalische Andere, sondern auch die Bestie im Menschen selbst."

Die vor allem in Europa verbreitete Sichtweise, dass Menschenfresser ausschließlich Fremde aus weitentfernten Weltgegenden seien, müsse man angesichts der Quellenlage ohnehin hinterfragen: Die Charakterisierung von fremden Völkern als Kannibalen komme in Texten aus dem Alten Orient nicht vor, während Aristoteles wiederum von kannibalistischen Fällen in der Mitte der Gesellschaft Athens berichtete.

Dennoch dominierte in der westlichen Kultur lange die Vorstellung, dass das Verspeisen von Menschenfleisch nur unter Wilden und nicht in der eigenen Umgebung vorkomme.

Die kritische Auseinandersetzung in der Wissenschaft mit dem Bild von Kannibalen als den Primitiven, die im Dschungel leben, nahm in den Achtzigerjahren ihren Ausgang. Der Soziologe Marcel Amoser weist darauf hin, dass dieser Paradigmenwechsel sich auch in der jüngeren Mediengeschichte niederschlägt.

Figuren wie der bereits erwähnte Dr. Lecter oder der Obdachlose verschlingende Yuppie Patrick Bateman aus Bret Easton Ellis' American Psycho betraten jetzt die popkulturelle Bühne - der Kannibale war in der höheren Gesellschaft angekommen.

Kritik und Kannibalismus

Nach Amosers Auffassung erklären sich diese Veränderungen mit dem kulturellen Umbruch, der seinerzeit in der westlichen Welt zutage getreten sei: "Durch vermehrt vorangetriebene neoliberale Politik sind seit damals soziale Ungleichheiten in der eigenen Gesellschaft vermehrt in den Blickpunkt geraten. Die Darstellung des urbanen Kannibalismus geht daher häufig mit Gesellschaftskritik einher", sagt Gronau.

Die zivilisierten Menschenfresser Lecter und Bateman sind hiernach bewusst überzeichnete Zerrbilder eines Wertewandels, der sich aus einem entfesselten Markt ergibt und mit denen angemahnt wird, dass übermäßiger Konsum eventuell zur Selbstzerstörung führen kann.

So verschieden die Forschungsfelder und -ansätze der Innsbrucker Wissenschafter auch sind, so eint sie die Meinung, dass dieser Gegenstand keine obskure Fußnote der Entwicklung des Menschen ist: Die Auseinandersetzung mit diesem Tabu sei viel mehr eine kulturgeschichtliche Konstante, anhand der sich in den jeweiligen Epochen über die eigenen Werte verständigt wird.

Das Phänomen des Kannibalismus verweist auf die Kehrseite einer Medaille namens "Zivilisation", die wir stolz mit uns tragen. So schrieb bereits Friedrich Nietzsche: "In der Einsamkeit frisst sich der Einsame selbst auf, in der Vielsamkeit fressen ihn die vielen." (Johannes Lau, DER STANDARD, 31.12.2014)


Der interdisziplinäre Forschungsschwerpunkt "Kulturelle Begegnungen - Kulturelle Konflikte" an der Universität Innsbruck wird am 12. Jänner um 17 Uhr in den Veranstaltungsräumen des Bundesministeriums für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft, Freyung 3, 1010 Wien, vorgestellt.

  • Dr. Hannibal Lecter bereitet sich sein Mahl. Dargestellt vom dänischen Schauspieler Mads Mikkelsen in der Fernsehserie "Hannibal", ist er eine zeitgenössische Verkörperung eines Gespenstes, das seit Jahrtausenden durch die Kulturgeschichte geistert: der Kannibale.
    foto: ap / nbc / brooke palmer

    Dr. Hannibal Lecter bereitet sich sein Mahl. Dargestellt vom dänischen Schauspieler Mads Mikkelsen in der Fernsehserie "Hannibal", ist er eine zeitgenössische Verkörperung eines Gespenstes, das seit Jahrtausenden durch die Kulturgeschichte geistert: der Kannibale.

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