2015 - Ein Jahr der Entscheidungen

1. Jänner 2015, 08:00
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Im neuen Jahr wird halb Österreich zu den Wahlurnen gebeten. In manchen Ländern Europas könnte es überraschende Koalitionen geben. Den Soundtrack liefert der Song Contest

foto: oliver schopf

Es wird finster im Jahr 2015. Zumindest auf der Nordhalbkugel, wo am 20. März eine totale Sonnenfinsternis über Grönland und Island bis Spitzbergen ziehen wird. Die Sofi wird auch Österreich erwischen, das Zentralgestirn wird sich hier aber nur zu etwa 70 Prozent bedeckt halten. Genug Licht also, um sich auf die totale Mondfinsternis am 28. September vorzubereiten.

Erhellend sollte sich das neue Jahr auf eines der größten Projekte der vergangenen Jahre in Österreich auswirken: die Aktualisierung der Einheitswerte in der Land- und Forstwirtschaft. An der Neubewertung der Grundbesitze wird seit Monaten gekiefelt, doch wegen IT-Problemen in Finanzämtern wurden von insgesamt 600.000 Bescheiden bisher nur 50.000 fertiggestellt.

Bei der innenpolitischen Großwetterlage ist mit regionalen Gewittern zu rechnen. Halb Österreich wird zu den Wahlurnen gebeten.

Wahlen im Ausland

Auch außenpolitisch wird 2015 ein Jahr der Entscheidungen: Als wegweisend könnte sich schon der 25. Jänner erweisen, wenn sich Griechenlands regierende Koalition aus Konservativen und Sozialisten vorgezogenen Neuwahlen stellen muss. Gewinnt die in Umfragen führende linke Syriza, stehen die Vereinbarungen mit den internationalen Kreditgebern auf der Kippe. Auch in Spanien, wo Ende des Jahres gewählt wird, führt in Umfragen eine neue Kraft: die erst 2014 gegründete linke Bürgerbewegung Podemos, die explizit gegen die "Kaste" der etablierten Parteien antritt. In Großbritannien könnten schließlich nach den Wahlen im Frühjahr die Anti-EU-Partei Ukip und die Schottische Nationalpartei SNP klare Mehrheiten verhindern.

Planmäßig neu gewählt werden in der EU auch die Parlamente Portugals, Polens, Finnlands und Estlands. Und auch dort werden ungewöhnliche Koalitionen Folge der schwachen Parteienlandschaft sein. Außerhalb der Union entscheiden im März Israels Wählerinnen und Wähler zwischen rechten und zentristischen Blöcken. Die Parlamentswahl in der Türkei wird zu einem neuen Referendum über das System Erdogan werden. In Kanada könnte die konservative Langzeitregierung Stephen Harpers vom Liberalen Justin Trudeau abgelöst werden, in Argentinien endet mit Wahlen im Herbst die Ära der Kirchners.

Die in der Ukraine-Krise zu neuer Bedeutung aufgestiegene Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) wird ab 1. Jänner von Serbien geführt - einem Land, das selbst zwischen der EU und Moskau steht. Eine härtere Linie gegenüber Moskau ist von Lettland zu erwarten, das im ersten Halbjahr 2015 den Rat der EU führt. Im Atomstreit mit dem Iran soll es bis 1. Juli eine Einigung geben.

Politik

foto: standard/newald

Das kommende Jahr wird - im Unterschied zu 2014, in dem die Europawahl ein Nebenschauplatz war und nur in Vorarlberg eine Landtagswahl stattgefunden hat - zu einer Art Superwahljahr. Und damit (allen einschlägigen Dementis zum Trotz) zum Test für die Koalition.

Die hat sich allerdings zunächst und quasi parallel zu den anlaufenden Wahlkämpfen eine andere Hürde gelegt: Bis zum 17. März 2015 soll die Steuerreform paktiert sein. Die Erwartungen der Bürger an diese Reform sind gering, aber die Diskussion darüber bindet andere Reformkräfte: Weder bei der Bildung (Einführung einer Art Schulpflicht vom fünften bis zum vollendeten 18. Lebensjahr) noch bei der Verwaltungsreform geht Substanzielles weiter.

Neben den Landtagswahlen in Wien, Oberösterreich, der Steiermark und dem Burgenland stehen auch Gemeinderatswahlen (Niederösterreich eröffnet den Wahlreigen am 25. Jänner, Steiermark, Kärnten, Vorarlberg und Oberösterreich folgen). Von den Interessenvertretungen rufen Wirtschaftskammer und Hochschülerschaft die Mitglieder an die Urne. Und für die Bundespräsidentenwahl 2016 werden Kandidaten gesucht.

Wirtschaft

foto: karl-josef hildenbrand dpa/lby

In der Wirtschaft wird es auch im kommenden Jahr alles andere als wie geschmiert laufen, selbst wenn der niedrige Ölpreis etwas mehr im Börserl lässt. Von höheren Zinsen können die Österreicher angesichts der schwachen Konjunktur nur träumen. Die Inflation wird das Geld auf dem Sparbuch weiter langsam auffressen.

Ein wenig besser schaut es auf dem Gehaltszettel aus, Handelsangestellte und Metaller kriegen 2,1 Prozent mehr. Die Inflation wird laut Nationalbank 1,4 Prozent betragen. Wer sein Geld in Lebensversicherungen gesteckt hat, muss sich ab nächstem Jahr mit einem niedrigeren Garantiezins abfinden. Die gesetzlich vorgeschriebene Obergrenze sinkt von 1,75 auf 1,5 Prozent.

Auch von der Hypo werden Herr und Frau Österreicher im neuen Jahr wieder hören. So entscheidet der Verfassungsgerichtshof etwa, ob das Hypo-Sondergesetz rechtmäßig ist. Damit wurden die Eigentümer einiger Hypo-Anleihen enteignet. Mit 1. Jänner tritt außerdem das neue Abwicklungsgesetz für Banken in Kraft. Es soll den Steuerzahler künftig aus Bankenrettungen raushalten.

Bauern müssen ab 1. Jänner höhere Steuern zahlen, weil die Einheitswerte zum ersten Mal seit 26 Jahren angehoben wurden. Auch Raucher werden über die Tabaksteuer wieder stärker zur Kasse gebeten.

Kultur

foto: apa/georg hochmuth

Freudig erwartet wird im neuen Jahr neben dem Song Contest auch die Änderung in der Führung der Bundestheater-Holding, die nach dem Debakel im abgelaufenen Jahr (Stichwort Burgtheater) künftig von einer Doppelspitze geleitet werden soll. Eine neue, doppelte Geschäftsführung erhält ab Oktober auch das Mumok. Nach den Besetzungen wird noch gesucht.

Viele Namen in neuen Leitungspositionen stehen fest: Sven-Eric Bechtolf verantwortet nun für zwei Jahre die Salzburger Festspiele. Elisabeth Sobotka übernimmt die Bregenzer Festspiele; ihr folgt an die Grazer Oper Nora Schmid. Anna Badora (im Bild) tritt am Volkstheater die Nachfolge Michael Schottenbergs an und übergibt das Schauspielhaus Graz an Iris Laufenberg. Das Schauspielhaus Wien führt nach Andreas Becks Abgang Tomas Schweigen, Kira Kirsch startet im Brut.

Ab Mai ist Thomas Trummer Direktor im Kunsthaus Bregenz, Matti Bunzl folgt am Oktober im Wien-Museum auf Wolfgang Kos. Ausgeschrieben werden u. a. die Volksoper, die Museumsquartier GmbH, das Donaufestival und die Viennale. Mit Jubiläen ist 2015 wenig beschenkt, Édith Piaf und Frank Sinatra aber wären 100 Jahre alt geworden.

Sport

foto: apa/herbert pfarrhofer

Auch ohne Olympia ist das Sportjahr 2015 nicht von schlechten Eltern, zumal bei der alpinen Ski-WM in Vail / Beaver Creek vom 2. bis 15. Februar und den folgenden nordischen Weltmeisterschaften in Falun vom 18. Februar bis 1. März für Österreich nicht wenig zu holen ist.

Die nichtwinterlichen Lustbarkeiten sind auch nicht zu unterschätzen, sollte doch Österreichs Fußballteam unter Marcel Koller (Bild) in der EM-Qualifikation den Weg zur französischen Endrunde erfolgreich zu Ende gehen. Die Heuler steigen auswärts: zuerst Russland vs. Österreich (14. Juni) gefolgt von Schweden vs. Österreich (8. September) und schließlich Montenegro vs. Österreich (9. Oktober). 2015 bringt auch den fettesten Formel-1-Kalender aller Zeiten. Der Grand Prix von Österreich in Spielberg am 21. Juni ist das neunte von insgesamt 21 Rennen.

Ein ballesterisches Highlight des Jahres wird die Frauen-WM in Kanada vom 6. Juni bis 5. Juli. Ein Tiefpunkt des Fußballs ist mit 29. Mai auch schon terminisiert. An diesem Tag dürfte der Schweizer Joseph Blatter beim Fifa-Kongress in Zürich in seine fünfte Amtszeit als Präsident des Weltverbandes gewählt werden.

Gesellschaft

foto: apa/herbert neubauer

Es kommt, wie es kommen muss: So einiges wird 2015 teurer. Der Preis der - diesmal azurblauen - Autobahnjahresvignette steigt von 82,7 auf 84,4 Euro. Auch die Rezeptgebühr wird um 15 Cent erhöht (auf 5,55 Euro). Die ÖBB-Tarife klettern im Schnitt um 1,1 Prozent hinauf. Rauchen wird erneut kostspieliger: Spätestens mit April steigen die Preise der Packungen um je zehn bis 20 Cent, von einigen Sorten schon früher. Wer auf E-Zigaretten und E-Shishas umgestiegen ist, wird diese ab Oktober nur noch in Trafiken kaufen können.

In manchen Bereichen können die Haushaltsausgaben hingegen sinken: Mit Juli gibt es die Gratiszahnspange für Kinder und Jugendliche mit erheblichen Zahn- oder Kieferfehlstellungen. Ab Jahresbeginn müssen zudem Vermieter die Reparatur bzw. den Austausch einer Therme bezahlen, für die Wartung müssen die Mieter aufkommen. Außerdem tritt das Verbot des kleinen Glücksspiels in Wien in Kraft. Ab 2. Jänner wird mit Razzien der Finanz gerechnet.

Im Justizbereich kommt der gebührenfreie Gerichtszugang für Minderjährige und betreutes Wohnen statt U-Haft für Jugendliche. Deutlich mehr junge Menschen betrifft die Zentralmatura, bei der alle Gymnasiasten zugleich die gleichen Aufgaben lösen werden müssen. (mesc, ruz, simo, cs, sat, afze, spri, lü, DER STANDARD, 31.12.2014/1.1.2015)

Wie Marty McFly 2015 erlebte

Die Zukunft, aus der Michael J. Fox alias Marty McFly im zweiten Teil der erfolgreichen Hollywood-Trilogie Back to the Future zurückkam, spielte im Jahr 2015. Einige der in den 1980er-Jahren erdachten Prognosen wurden real: Flachbildschirme und Videotelefonie sind heute genauso normal wie Displays, die zeigen, wer anruft. Auch Werbung für einen Strandurlaub in Vietnam - damals, zehn Jahre nach Ende des Vietnamkrieges, vor allem in den USA noch utopisch - findet man heute in jedem Reisebüro.

Der Zeit zu weit voraus waren: fliegende Autos, Gassi-Roboter für Hunde, Pizza-Rohlinge, die im "Hydrator" in Sekunden fertig sind, und der Weiße Hai 19, der auf einem Kinoplakat auftaucht. Am meisten vermisst wird aber das Hoverboard, Martys schwebendes Skateboard - auch wenn es dazu einige (klägliche) Versuche und noch mehr Fakes gibt. (simo)

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