Lernen mit leerem Magen: Einmal Essenskind sein

1. Jänner 2015, 09:00
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Am Bundesrealgymnasium Henriettenplatz versorgt die Stadtdiakonie Tag für Tag Kinder mit einer Mittagsjause. Der soziale Unterschied zu jenen, deren Eltern sich das Mittagsmenü leisten können, bleibt trotzdem

Wien - 13.30 Uhr, die Pausenglocke am Bundesrealgymnasium Henriettenplatz läutet. Für die meisten Schüler geht spätestens jetzt der Schultag zu Ende. Einige Kinder aus der Unterstufe sind für die Nachmittagsbetreuung angemeldet. Heute sind es rund 35 Schüler und Schülerinnen, die in einem Klassenzimmer der Schule im 15. Wiener Gemeindebezirk den Nachmittag miteinander verbringen werden. Nach der letzten Schulstunde macht sich ein kleiner Teil von ihnen, zirka zehn, auf den Weg in die benachbarte Schule.

Ihre Eltern haben sie dort zum Mittagessen angemeldet. Der stolze Preis: 4,70 Euro pro Mahlzeit. Im Jargon der Schule werden jene Schüler, die zum Mittagessen angemeldet sind, "Essenskinder" genannt. Die Essenskinder haben eine Schulstunde Zeit, ihre Mahlzeit einzunehmen.

foto: fischer
Verpflegung für Kinder, die sich das Schulmenü um 4,70 Euro nicht leisten können: Nina, Tuana, Tülin, Fatima und Andela bereiten sich die Jause selbst zu

Der Rest jausnet

Währenddessen vertreiben sich die anderen die Zeit im Klassenzimmer. In dessen hinterem Teil steht ein großer weißer Kühlschrank. Darin zu finden: Tomaten, Käse, Milch, Butter und Joghurt. Für jene Kinder, die nicht zum Essen angemeldet sind, gibt es hier Jause. Tuana nimmt sich ein Glas, schüttet Milch hinein, dazu kommen zwei Löffel Kakaopulver. Tuana liebt Kakao - das müsse sie nützen, denn zu Hause gebe es nur Tee oder Wasser. Fatima hat am liebsten Cocktailtomaten, Brot mit Gurken und Käse. Nina isst gerne Cornflakes und Obst, am liebsten hat sie aber Pizza. Und manchmal, so erzählt sie verschmitzt, manchmal holt sie sich in der Pause ein Pizzastück vom Imbissladen gegenüber.

Amar ist elf. Jeden Tag bekommt er drei Euro mit in die Schule, damit soll er sich Essen kaufen. Zwei Euro gibt er gleich in der Früh für Süßigkeiten aus, ein Euro wird für größere Anschaffungen gespart. Dass Roland (12) hier isst, ist eigentlich nicht geplant. "Sonst gehe ich immer rüber", nur in diesem Monat sei er zu spät dran gewesen mit der Anmeldung für das Schulessen. Karma war einmal "drüben", bei den Essenkindern. Es sei aber "nicht wirklich gut gewesen". Das Essen könnte sie sich schon leisten, aber "ich brauche das nicht".

foto: fischer
An vier Schulen in Wien läuft das Projekt der Diakonie "Lernen mit leerem Bauch? - Geht nicht!" bereits

"Rüber" essen gehen

"Das brauche ich nicht", oder: "Vielleicht im nächsten Monat", sind die Sätze, die die Kinder hier meistens sagen, wenn sie gefragt werden, ob sie auch "rüber" essen gehen wollen. Dass sie sich überhaupt am Kühlschrank in der Schulklasse bedienen können, ist der Stadtdiakonie Wien zu verdanken. An vier Schulen in Wien bietet sie im Rahmen des Projektes "Lernen mit leerem Bauch? - Geht nicht!" Frühstück beziehungsweise Mittagsjause für insgesamt 130 Kinder an. Beachtlich ist die Liste des Lebensmittelverbrauchs aus dem vergangenen Jahr: 476 Kilo Käse, 3740 Liter Milch, 96 Kilo Honig und 1088 Stück Paprika wurden unter anderem verteilt. Beachtlich ist übrigens auch die Liste jener Schulen, die auf die Aufnahmen in das über private Spendengelder finanzierte Projekt warten. Nicht nur die leeren Kindermägen zu füllen ist das Ziel des Projektes - das Ritual des gemeinsamen Essens soll zelebriert werden, Geschirrwaschen inklusive.

Laut Armutskonferenz sind 128.000 Kinder und Jugendliche von manifester Armut betroffen. Das heißt: Sie müssen in feuchten und schimmligen, oft auch überbelegten Wohnungen leben, haben mit großer Wahrscheinlichkeit zu wenig Platz zum Spielen und Arbeiten, keinen eigenen Schreibtisch. Sie müssen in Wohnungen leben, die im Winter nicht angemessen warm gehalten werden können. Für Schulmenüs bleibt in solchen Haushalten meist kein Geld übrig.

Ein Makel der ganztätigen Schulform ist, dass eben beim Mittagstisch doch soziale Unterschiede gemacht werden. Das wurde auch von Genossen aus der roten Parteibasis zuletzt am Parteitag der Bundes-SPÖ bemängelt. (Katrin Burgstaller, DER STANDARD, 31.12.2014)

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