ORF will historisches Funkhaus bis 2016 verkauft haben

30. Dezember 2014, 09:14
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Bestätigt: Zentraler Informationschef kommt – Österreichs größter öffentlich-rechtlicher Medienkonzern ließ sich von Ratingagentur bewerten

Wien – Der ORF will das traditionsreiche Funkhaus in der Wiener Argentinierstraße schon im kommenden Jahr zum Verkauf anbieten. 2016 soll der Bau, an dem Clemens Holzmeister maßgeblich mitwirkte, einen neuen Besitzer haben. Das erklärt ORF-Finanzdirektor Richard Grasl der APA.

Zeugnis von Ratingagentur

Grasl berichtet auch, dass sich Österreichs größtes Medienunternehmen, der öffentlich-rechtliche Rundfunk, erstmals von einer Ratingagentur bewerten ließ. Das Ergebnis soll im Jänner vorliegen. Sanierung des Küniglbergs und Neubau müssen ja finanziert werden – das Funkhaus bringt wohl nur einen Bruchteil der 300 Millionen Euro Gesamtkosten. Das neue Newscenter soll davon rund 60 Millionen ausmachen.

Grasl und ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz lassen sich mit der Bewertung wohl auch vor der nächsten Direktorenwahl (spätestens 2016) eine Art Zeugnis über ihr Wirtschaften ausstellen. Grasl erklärt: Der ORF habe seine Kosten durch Restrukturierungen und neuen Kollektivvertrag nachhaltig um 100 Millionen Euro entlastet.

Grasl will weitermachen

Diese Funktion möchte Grasl auch in der nächsten Geschäftsperiode von 2017 bis 2021 ausüben. Grasl sieht jedenfalls "keinen Grund", am engsten ORF-Führungsteam um ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz etwas zu ändern. "Diese Zusammenarbeit funktioniert, und ich würde sie aus heutiger Sicht gerne fortsetzen", so Grasl.

Zentraler Info-Chef

Grasl bestätigt, dass ein zentraler Informationschef den Ton in der künftig multimedialen Information angeben soll: "Europaweit sind Informationschefs dafür letztverantwortlich, bis hinauf in die Geschäftsführung, und so soll das auch bei uns sein." Er versichert der APA: Die geplanten Strukturänderungen in der Organisation würden nicht zur Einengung von Meinungsvielfalt und redaktioneller Unabhängigkeit im ORF führen: "Im Gegenteil: Wenn das Modell so umgesetzt wird, dann wird es mehr Pluralität geben und mehr Chefredakteure im Team, die entscheiden, wie die Nachrichten ausschauen." Es gebe seitens der Geschäftsführung "sogar die Garantie, dass es zu keiner Verengung des Binnenpluralismus kommt und auch zu keinem Einheitsbrei".

Grasls Gespräch mit der APA im O-Ton:

Herr Grasl, Sie sind seit fünf Jahren kaufmännischer Direktor des ORF. Ihre Bilanz?

Grasl: Es ist uns in diesen fünf Jahren gelungen, das Unternehmen zu restrukturieren und nachhaltig für die Zukunft aufzustellen. Nach der Lehman-Krise 2008 und 2009 ging es zunächst um Stabilisierung. Da hat uns die Gebührenrefundierung geholfen. Inzwischen haben wir uns so zukunftsorientiert aufgestellt, dass wir unser Leistungsspektrum – mit Abstrichen – auch ohne Refundierung aufrechterhalten können und uns ungeplante Großereignisse wie der Song Contest nicht aus der Bahn werfen. 2014 war dabei das intensivste und herausforderndste Jahr bisher. Wir haben die Standort-Entscheidung getroffen, gemeinsam mit Boston Consulting die ORF-Strategie 2020 und ein Operating Model für die neue ORF-Struktur entwickelt, einen neuen Kollektivvertrag verhandelt und das Großereignis Song Contest vorbereitet. Das, was wir allein 2014 gestemmt haben, ist normalerweise ein Zwei-bis-drei-Jahres-Pensum.

Wo steht der ORF finanziell?

Grasl: Wir haben die Kostenbasis durch Restrukturierungen und durch den neuen Kollektivvertrag um rund 100 Millionen Euro nachhaltig entlastet und die Fixkosten gesenkt. Der neue verhandelte Kollektivvertrag ist eine wichtige Weichenstellung für die Zukunft. Ich hoffe, dass diese Erfolge auch bald extern bestätigt werden. Der ORF hat sich nämlich erstmals in seiner Geschichte einem Rating durch eine Agentur gestellt. Das Ergebnis soll im Jänner vorliegen und – so hoffe ich – diesen gemeinsamen Erfolg der Geschäftsführung und Mitarbeiter bestätigen.

Der Finanzplan für 2015 sieht ein ausgeglichenes Budget und positive EGTs vor. Wie sieht die mittelfristige Finanzvorschau aus? 2016 stehen ja mit den Olympischen Sommerspielen in Rio und der Fußball-EM in Frankreich – womöglich mit österreichischer Beteiligung – gleich zwei kostenintensive Großereignisse vor der Tür ...

Grasl: 2016 wird sicher eine große Herausforderung, noch dazu, wenn Österreich bei der Fußball-EM in Frankreich dabei wäre und wir – so hoffe ich – die Übertragungsrechte bekommen. Budgetär wird die Differenz zu 2015 aber nicht ganz so groß, weil wir ja mit dem Song Contest auch im nächsten Jahr ein aufwändiges Großereignis zu stemmen haben. Außerdem werden wir unsere Immobilien-Strategie weiter konsequent verfolgen und 2015 den Verkaufsprozess für das ORF-Funkhaus starten. 2016 soll nach dem im Stiftungsrat vorgelegten Plan das Funkhaus verkauft werden, und bis zur Übersiedlung auf den Küniglberg im Jahr 2020 werden wir uns dort einmieten.

Das heißt, der ORF wird auch 2016 ohne Erhöhung der Rundfunkgebühren auskommen?

Grasl: Aus heutiger Sicht ist eine Erhöhung der Rundfunkgebühren 2016 nicht vorgesehen. Wobei wir uns schon anschauen wollen, wie beim letzten Antrag auf Gebührenerhöhung im November 2011 die Grundannahmen waren und wie sich diese Annahmen seit der letzten Gebührenerhöhung Mitte 2012 entwickelt haben. Wichtig ist, dass es uns gelingt, bis zur nächsten Anpassung auch einen gesellschaftlichen Grundkonsens über die Bedeutung eines modernen öffentlich-rechtlichen Auftrags zu erlangen. Man kann diesen nicht hoch genug schätzen, muss ihn aber auch transparent erklären und weiterentwickeln.

In Deutschland kursieren gerade Überlegungen, wonach künftig nur mehr jene Rundfunkgebühr zahlen sollen, die gebührenfinanzierte Programme nutzen. Öffentlich-rechtliche Sender sollen in diesem Modell nur noch für Sendungen zuständig sein, die Private nicht von sich aus anbieten. Ein Modell auch für Österreich?

Grasl: Als gebührenfinanzierter Sender muss man sich immer solchen Diskussionen stellen und alles hinterfragen, was man mit Gebührengeld macht. Auch wir beobachten dieses Thema sehr genau und hinterfragen uns kritisch. Aber: Wenn sich in Deutschland ein paar Professoren den Kopf zerbrechen, heißt das noch lange nicht, dass das für Österreich richtig wäre. Im Gegenteil: Für ein kleines Land konsequent zu Ende gedacht, bedeutet der Vorschlag den Ruin der österreichischen Film- und TV-Wirtschaft und das Ende von Qualitäts-TV und -Radio. Dann bleiben ein paar deutsche Satellitenprogramme mit rot-weiß-roter Tarnfarbe oder durch Mäzenatentum finanzierte Sender.

2016 laufen die ORF-Rechte an der Formel 1 aus. Wird der ORF künftig auf die Formel 1 verzichten?

Grasl: Meine Position dazu ist klar. Ich halte es für sinnvoller, dass man die Formel 1-Ausgaben in österreichische Kreativität und die Stärkung von ORF eins investiert und damit österreichische Filme und Serien finanziert. Die Formel-1-Quoten sind ja nicht schlecht, sie sind zuletzt aber im deutschsprachigen Raum zurückgegangen. Wir werden das jedenfalls sehr genau prüfen. Das ist auch eine Preisfrage und schlussendlich eine Abwägungsfrage, aber keine Glaubensfrage.

Sie haben wiederholt für mehr Österreich-Programm auf ORF eins plädiert. Die Konzepte dafür liegen bei Fernsehdirektorin Kathrin Zechner in der Lade, die Umsetzung scheiterte bisher am Budget. Ist der Finanzdirektor da zu knausrig?

Grasl: Zunächst: Wir können nicht mehr ausgeben, als wir haben. Wenn Geld da ist, wird das sofort in das Programm investiert. Allein im Jahr 2014 waren das außertourliche 17 Millionen Euro. Aber es geht vielmehr darum, im Budget Schwerpunkte zu setzen, und das tut die Fernsehdirektorin in Abstimmung mit Alexander Wrabetz und mir ja auch. Gerade jetzt etwa mit der Landkrimi-Reihe, ein Produkt, das auf ORF eins auch in der jungen Zielgruppe sehr gute Ergebnisse erreicht. Regionale Produkte funktionieren also auch auf ORF eins. Klar hat Zechner recht: Wenn man mehr Geld hätte, könnte man auch mehr machen, haben wir aber eben nicht. Dennoch werden wir die österreichische Farbe auf ORF eins jedenfalls stärker betonen, etwa auch mit den Dokus mit Hanno Settele. Wir werden solchen Formaten die Zeit geben, sich zu entwickeln. Das geht auch 2015 weiter, dafür gibt's Budget. All das geht aber nur peu à peu und nicht mit Urknall. Der Weg ist jedenfalls der richtige.

Fernsehdirektorin Zechner hat die Programmkompetenz, bei Ihnen liegt die Budget-Verantwortung für das TV-Programm. Führt das nicht zu ständigen Konflikten?

Grasl: Es führt zu fruchtbaren Diskussionen, aber nicht zu Konflikten, denn es ist ganz klar geregelt. Kathi Zechner entscheidet über die Inhalte, ich entscheide über das Geld, die Letztentscheidung liegt bei Generaldirektor Wrabetz. Dass man sich als Finanz-Verantwortlicher laufend über die Inhalte kundig macht und das in der Geschäftsführung diskutiert, ist aber klar. Es gibt wohl keinen kaufmännischen Direktor, der nur Geld hergibt und nicht auch schaut, ob es optimal eingesetzt ist.

Der neue Kollektivvertrag soll Kosteneinsparungen im dreistelligen Millionenbereich bringen. Wie viel erwarten Sie konkret?

Grasl: Genaue Zahlen nennen wir erst in sechs Monaten, wenn über die Neuanstellungen entschieden ist. In den nächsten zehn Jahren werden aber im ORF um die 1.000 Mitarbeiter in Pension gehen. Da werden auch Leute mit alten Verträgen dabei sein. Dadurch wird es für uns um bis zu 30 Prozent billiger, und wir erwarten die nächsten 15 bis 20 Jahre eine Entlastung von bis zu 200 Millionen Euro. Wir können damit junge Kräfte und Talente in den ORF holen und für frischen Wind in allen Bereichen des Unternehmens sorgen. Das wird dem ORF guttun, nachdem wir die letzten sieben Jahre bei Neuanstellungen auf der Bremse gestanden sind.

Die Kosten für Sanierung bzw. Neubau des ORF-Standorts am Küniglberg mit dem neuen multimedialen Newsroom werden auf etwas über 300 Millionen Euro geschätzt. Wie werden Sie dieses Vorhaben finanzieren?

Grasl: Wir werden bis März entscheiden, wie der richtige Finanzierungsmix aussehen wird und wie viel Eigenmittel wir verwenden. Im Herbst fällt dann die Entscheidung, wie der Fremdkapitalteil finanziert wird. Aus heutiger Sicht wird das Leasing oder eine Anleihe sein.

Sie gehören mit ORF-Chef Wrabetz zum Team, das derzeit die neue Organisationsstruktur für den ORF entwickelt. Wie soll die Ihrer Meinung nach ausgestaltet sein?

Grasl: Die Seher und Hörer nehmen den ORF vor allem nach Sendern und Kanälen wahr. Ö3, FM4, Ö1, ORF eins, ORF 2, ORF.at – da muss es jeweils eine Person geben, die dafür verantwortlich ist und sich damit beschäftigt, wie sie für ihren Channel das Bestmögliche erreichen kann. Derzeit sind wir so wie während der letzten Jahrzehnte nach Hauptabteilungen aufgestellt. Aus Kundensicht ist eine Schärfung nach Channels besser, und dazu gibt es dann die inhaltlichen Verantwortlichkeiten für Information, Kultur, Sport, Unterhaltung. Und im Operating Model wird festgehalten, wer im Fall des Falles entscheidet, wer über Budget und Personal verfügt. Das wird sicher am intensivsten in der Information diskutiert werden, denn da geht es um Vielfalt und Pluralismus.

Und wer soll im Fall der Information stechen, der Informationschef oder die Senderchefs?

Grasl: Europaweit sind Informationschefs dafür letztverantwortlich, bis hinauf in die Geschäftsführung, und so soll das auch bei uns sein. Aber all jene, die befürchten, es kommt die Reduktion der Pluralität und ein über allem stehender Chefredakteur, können wir beruhigen: Das wird nicht geschehen. Im Gegenteil: Wenn das Modell so umgesetzt wird, dann wird es mehr Pluralität geben und mehr Chefredakteure im Team, die entscheiden, wie die Nachrichten ausschauen. Es gibt seitens der Geschäftsführung im Rahmen des Standortbeschlusses ja sogar die Garantie, dass es zu keiner Verengung des Binnenpluralismus kommt und auch zu keinem Einheitsbrei. Der ORF lebt schließlich davon, dass Themen in einzelnen Sendungen unterschiedlich aufbereitet werden. Erfolgreiche Medien werden nur bestehen, wenn sie sich von anderen Medien unterscheiden, in Inhalt, Gestaltung und Zugang zu den Themen. Wir wären wirklich unklug, wenn wir unsere Flotte mit einem Einheitsbrei überziehen würden.

Und wie wird es an der Spitze des Unternehmens aussehen? Kommt die Doppelspitze mit Wrabetz und Grasl?

Grasl: Im Operating Model ist die Gesamtführung des Unternehmens kein Thema und hat auch im gesamten Prozess der Boston Consulting Group keine Rolle gespielt. Die Zusammenarbeit mit Alexander Wrabetz hat in den letzten fünf Jahren hervorragend funktioniert und hat in den letzten zwölf Monaten eine weitere Verbesserung erfahren. Es gibt eine große Vertrauensbasis und großen gegenseitigen Respekt. Diese Zusammenarbeit funktioniert, und ich würde sie aus heutiger Sicht auch gerne fortsetzen.

Die nächste Wahl des ORF-Direktoriums steht planmäßig in der zweiten Jahreshälfte 2016 an. Wollen Sie danach weiter Finanzdirektor bleiben, oder würden Sie auch andere Cluster-Bereiche interessieren, die es dann gibt?

Grasl: Nein, wir haben mit dem Um- und Neubau des Küniglbergs ein Projekt gestartet und am Laufen, das bis ins Jahr 2021 dauern wird. Ich würde es für sinnvoll halten, da jetzt nichts zu tauschen. Das ist ein sehr komplexes Projekt, und ich hielte es für klug, es so auch zu Ende zu führen. Dieser Termin liegt am Ende der nächsten Geschäftsführungsperiode.

ORF-General Wrabetz wurde bei der letzten ORF-Wahl von der SPÖ unterstützt, Sie von der ÖVP. Wird das auch bei der nächsten ORF-Wahl so sein?

Grasl: Schön wäre es, wenn die Stiftungsräte quer über alle Grenzen – so wie übrigens beim letzten Mal – der Meinung wären, dass wir das gut gemacht haben und der Weg der richtige ist. Und im Augenblick sehe ich auch keinen Grund, warum das nicht so sein sollte. (APA, 30.12.2014)

  • ORF-Finanzdirektor Richard Grasl will das Funkhaus bereits 2015 zum Verkauf anbieten. Bis zur Übersiedelung auf den Küniglberg 2020 müsste sich der ORF dann dort einmieten.
    foto: apa/hochmuth

    ORF-Finanzdirektor Richard Grasl will das Funkhaus bereits 2015 zum Verkauf anbieten. Bis zur Übersiedelung auf den Küniglberg 2020 müsste sich der ORF dann dort einmieten.

  • Das Funkhaus in der Argentinierstraße im 4. Bezirk beherbergt das Landesstudio Wien, Ö1 und FM4.
    foto: apa/hochmuth

    Das Funkhaus in der Argentinierstraße im 4. Bezirk beherbergt das Landesstudio Wien, Ö1 und FM4.

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