Zehntausende beziehen im Netz Stellung gegen Pegida

29. Dezember 2014, 17:27
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Islamfeindliche Bewegung mobilisiert in Deutschland online und offline

Mit einem Mausklick am Tag vor dem Heiligen Abend hat Karl Lempert (49) der Debatte um das Pegida-Bündnis in Deutschland eine neue Wendung gegeben. Der enorme Zuspruch seiner Online-Petition gegen das islamfeindliche Bündnis stellt im Netz alles in den Schatten, was die "Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes", kurz Pegida, selber an Onlinemobilisierung vermocht haben.

"Fassungslos und entsetzt"

"Ich hatte die Bilder aus Dresden gesehen und ich war fassungslos und entsetzt", berichtet Lempert. "Unerträglich" sei es für ihn gewesen, dass die Pegida-Teilnehmer Weihnachtslieder anstimmten und das Fest der Liebe so zur musikalischen Basis für fremdenfeindliche Hetze machten.

Lempert setzt sich am 23. Dezember an seinen Rechner und formuliert einen Aufruf gegen "dieses unmenschliche und unverantwortliche Konglomerat zwischen dem rechten Rand und der bürgerlichen Mitte". Es habe ihn einfach nicht losgelassen, dass es in Dresden fast 20.000 Menschen auf die Straße zieht, vieles an den Motiven dabei im Unklaren liegt - aber das rechtsextreme Spektrum diese Bewegung für sich vereinnahmt.

Lempert denkt, dass Pegida vielen als Ventil gerade recht kam. "Ich glaube, eine ähnliche Stimmung hat 1933 auch geherrscht." In jenem Jahr kam Adolf Hitler an die Macht. Sündenböcke wie Herkunft, Hautfarbe oder Religion seien immer schnell zur Hand, meint der Initiator der Petition.

Innere und äußere Feinde

Das Bündnis selber behauptet, der "mediale Mainstream" verordne eine Art Maulkorb - "Lügenpresse" ist einer der Kampfbegriffe. Damit und mit Forderungen wie "der Schutz unserer christlich-jüdisch geprägten Abendlandkultur" arbeitet Pegida mit gängigen Mustern des rechten Extremismus: innere Feinde (Medien) und äußere (Islam). Experten ordnen Teile der Pegida-Organisatoren dem rechtsextremen Spektrum zu.

Soziologen erklären den Zulauf zu Pegida mit diffuser Abstiegsangst, Sorge vor sozialer Benachteiligung und einer Wut darüber, dass die Politik Sorgen angeblich nicht ernst nehme. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) warnte kürzlich davor, dass von Pegida Hetze und Fremdenfeindlichkeit ausgingen. Die Theologin Margot Käßmann schrieb in der Zeitung "Bild am Sonntag", Pegida stifte "Unfrieden" und drohe, an die schwärzesten Zeiten des christlichen Abendlandes anzuknüpfen.

In Dresden vereinte Pegida zuletzt 17.500 Menschen, wenige Tausend protestierten dagegen. Deutschlandweit war das Verhältnis zwar anderes. Doch auch im Netz ist die Pegida-Zugkraft enorm. In seinem zentralen Kommunikationskanal Facebook zählte das Bündnis zuletzt rund 94.000 Unterstützer. Die Gegenbewegung Pegida#watch kam nur auf 28.000.

Eine Million Unterschriften anvisiert

Umso bemerkenswerter ist der Erfolg von Karl Lemperts Petition unter change.org, die seit dem Heiligen Abend Zehntausende Unterstützer sammelt und am Montagnachmittag schon auf eine Viertelmillion Unterschriften zusteuerte. Viermal soviel sollen es einmal sein. "Eine Million ist das Ziel, weil das auch eine symbolische Zahl ist", sagt Lempert.

Der Deutschland-Chef von change.org, Gregor Hackmack, sagt: "Es ist die Petition mit dem bisher höchsten Tageszuwachs überhaupt." Eine ähnlich starke Mobilisierung "gibt es bei uns nur einmal im Quartal". Die hierzulande bisher größte change.org-Petition von Bianca Kasting fand 432.490 Unterstützer. Es ging um Haftpflichtkosten für Hebammen.

Am Montag schien es, dass Lempert diese Marke knackt. Er selber hat bei change.org bereits eine andere große Petition laufen, in der bisher 260.000 Unterzeichner das Bundesverdienstkreuz für Tugce A. fordern - die mutige Streitschlichterin hatte ihre Zivilcourage mit dem Leben bezahlt. Inzwischen prüft die Politik eine posthume Ehrung.

Hackmack hält Lemperts Millionenziel angesichts der jüngsten Zahlen für realistisch. "Gerade, weil uns die Pegida-Debatte im Januar ja noch oft begleiten wird." (APA, 29.12.2014)

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