Nach Schiffsbrand Unklarheit über Passagierliste

Video30. Dezember 2014, 09:05
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Die Evakuierung der Norman Atlantic vor Korfu wurde am Montag nach tumultartigen Szenen beendet. Zwei albanische Seeleute kamen bei einem Bergungsversuch am Dienstag ums Leben

Rom/Athen – Bei der Bergung der zwischen Griechenland und Italien in Seenot geratenen Autofähre Norman Atlantic sind am Dienstag zwei Seeleute ums Leben gekommen. Nach Angaben der Hafenbehörde starben die Männer, als ein zwischen ihrem Schlepper und der Fähre gespanntes Seil riss, nachdem es in die Schiffsschraube geraten war.

Beide Opfer sind albanische Staatsbürger. Die Fähre ist nach dem mittlerweile gelöschten Brand an Bord manövrierunfähig und soll in einen Hafen geschleppt werden. Nach letztem Stand kamen bei dem Unglück bisher 13 Menschen ums Leben.

Ermittlungen gegen Kapitän aufgenommen

Die Staatsanwaltschaft der süditalienischen Stadt Bari hat Ermittlungen gegen Schiffskapitän Argilio Giamocomazzi und gegen den Eigentümer der italienischen Reederei Visemar, Carlo Visentini, aufgenommen. Der Vorwurf lautet auf fahrlässige Tötung.

Rückendeckung erhielt der Kapitän vom Admiral der italienischen Marine, Giuseppe De Giorgi: "Der Kapitän genießt meinen vollen Respekt, weil er mit größter Kompetenz und Würde seine Arbeit geleistet hat. Er hat als Letzter das Schiff verlassen, wie es ein Kapitän tun muss", sagte De Giorgi.

Der Eigentümer der Reederei beteuerte, dass die Fähre erst am 19. Dezember einer Inspektion unterzogen worden war, bei der auch die Brandschutztüren überprüft wurden. Dabei sei eine "leichte Fehlfunktion" aufgefallen, die aber "zur Zufriedenheit der Inspektoren" behoben worden sei, versicherte Visentini. Die Autofähre Norman Atlantic, die zwischen Griechenland und Italien im Einsatz war, hatte Platz für 490 Passagiere, war also nicht überbucht. Visentini sagte seine Zusammenarbeit bei den Ermittlungen zu.

Unklarheit über Passagierliste

Am Montagabend verkündete Miltiadis Varvitsiotis, der griechische Minister für Handelsschifffahrt, von der Fähre seien 20 Menschen gerettet worden, die nicht auf der Passagierliste standen. Griechenland habe von Italien, das den Rettungseinsatz seit Sonntag geleitet hatte, eine komplette Liste mit den Namen der geretteten Personen beantragt. Zwischen beiden Ländern herrscht Unklarheit über die Zahl der Menschen, die auf der unter italienischer Flagge fahrenden Unglücksfähre waren.

Die ursprüngliche Liste mit den Passagieren und Besatzungsmitgliedern enthält 478 Namen, darunter fünf Österreicher. Von ihnen wurden nach italienischen Angaben 427 geborgen. Über den Verbleib dutzender weiterer Menschen herrscht Unklarheit. Auf dem Schiff hatten sich 200 Fahrzeuge befunden.

facebook/marina militare
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Rettungsaktion der italienischen Marine.

Zu zwei Tirolern und einer Vorarlbergerin, die wegen Unterkühlung ins Spital gebracht worden war, hatte das österreichische Außenministerium bereits Kontakt, als es hieß, die Evakuierung sei beendet; wenig später auch zum Sohn der Frau. Am Abend gab das Außenministerium dann bekannt, auch der vermisste Salzburger sei in Sicherheit an Bord des italienischen Marineschiffs San Giorgio.

Rettung mit Hubschrauber

Wegen des schlechten Wetters konnten Passagiere und Besatzungsmitglieder nicht von anderen Schiffen aufgenommen werden, sondern mussten einzeln mit Hubschraubern von Bord gehievt werden. Es kam zu panikartigen Szenen. Überlebende berichteten von Schlägereien unter Passagieren, die sich Zugang zu den Rettungsbooten und zu den Hubschraubern sichern wollten.

Männer "schlugen uns"

Auch die griechische Sopranistin Dimitra Theodossiou, die an Bord der Fähre nach Italien zu einem Auftritt wollte, wurde in Handgreiflichkeiten involviert. Männer, die Kindern, älteren Menschen und Frauen den Vorrang bei der Rettung geben sollten, "schlugen uns und schoben uns weg, um sich als Erste in Sicherheit zu bringen", schilderte Theodossiou. "Ich bin auch geschlagen worden, doch ich habe es geschafft, zum Hubschrauber zu gelangen." Die Sopranistin wurde mit einer Unterkühlung ins Spital der apulischen Stadt Lecce eingeliefert.

Über Schlägereien an Bord berichtete auch der griechische Lkw-Fahrer Christos Perlis. "Die Menschen traten sich gegenseitig, um in den Hubschrauber einzusteigen", sagte der 32-Jährige. Ein türkischer Passagier berichtete, dass kein Brandalarm ertönt sei. "Die Passagiere haben sich gegenseitig geweckt." Man habe "eine Situation wie an Bord der Titanic erlebt".

Verletzte Militärs

Fünf Militärs der italienischen Marine wurden bei der Rettungsaktion verletzt. Die Norman Atlantic, die unter italienischer Flagge fährt, sollte am Montag in Schlepp genommen werden. Wohin die havarierte Fähre gebracht werden soll, war zunächst noch nicht entschieden.

Die italienischen Justizbehörden ermitteln zu dem Unglück und haben bereits Besatzungsmitglieder vernommen.

Ursache unbekannt

Das Feuer war Sonntagfrüh aus noch ungeklärter Ursache auf dem unteren Parkdeck ausgebrochen. Den Behörden zufolge sollen neben Griechen und Deutschen auch Bürger aus Österreich, Italien, Frankreich und den Niederlanden an Bord gewesen sein, zumeist Lkw-Fahrer. (APA, dpa, Reuters, spri, DER STANDARD, 30.12.2014)

Warum viele Lkw-Fahrer auf Fähre waren:

Die Fährverbindung vom griechischen Patras nach Ancona in Italien wird nicht nur von Touristen genützt. Auf der Norman Atlantic sollen sich Medienberichten zufolge vor allem viele Lkw-Fahrer befunden haben. Diese kritisierten via Medien, dass die Fracht des Schiffes zu schwer gewesen sei. Ein Vorwurf, den die italienische Reederei Visentini zurückweist. Dass Lastkraftwagen samt Lenkern auf Fähren Wege zurücklegen, die rein geografisch betrachtet auch auf dem Landweg bewältigbar wären, ist keine Seltenheit. Die dafür genutzten Schiffe werden Roll-on-roll-off-Fähren genannt: Schiffe, die von Lastwagen samt Anhängern direkt befahren werden, also ohne Kran be- und entladen werden.

Der Vorteil der Nutzung: "Der Fahrer erspart sich Lenkzeiten", sagt Peter Tropper vom Fachverband für Güterbeförderungsgewerbe in der Wirtschaftskammer Österreich. Das ermöglicht den Fernfahrern das Zurücklegen weiter Distanzen bei Einhaltung der vorgeschriebenen Pausen – wie bei der rollenden Landstraße, wenn also Lkw-Fracht auf der Schiene Strecke macht. Bei Nutzung einer Fähre sei der Zielhafen in der Regel "erst der Beginn der Fahrt", sagt Tropper. Dass Lenker mit an Bord gehen, wie bei der Norman Atlantic, ist nicht immer so. Es kommt auch vor, dass die Fracht unbegleitet ihren Weg macht – was zum Beispiel von der Türkei aus stark angeboten werde, wie Tropper sagt, dem zufolge österreichische Speditionsunternehmen Fähren kaum nutzen. (spri)

  • Einige Dutzend der mit Hubschraubern geretteten Passagiere wurden mit dem Schiff Spirit of Piraeus nach Bari gebracht.
    foto: epa/luca turi

    Einige Dutzend der mit Hubschraubern geretteten Passagiere wurden mit dem Schiff Spirit of Piraeus nach Bari gebracht.

  • Die von der Fähre geretteten Menschen mussten zum Teil mit Unterkühlung in Krankenhäuser gebracht werden.
    foto: ap/luigi mistrulli

    Die von der Fähre geretteten Menschen mussten zum Teil mit Unterkühlung in Krankenhäuser gebracht werden.

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