Der Albtraum Abrahams und seine Folgen

30. Dezember 2014, 05:30
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Lyrikerin und Übersetzerin Fatima Naoot wünschte zum islamischen Opferfest "Happy massacre" und steht nun vor Gericht

Es ist einer dieser absurden Prozesse, bei denen man darauf wetten möchte, dass den Angeklagten nichts passiert: Aber sie häufen sich in Ägypten, wo das - in der Verfassung verankerte - Religionsbeleidigungsgesetz vermehrt eingeklagt wird. "Happy massacre" hatte Fatima Naoot anlässlich des islamischen Opferfestes, bei dem in der islamischen Welt Millionen Tiere geschlachtet werden, im Oktober auf ihre Facebook-Seite geschrieben. Die hilflosen Kreaturen, schrieb sie, müssten jedes Jahr dafür bezahlen, dass irgendwann einmal ein Mann (Abraham/ Ibrahim; Anm.) einen Albtraum über seinen Sohn (im Islam soll Ismail geopfert werden, nicht Isaak; Anm.) gehabt habe.

Die ägyptische Lyrikerin und Übersetzerin sah nach ersten Reaktionen den Ärger kommen und löschte ihren Eintrag. Aber es war zu spät, die Staatsanwaltschaft erhob Anklage wegen Herabwürdigung der Religion. Die Verhandlung soll am 28. Jänner beginnen. "Das ist zu jeder Zeit der Preis, den jene zahlen, die die Fackel der Aufklärung tragen", sagt sie.

Hintergrund als Architektin

Fatima Naoot, die im September 1964 in Kairo auf die Welt kam, ist als Poetin über die arabische Welt hinaus bekannt, ihre Gedichte - gesammelt in acht Büchern - wurden in etliche Sprachen übersetzt, und sie ist häufiger Gast bei internationalen Lyrikfestivals. Naoot ist ebenfalls als Übersetzerin tätig, aus dem Englischen und Amerikanischen, aber auch als Kolumnistin, Essayistin, Literaturkritikerin und Chefredakteurin des Literaturmagazins Qaws Qaza (Regenbogen). Dabei hat sie einen akademischen Hintergrund als Architektin, nach ihrem Abschluss arbeitete sie auch mehrere Jahre in diesem Beruf.

Einsatz auch für Minderheiten

Es ist nicht das erste Mal, dass Naoot aneckt. Auf Youtube ist ein Filmchen zu sehen, in dem sie einem - eher hilflosen - Interviewer erklärt, dass sie Ägypten nicht als "Arabische Republik" betrachte: Arabisch sei die Sprache der islamischen Invasoren. Persien sei nach der Islamisierung ja schließlich auch Persien geblieben - während in Ägypten die alte koptische Identität und Sprache weichen mussten. Auch ihr Sohn habe in der Schule immer nur "Republik Ägypten" gesagt, mit ihrem Segen, dass dafür schlechte Noten in Kauf zu nehmen seien.

Ihr Einsatz gilt nun also auch Tieren, neben Frauen sowie Kopten und anderen Minderheiten. Auch Fatima Naoot gehört zu einer solchen: zu jener, die die islamische Version von "Hände falten, Goschen halten" nicht akzeptiert. (Gudrun Harrer, DER STANDARD, 30.12.2014)

  • Fatima Naoot muss wegen Aussagen zum Schlachten von Tieren vor Gericht.
    foto: auc tv

    Fatima Naoot muss wegen Aussagen zum Schlachten von Tieren vor Gericht.

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