In Österreich pfui: Radioaktiv bestrahlte Nahrung

2. Jänner 2015, 08:00
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Bestrahlte Lebensmittel halten länger und sind frei von Mikroorganismen – Kritiker glauben aber nicht an ein Allheilmittel

Radioaktive Strahlen befreien Nahrungsmittel von Mikroorganismen und machen sie länger haltbar. Trotzdem wird die Technologie im Moment vor allem außerhalb Europas eingesetzt. Sogar das nuklearfeindliche Neuseeland lässt Importe gezielt mit Gammastrahlung oder Elektronen beschießen, damit keine feindlichen Insekten eingeschleppt werden. "Niemand will in Europa der Erste sein, der das macht", sagt Carl Blackburn von der Lebensmittel- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen und Internationalen Atomenergiebehörde bei einer Podiumsdiskussion in Wien.

Verstehen könne er das nicht. Gerade beim Thema radioaktive Strahlen seien die internationalen Organisationen besonders vorsichtig. Langzeitstudien hätten bewiesen, dass es keine negativen Auswirkungen auf den Menschen gibt. Selbst die Weltgesundheitsorganisation empfehle Bestrahlung.

Österreichische Konsumenten ablehnend

"In Österreich wollen die Konsumenten keine Radioaktivität an ihren Produkten", ist sich jedoch Wolfgang Pirklhuber von den Grünen sicher. Man würde vielmehr Regionalität und biologische Lebensmittel schätzen.

Im Rahmen der ETIA-Talks der Technischen Universität Wien und der Diplomatischen Akademie diskutierten die Podiumsteilnehmer das Thema "Nukleartechnologie in der Landwirtschaft?". Dabei stand vor allem die Bestrahlung von Lebensmittel im Vordergrund. Ursprünglich eingesetzt, um die Verbreitung von neuen Insektenarten zu unterbinden, bewirken die ionisierenden Strahlen aus dem Zerfall von Cobalt-60 auch, dass Hilfslieferungen in Krisengebiete nicht kühl gelagert werden müssen, um genießbar zu bleiben.

Keine Nebenwirkungen laut Experten

Den Vorteil von Bestrahlungen sehen Blackburn und Friederike Strebl von den Seibersdorf Laboratorien darin, dass es keine Nebenwirkungen für den Menschen gibt und die Konsistenz und der Geschmack der Lebensmittel nicht verändert werden. Natürlich nur, solange die vorgeschriebene Dosis nicht überschritten wird. "Die Technologie limitiert sich selbst, da eine zu hohe Strahlung zum Beispiel Walnüssen einen fischigen Geschmack geben kann", sagt Blackburn.

Kritiker befürchten, dass durch die radioaktiven Strahlen krebserregende Stoffe erzeugt oder auch Mikroorganismen, die wichtig für das Immunsystem sind, abgetötet werden. Dazu zitierte die "Washington Post" im April den Betreiber einer zertifizierten Bestrahlungseinrichtung in den USA: "Diese Neinsager sollten besser ihre Mikrowellen rausschmeißen." Das sei nämlich nichts anderes. Blackburn sagt dazu, dass viele Lebensmittel zu ihrer Sicherheit auch geröntgt werden; etwa Hamburger-Laibchen, um Knochensplitter zu erkennen.

EU-Richtlinien

In der Europäischen Union wird die Bestrahlung von Lebensmittel durch zwei Richtlinien geregelt. Die erste legt die verpflichtende Kennzeichnung durch "bestrahlt" oder "mit ionisierender Strahlung behandelt" fest. Die zweite beinhaltet die Liste von EU-weit zur Strahlung zugelassener Produkte. Darauf finden sich im Moment nur getrocknete aromatische Kräuter und Gewürze, da diese oft von Salmonellen oder anderen Krankheitserregern befallen sein können.

In Österreich findet sich nur eine Bestimmung zu dem Thema im Lebensmittelsicherheits- und Verbraucherschutzgesetz. Diese besagt, dass keine Lebensmittel ohne Zulassung mit ionisierender Strahlung behandelt oder im Umlauf gebracht werden dürfen. In anderen Ländern der EU gibt es allerdings nationale Listen, die noch weitere Produkte zulassen. Im Vorjahr wurden in Europa 8000 Tonnen Lebensmittel mit Strahlung behandelt. Davon waren die Hälfte Froschschenkel.

Ausgenommen von der Kennzeichnungspflicht sind Lebensmittel, die in Krankenhäusern an Patienten verteilt werden, die keimfreie Nahrung benötigen; etwa Chemotherapie-Patienten. Auch Astronautennahrung wird vor dem Flug ins All mit ionisierenden Strahlen behandelt.

Regionale Landwirtschaft als Schlüssel

Für den Chef der amerikanischen Behörde für Krankheitskontrolle und -vorbeugung ist das Nichtbenutzen der Strahlung "der größte Fehler der öffentlichen Gesundheit in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Amerika". In seinem Interview mit der "Washington Post" hält er fest, dass in den USA jeder sechste Mensch eine Lebensmittelvergiftung bekommen werde, 3000 Menschen würden sterben: "Wir könnten so viele Leben retten."

Nationalratsabgeordneter Pirklhuber glaubt dennoch, dass eine regionale Landwirtschaft der Schlüssel für die Zukunft ist. Auch für Entwicklungsländer. "Dann müssen wir keine Hilfsgüter bestrahlen, wenn es vor Ort genügend Lebensmittel gibt", sagt er. Die kurze Liste von Nahrungsmittel, die in der EU bestrahlt werden dürfen, rechtfertigt er in seinen Abschlussworten: "Wenn wir die Bestrahlung von Lebensmittel in der EU brauchen, dann werden wir sie einführen. Aber wir brauchen sie eben nicht." (Bianca Blei, der Standard, 2.1.2015)

Veranstaltungshinweis:

Die nächsten ETIA-Talks findet am 3. März statt - mehr Infos auf der Homepage

  • Bestrahlte Früchte sind länger haltbar. In Österreich werden nur Kräuter und Gewürze mit Strahlung behandelt.
    foto: reuters/alexander demianchuk

    Bestrahlte Früchte sind länger haltbar. In Österreich werden nur Kräuter und Gewürze mit Strahlung behandelt.

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