Syrischer Tänzer Hussein K.: "Niemals vergessen, was gerade passiert"

30. Dezember 2014, 14:04
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Wie ein junger syrischer Tänzer und Choreograf im Bürgerkrieg lebt: Hussein K. versucht mit Unterstützung aus Europa, der Gewalt in seinem Land künstlerische und soziale Projekte entgegenzusetzen. Tanz sei ein Mittel, "um etwas zu verändern"

Wien/Damaskus - Als die Bürgerproteste in Syrien vor drei Jahren noch einen "Frühling" versprachen, hatte sich auch ein junger Tänzer dafür engagiert. Nun wohnt Hussein K., der in einem Wiener Innenstadtcafé Auskunft über sein Leben gibt, im Winter eines Krieges.

Ursprünglich komme er aus Homs, erzählt der heute 23-Jährige. Dort, wo im Februar 2011 die Revolution ausbrach, hatte er mit 13 angefangen, Breakdance zu lernen. Nach Damaskus übersiedelt ist er vor sechs Jahren. Eine der Schwestern studierte da Schauspiel am Higher Institute for Dramatic Arts. Das weckte Hussein K.s Interesse für den Bühnentanz.

Bei Ausbruch des Aufstands wurde er an die Tanzabteilung des Higher Institute for Dramatic Arts aufgenommen. Die Zugkraft des Aufstands hatte ihn erfasst. Also, sagt er, "bin ich nach Homs gereist. Meine Freunde dort hatten auch diese Gefühle der Veränderung, von denen man in Damaskus nichts spürte. Ich dachte, wir müssen Syrien gemeinsam verändern." In der Hauptstadt ging es Ende 2011 los. "Zu dieser Zeit war mir das Tanzen nicht so wichtig, denn da starben viele Menschen, und ich wollte mich darum kümmern." K. unterbrach sein Studium.

Das folgende Jahr brachte nichts Gutes: "In der Bewegung veränderte sich alles. Da gab es die islamistische Strömung. Doch wir wollten die Veränderung ohne das alles. Ich wusste nicht mehr, wer aus meinem Engagement Nutzen ziehen würde." Was also tun? Er nahm sein Studium wieder auf. Als das Institutsgebäude durch eine Explosion beschädigt worden war, ging K. hin, um beim Aufräumen zu helfen. "Du hast das Gefühl, wir machen weiter, was auch immer passiert. Ich öffnete die Tür, dachte, ich will hier tanzen, und rief einen Freund an, er sollte mit seiner Kamera kommen."

Tanz im Staub des Studios

Ein kurzes Video, das seinen Tanz in dem staubbedeckten Studio des Instituts zeigt, wurde ins Internet gestellt. Für K. wirkte sich dieser symbolische Akt dagegen, die Hände in den Schoß zu legen, positiv aus. "Ich produzierte ein Tanzsolo, das auf das Video hin nach Beirut eingeladen wurde. Daraufhin habe ich ein dreiwöchiges Stipendium des Festivals 'Dancing on the Edge' 2013 in Amsterdam bekommen."

In Europa bleiben wollte er nicht. "Wenn ein Syrer ein Visum für hier bekommt, sagen alle: ,Wirf deinen Pass weg und bleib dort.' Viele Syrer haben sehr gute Gründe für eine Flucht. Bei mir ist das anders. In den drei Wochen habe ich mich enorm entwickelt. Ich sagte daher zu mir: ,Geh zurück und mach dort mit dieser Energie weiter.'"

Die Kampfhandlungen haben das Kulturleben in der syrischen Metropole, die mit rund 1,8 Millionen etwa gleich viele Einwohner wie Wien hat, verändert. Hussein K.: "Alle Theater in Damaskus sind jetzt in Betrieb, die meisten bei freiem Eintritt, und es gab eine fantastische Idee: Das Publikum wird vor den Aufführungen um Sachspenden gebeten, um Kleidung oder Schulsachen für Kinder. Das werde ich selbstverständlich auch machen." Wenn er kommenden März ein eigenes Stück - nach der Erzählung Die Taube von Patrick Süskind - herausbringen wird, falls das Geld reicht. Vielleicht sogar im Opernhaus. Das geht?

Wenn ja, dann aus folgendem Grund: "Es gab früher vier, fünf kommerzielle, gut finanzierte Tanzkompanien. Alle Tänzer hatten ihre Bedingungen zu erfüllen. Es war wie eine Mafia. Aber die bekommen jetzt kein Geld mehr, also sind sie nach Dubai, Oman oder Beirut ausgewichen. Das bedeutet mehr Freiheit für die anderen."

Mit Unterstützung seiner österreichischen Kollegin Gloria Benedikt konnte Hussein K. außerdem eine kleine Organisation gründen, mit deren Hilfe er Tanz-Workshops für Kinder aus kriegszerstörten Gebieten veranstaltet.

"Die Kinder brauchen Tanz, um zu vergessen. Die Tänzer aber brauchen Tanz, um etwas zu verändern. Vor dem Krieg habe ich nur aus Lust am Tanzen getanzt. Wenn ich jetzt auftrete, darf ich niemals vergessen, was gerade passiert." (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 30.12.2014)

  • Die Grammatik der Freiheit: Zu sehen ist Hussein K., wie er in dem Studio des kriegsbeschädigten Higher Institute for Dramatic Arts in Damaskus tanzt.
    foto: hussein k.

    Die Grammatik der Freiheit: Zu sehen ist Hussein K., wie er in dem Studio des kriegsbeschädigten Higher Institute for Dramatic Arts in Damaskus tanzt.

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