Halb männlicher, halb weiblicher Vogel führt ein einsames Leben

5. Jänner 2015, 11:25
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Forscher beobachteten in den USA einen seltenen Halbseiten-Hermaphroditen, der von Artgenossen weitgehend ignoriert wurde

Der Rote Kardinal (Cardinalis cardinalis) zählt zu den auffälligsten Vögeln des nordamerikanischen Kontinents. Sein scharlachrotes Gefieder und seine aufstellbare Federhaube machen ihn zu einem gern gesehenen Gast an jedem Futterhäuschen. Vor einigen Jahren entdeckten Forscher von der Western Illinois University in Macomb im US-Bundesstaat Illinois allerdings ein Exemplar, das noch deutlich eindrucksvoller aussah als seine herkömmlichen Artgenossen: Die Biologen Brian D. Peer und Robert W. Motz beobachteten einen Kardinal, der halb männlich, halb weiblich war.

Derartige Halbseiten-Hermaphroditen - das Phänomen ist auch als Gynandromorphismus bekannt - wurden in der Vergangenheit vor allem bei Insekten, Krebstieren und einigen Vogelarten festgestellt. Ausführliche Untersuchungen an wild lebenden Beispielen dieser Kuriosität gelangen allerdings nur äußerst selten. Umso erfreulicher war daher der Glücksfall, von dem die US-Forscher nun im "Wilson Journal of Ornithology" berichten. An insgesamt über 40 Tagen konnte der Vogel mit weiblichem Federkleid auf der rechten und dem typisch roten männlichen Gefieder auf der linken Körperhälfte in Rock Island, Illinois, zwischen Dezember 2008 und März 2010 verfolgt und beobachtet werden.

Von Artgenossen ignoriert

Die Wissenschafter dokumentierten das Verhalten des Kardinals und seine Interaktionen mit Artgenossen. Die Ergebnisse zeigten, dass es offenbar recht einsam sein kann, wenn man halb männlich, halb weiblich durch's Leben fliegen muss: Über den gesamten Beobachtungszeitraum hinweg blieb der Vogel alleine, weder schien sich ein potenzieller Partner bzw. Partnerin für ihn zu interessieren, noch kam es zu anderweitigen ungewöhnlichen Konfrontationen.

Darüber hinaus blieb der Kardinal während der gesamten Zeit, in der er unter Beobachtung stand, stumm, obwohl die Art für ihr variantenreiches Gezwitscher bekannt ist. Es schien, als würden Artgenossen die Laune der Natur schlicht ignorieren. (red, derStandard.at, 5.1.2015)

  • Der zweigeteilte Kardinal hat es offenbar nicht leicht im Leben: Weder trällerte er, noch zeigte er Interaktionen mit Artgenossen.
    foto: brian d. peer/robert w. motz

    Der zweigeteilte Kardinal hat es offenbar nicht leicht im Leben: Weder trällerte er, noch zeigte er Interaktionen mit Artgenossen.

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