Peter Kogler: Verloren gehen im unendlichen Röhrenuniversum

29. Dezember 2014, 07:38
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Der österreichische Künstler stellt zum zweiten Mal im Zagreber Museum für zeitgenössische Kunst aus. Räume entschwinden, dafür tauchen Ratten und Aliens auf. Keine lebenden

Wer die Rolltreppe im Museum hinauffährt, landet in einer Schlangenwelt. Unzählige ineinander verschlungene, dicke Schläuche umgeben den Betrachter und vermitteln den Eindruck, man wäre in den Gedärmen eines riesigen Tieres gelandet. Die tatsächlichen Wände, die Symmetrien scheinen aufgelöst, ähnlich wie bei einem Computerspiel. Das Zagreber Museum für zeitgenössische Kunst (MSU) beherbergt derzeit so eine andere Welt: jene des österreichischen Künstlers Peter Kogler. Die Röhrenschlangentapete, die sich über 2000 Quadratmeter zieht, macht den Raum selbst zum Thema, eines der wichtigsten Sujets in Koglers Werk. Es handle sich eigentlich um eine paradoxe Situation, erklärt der Künstler. "Denn das ist ein leerer Raum, aber er scheint jetzt so voll wie nie zuvor."

In Koglers Röhrenuniversum gehen nicht nur die tatsächlichen Räume verloren, man kann sich auch selbst verloren fühlen. Fesselnd wirkt auch Koglers Videoinstallation. Am Anfang wandern nur Lichtstäbe die Wände entlang, die sich dann zu Röhren transformieren und schließlich durch einen quergelegten Raster zu einem Käfig werden. Der Besucher wird in diesem eingeschlossen. Die Gitterstäbe sausen herab und es scheint, als säße man in einem Gefängnislift, der ins Erdinnere rast. Dann buchten sich unsichtbare Körper in die Symmetrien der Stäbe, als würden Aliens in den Käfig eindringen. Die Stäbe verformen sich, der Raster wird amorph. Die Transformation von Symmetrischem zum Amorphen zieht sich durch Koglers Werk. Der Industrie-Sound von Franz Pomassl intensiviert diese Umwandlung.

An der Feinabstimmung zwischen dem Sichtbaren und dem Hörbaren erkennt man die jahrelange Zusammenarbeit zwischen Pomassl und Kogler. Die Ausstellung, die in Kooperation mit dem Österreichischen Kulturforum in Kroatien und seinem engagierten Leiter Georg Lack realisiert wurde, bringt Kogler bereits zum zweiten Mal nach Zagreb. 2012 ließ er riesige Ameisen an den Außenmauern des Museums entlanglaufen.

Ameisenstudien gehören zu den Hauptbeschäftigungen Koglers. Die Tierchen stehen auch als Metapher für die Beziehung zwischen Körper und Architektur. Jetzt laufen die Ratten an der Fassade des MSU auf LED-Bahnen. Die Sekretärinnen des Raffinerieunternehmens Ina, das auf der anderen Straßenseite sein Büro hat, sollen angeblich wenig Freude mit den riesigen weißen Nagetieren in der Endlosschleife haben.

Koglers Werk veranschaulicht das Verhältnis zwischen Körper und Raum, indem etwa Relationen verschoben werden. Einmal denkt man, man würde vor einem Mikroskop sitzen und in die Welt der Nanopartikel hineingezoomt werden. Ein anderes Mal ist man eher in der Position des Sternguckers im Weltall. Verkleinern. Vergrößern. Rastern. Zerteilen. Zerschichten. Kogler dekonstruiert nicht nur Körper, er analysiert auch gleichzeitig unsere Möglichkeiten, diese wahrzunehmen.

Computerkunst

Ein sich drehender Globus erscheint auch in Zagreb als Videoinstallation in einer Blackbox. Er wirkt so plastisch, dass man die Lichtprojektion wie einen echten Ball in die Luft werfen möchte. Der Globus taucht aber auch in gefräster Metallversion und als Zeichnung auf. "Es ist immer die gleiche Information", erklärt Kogler, "nur kann sie sich so oder so manifestieren." Um das Thema der Manifestation von Information geht es auch in dem Raum, in dem seine Collagen gezeigt werden. Es sind Bilder aus Zeitungen (viele aus dem STANDARD), die er nebeneinander klebt.

Die Collagen haben mehrere Ebenen. Über die Zeitungsbilder steckt Kogler Magnettafeln mit seinen programmierten Computermotiven. In diesem Ausstellungsraum zeigt er auf der einen Seite Bildmaterial, also den Input, den wir Menschen über Medien aufnehmen. Gegenüber sind dann "nur" seine Bilder und Skulpturen zu sehen. Er wolle die Informationen, die er auf seinem Computer habe, sichtbar machen, erklärt Kogler, der sich schon seit den 1980er-Jahren mit Computerkunst beschäftigt.

Das MSU hat übrigens bereits seit den 1960ern eine Tradition in Ausstellungen mit Computerkunst. In diesem Sinn passt die Schau Koglers sehr gut in die kroatische Hauptstadt. Das Museum zieht auch viele Besucher aus der Region an, aus Slowenien und Serbien. Koglers Ausstellung wird auch von der Stadt Zagreb, dem kroatischen Kulturministerium, der Erste Bank und dem österreichischen Kanzleramt unterstützt. (Adelheid Wölfl aus Zagreb, DER STANDARD, 29.12.2014)

Bis 20. 2.

Link

www.msu.hr

  • Peter Koglers Werk veranschaulicht das Verhältnis zwischen Körper und Raum, indem Relationen verschoben werden: verkleinern, vergrößern, rastern, zerteilen.
    foto: damir fabijanic

    Peter Koglers Werk veranschaulicht das Verhältnis zwischen Körper und Raum, indem Relationen verschoben werden: verkleinern, vergrößern, rastern, zerteilen.

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