Menschenbildung statt Testobsession

Kommentar der anderen28. Dezember 2014, 18:29
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Die Antwort auf die Frage nach den Zielen von Bildung haben wir an die OECD delegiert. Hilfreich wäre es aber auch, sich an Immanuel Kant zu erinnern, um zu verstehen, was einen gebildeten Menschen ausmacht

"De facto hat unsere Gesellschaft darauf verzichtet, sich über die Ziele von Bildung zu verständigen", meint der deutsche Erziehungswissenschafter Volker Ladenthin mit Blick auf die Tendenz, dass sich die Politik von der OECD über Pisa vorgeben lässt, was die heranwachsende Generation lernen soll. Das Paradoxon besteht darin, dass eine empirische Studie unter der Hand zu einem Instrument der Durchsetzung von Zielen wird, die in ihrem normativen Charakter nicht mehr hinterfragt werden.

200 Jahre alte Theorie

Hier lohnt sich vielleicht ein Blick auf eine Theorie, die mehr als zweihundert Jahre alt ist, aber mehr Kohärenz für sich beanspruchen kann, sowohl hinsichtlich des Begriffs der Bildung als auch ihrer Ziele.

Bei Kant bezieht sich der Kosmopolitismus auf den Weltbürger. Menschen mit weltbürgerlicher Gesinnung versuchen, den "Egoismus der Vernunft" zu transzendieren, der in der mangelnden Bereitschaft besteht, die eigenen Urteile mithilfe der Urteile anderer zu prüfen.

Das normative Ideal besteht in einer der drei Maximen der allgemeinen Menschenvernunft: der erweiterten Denkungsart. "Dem Egoism kann nur der Pluralism entgegengesetzt werden, d. i. die Denkungsart: sich nicht als die ganze Welt in seinem Selbst befassend, sondern als einen bloßen Weltbürger zu betrachten und zu verhalten" (Kant, Vorlesung zur Anthropologie). Diese Denkungsart muss gelehrt und geübt werden. Das Herzstück von Kants Überlegungen ist die Einsicht, dass wir nur mithilfe anderer unsere eigene Vernunft und Urteilskraft kultivieren können.

Anhand der Diskussion um das neue Islamgesetz im Oktober kann vielleicht gezeigt werden, was in einer konkreten Situation diese erweiterte Denkungsart bedeutet.

  • Wissenserwerb ist unverzichtbarer Ausgangspunkt von Bildung: Viele Teilnehmer und Teilnehmerinnen des Diskurses sind offenbar – wie manche Bildungsexperten und Bildungsexpertinnen – dem Mythos von der Irrelevanz der Inhalte erlegen. Ein Basiswissen über "den Islam" ist unverzichtbar.
  • Vom Wissen zum Reflexionswissen, differenzierten Denken und vernetztem Wissen: "Islamische Religion" kann offenbar sehr viel bedeuten, vom mystisch orientierten Sufismus über den Glauben der Jesiden oder Aleviten bis zum Fundamentalismus der Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Es ist abzulehnen, kriminelle Aktivitäten von Jihadisten mit einem Religionsgesetz bekämpfen zu wollen; dafür ist das Strafrecht zuständig.
    Andererseits ist es auch fragwürdig, wenn in einem Zeitungsartikel die Regierungsparteien pauschal als rassistisch und islamophob bezeichnet werden und damit ein Vorurteil verstärkt wird, nämlich, dass sich Muslime häufig als Opfer etwa von Islamophobie sehen, aber nicht bereit sind, anzuerkennen, dass viele von ihnen Täter und Kriminelle sind.
  • Vom Reflexionswissen zu den drei Maximen des Denkens nach Kant: Die zweite Maxime ist ident mit der erweiterten Denkungsart, von der ich am Anfang geschrieben habe. Selber zu denken ist das Motto der Aufklärung und die vorurteilsfreie Denkungsart. Die dritte Maxime, die Widerspruchsfreiheit oder die Fähigkeit, mit sich einstimmig zu denken, nennt Immanuel Kant die konsequente Denkungsart.

Konsistenz ist nötig

Diese Maximen der Denkungsart lassen sich auf das Beispiel Islamgesetz und seine rechtlichen Folgerungen anwenden, etwa: kein Generalverdacht gegen muslimische Gläubige. Die Grundüberlegung sollte sein, dass sich die Mehrheitsgesellschaft zu den Prinzipien des eigenen Rechtsstaates bekennt und daher nicht mit zweierlei Maß misst, um eben diesen Rechtsstaat zu verteidigen. Hier ist Konsistenz, das heißt Übereinstimmung mit den eigenen rechtsstaatlichen Grundsätzen angesagt.

Kosmopolitische Bildung ist ident mit Erziehung zur moralischen Freiheit. Moralische Gesinnung kann nur das Resultat der Anstrengung eines Individuums sein, ansonsten würde der Bezug zur Freiheit und Autonomie fehlen; andererseits kann die Pädagogik die Bedingungen formen, die die Erreichung dieses Zieles wahrscheinlicher machen.

Kantische moralische Bildung verweist die Lernenden daher auf ihre eigene praktische Vernunft, und dieser Verweis bringt sie dazu, den sogenannten "generalized other" anzunehmen; denn die angenommene Maxime und Denkungsart soll verallgemeinerbar sein und die vernünftige Zustimmung aller finden können.

Vernünftig unvernünftig

"Die vernünftige Allgemeinheit gibt es nicht", lautet ein beliebter Einwand gegen diese These. Die Kritik beruft sich aber eben auf die Instanz des Vernünftigen, im Sinne von: Es ist vernünftig, sich nicht an die Vernunft zu halten. Wenn wir diesen performativen Widerspruch vermeiden wollen, bleibt uns nichts anderes übrig, als nach dieser Allgemeinheit in der Partikularität zu suchen, im freien, erweiterten und kultivierten Gebrauch der eigenen Vernunft und in der Kommunikation mit anderen.

Was anderen widerfährt ...

In dieser Idee ist der ganze Kosmopolitismus Immanuel Kants enthalten. Das Motto Kants lautet: "Ich bin ein Mensch; alles, was Menschen widerfährt, das trifft auch mich." (Georg Cavallar, DER STANDARD, 29.12.2014)

Georg Cavallar (Jahrgang 1962) ist promovierter Philosoph, Privatdozent mit Lehrbefähigung für Neuere Geschichte, AHS-Lehrer am Bundesgymnasium IX in der Wiener Wasagasse und Lehrbeauftragter an der Universität Wien; sein Forschungsschwerpunkt ist das Werk von Immanuel Kant.

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