Zentralmatura: Reif am Tag X – und dann?

Kommentar28. Dezember 2014, 17:35
22 Postings

Wer die Matura nicht ganz abschaffen will, muss ihr neuen Sinn geben und ihren Wert wieder steigern

Sie ist auch ein relativ altes bildungspolitisches Projekt in Österreich. Nicht so abgestanden wie die Debatte um die gemeinsame Schule zwar, aber doch auch schon ein Jahrzehnt wird über die "Zentralmatura" diskutiert, konferiert, lamentiert. Wirklich "zentral" ist sie ohnehin nicht. Nur eine "Säule", nämlich der schriftliche Teil, wird einheitlich vorgegeben. Ab 2015 sollen zuerst in allen AHS, 2016 auch in den BHS, am selben Tag X dieselben Beispiele für all jene Schüler zum Prüfungseinsatz kommen, die sich ihre "Reife" bescheinigen lassen wollen.

Das ist in vielen Ländern seit langem selbstverständliche Routine. Vergleichbarkeit der Leistungen, ein verbindliches Mindestniveau für alle, die diese Auszeichnung tragen wollen, und objektivere Ergebnisse, auch durch Ausschaltung des subjektiven Faktors "Lehrer/in" durch klare Bewertungskriterien, geben dieser Prüfung am Ende der höchsten Schulstufe einen spezifischen Wert.

Interessanterweise kommt bei der Zentralmatura-Diskussion, zumal, nachdem unlängst eine Probeklausur für den Geschmack einiger Beobachter zu viele Fünfer ergeben hat, nie die Angst vor der "Nivellierung nach unten", die bei der Gesamtschule reflexhaft auftaucht. Vielmehr wird hier der Vorwurf vermeintlich zu hoher Ansprüche ventiliert. Wie das? Gibt es einen moralischen Anspruch auf Durchkommen bei der Matura? Für wen? Warum ertönt sofort der Tenor "Diese Matura muss zu schwer oder falsch sein, wenn unsere Kinder nicht durchkommen"?

Die republikanische "Blindheit" der "Zentralmatura" hat unzweifelhaft viele Vorteile. Gerechtigkeit ist einer davon. Denn die erbrachte Leistung - in Österreich nur in einem Teilbereich - wird unabhängig von Faktoren wie Schule, Status, Lehrern, die ihren Schülern, deren Eltern und sich selbst, sagen wir, den letzten Schritt an der Schwelle ins "reife" Leben nicht unnötig erschweren wollen, beurteilt.

Die Matura ist ein singuläres Ereignis, ein (fragwürdiger) Übergangsritus. Sie ist vor allem symbolisches Kapital - mit sinkendem Marktwert. Als automatischer Türöffner zur Universität hat sie angesichts immer neuer Aufnahmeverfahren ausgedient. Die Aussagekraft eines Maturazeugnisses für ein Studium ist ohnehin höchst beschränkt. Haben oder nicht haben, war hier die Frage. Wer also die "alte" Matura nicht ganz abschaffen will, muss ihr neuen Sinn geben und ihren Wert steigern. Anderenfalls kann man sie sich und den nachfolgenden Generationen auch ersparen. (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, 29.12.2014)

Share if you care.