Václav Havel "noch immer Tschechiens wichtigster Botschafter"

Interview29. Dezember 2014, 07:00
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Vor 25 Jahren wurde Václav Havel zum Präsidenten der Tschechoslowakei gewählt. Sein späterer Sprecher Martin Krafl erinnert sich

STANDARD: Als Václav Havel am 29. Dezember 1989 zum Präsidenten gewählt wurde, waren Sie 18 Jahre alt. Wissen Sie noch, wann Sie den Namen Havel zum ersten Mal gehört haben?

Krafl: Das war im November bei den Demonstrationen auf dem Wenzelsplatz. Zu Hause haben wir über ihn nie gesprochen. Meine Eltern waren gegen das Regime, aber sie wollten mich und meine Schwester schützen. Sie wussten, wie kompliziert es ist, zu Hause anders zu sprechen als in der Schule, wo man nicht nur ein guter Schüler sein sollte, sondern auch ein guter Pionier und ein Freund der Sowjetunion.

STANDARD: Mit 25 wurden Sie enger Mitarbeiter von Havel. Wie kam das?

Krafl: Ich war damals TV-Nachrichtensprecher. Als die Präsidentschaftskanzlei anrief, dachte ich, dass ich in einem Bericht einen Fehler gemacht hätte, doch stattdessen kam ein Jobangebot. Havel wollte einen jungen Mitarbeiter, der Deutsch spricht und die Arbeit der Journalisten versteht. Eigentlich wollte ich Nein sagen. Ich hatte keinerlei politische Erfahrung und dachte, ich sei zu jung. Aber mein damaliger Chef beim Fernsehen sagte: "Wenn du dieses Angebot ablehnst, bist du gekündigt." Ich dachte, das ist ein Witz. Aber er hat mich tatsächlich gekündigt, damit ich gezwungen war, das Angebot anzunehmen. Heute bin ich darüber sehr froh.

STANDARD: Havel wurde binnen weniger Wochen vom Dissidenten zum Präsidenten. Hat ihn dieser schnelle Wechsel auch später noch geprägt?

Krafl: Mit der Zeit wurde er als Präsident immer professioneller. Gleichzeitig aber hatte ich den Eindruck, dass er mit jedem Jahr unsicherer wurde. Er hat immer besser gesehen, was er alles beeinflussen kann, was ein einziger Satz von ihm alles bewegt. Was für eine Verantwortung!

STANDARD: Wie beurteilen Sie aus heutiger Sicht das Verhältnis zwischen Václav Havel und seinem Nachfolger Václav Klaus? Klaus gilt ja als Vertreter einer Marktwirtschaft ohne Attribute, während Havel mit der neoliberalen Ideologie nie viel anfangen konnte.

Krafl: Die beiden haben einander damals respektiert, aber sie waren extrem unterschiedlich. Sie verkörperten die Auseinandersetzung zwischen der Zivilgesellschaft und der freien Marktwirtschaft. Doch wenn ich heute als Diplomat unterwegs bin, dann sehe ich, dass Václav Havel immer noch der wichtigste Botschafter der Tschechischen Republik im Ausland ist.

STANDARD: Havel war auch Dramatiker und hat sich sehr für Musik interessiert. War das im Alltag auf der Prager Burg präsent?

Krafl: Auf der Burg waren immer wieder Musiker zu Gast. Ich selbst habe Michael Jackson erlebt, Whoopi Goldberg, die Rolling Stones oder Tina Turner. Das waren die Momente, die er wirklich gemocht hat. Was das Theater betrifft, so wäre Havel wohl auch während seiner Amtszeit gern Dramatiker gewesen. Wenn ich heute die Menschen frage, was Havel für sie war, dann höre ich meistens Worte wie Dissident, Politiker oder Präsident. Er selbst würde sich wahrscheinlich als Dramatiker bezeichnen.

STANDARD: 1998 musste Havel in Innsbruck am Darm notoperiert werden. Sie sagen, das war Ihre politische Matura. Wieso das?

Krafl: Vor der Klinik standen dutzende Journalisten aus aller Welt. Die Spitalsleitung hatte mit so etwas keine Erfahrung und bat die Präsidentschaftskanzlei in Prag um Hilfe. Also sagte mein Chef, ich soll hinfliegen, eine Pressekonferenz moderieren und am nächsten Tag wieder zurückkommen. Auf dem Flughafen übergab man mir aber nur ein One-Way-Ticket. Ich habe im Büro angerufen und gefragt, wann und wie ich zurückfliegen soll, aber mein Chef meinte nur, ich solle mir keine Sorgen machen. Also bin ich nach Innsbruck geflogen und 21 Tage geblieben. Damals habe ich alles Mögliche gemacht: mit den Journalisten gearbeitet, für die Ärzte übersetzt oder Madeleine Albright (damalige US-Außenministerin) am Telefon berichtet, wie es Havel geht. Wenn ich das vorher geahnt hätte, hätte mich wahrscheinlich der Mut verlassen.

STANDARD: Havel soll ein sehr herzliches Verhältnis zu seinen Mitarbeitern gepflegt haben. Sind Sie auch nach seiner Amtszeit in Kontakt geblieben?

Krafl: Ich habe später in Berlin gearbeitet, dort hat er mich mit seiner Frau Dagmar besucht. Mein Partner und ich waren auch mehrmals bei ihm zu Gast. Eine Sache ist mir übrigens sehr wichtig: Im Jahr 2000 hat mich die Boulevardpresse unter Druck gesetzt, weil ich gay bin. Ich wollte Havel nicht mit meinen privaten Problemen belasten und habe überlegt zurückzutreten. Havel hat damals gesagt: "Lieber Herr Krafl, schämen Sie sich?" "Nein", habe ich geantwortet. Darauf Havel: "Dann würde ich vorschlagen, Sie sagen das ganz laut. Und ich werde neben Ihnen stehen." Also wurde ich zu einem der ersten Menschen, die in Tschechien ein öffentliches Coming-out hatten. Václav Havel und seine Frau haben mich damals sehr unterstützt. Heute weiß ich, dass das einer der wichtigsten Schritte in meinem Leben war. Dafür werde ich immer dankbar sein. (Gerald Schubert aus Prag, DER STANDARD, 29. Dezember 2014)

foto: schubert
Zur Person: Martin Krafl (43) war von 1996 bis 2003 enger Mitarbeiter des tschechischen Präsidenten Václav Havel, u. a. als Direktor der Presseabteilung. Danach arbeitete er als Sprecher verschiedener Institutionen und als TV-Moderator, seit 2007 ist er Diplomat. Derzeit ist Krafl Direktor des Tschechischen Zentrums Wien und Präsident der österreichischen Vereinigung der Nationalen Kulturinstitute in der Europäischen Union (EUNIC Austria). Er arbeitet auch mit dem Tschechischen Rundfunk Vltava zusammen.
  • Václav Havel mit seiner Frau Olga am 29. Dezember 1989 auf der Prager Burg nach seiner Wahl zum Staatspräsidenten durch das noch kommunistische tschechoslowakische Föderalparlament. Olga Havlová starb 1996, Václav Havel im Dezember 2011.
    foto: reuters

    Václav Havel mit seiner Frau Olga am 29. Dezember 1989 auf der Prager Burg nach seiner Wahl zum Staatspräsidenten durch das noch kommunistische tschechoslowakische Föderalparlament. Olga Havlová starb 1996, Václav Havel im Dezember 2011.

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