Architekt Isay Weinfeld: Die Welt von B bis Ypsilon

29. Dezember 2014, 10:53
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Der brasilianische Architekt Isay Weinfeld, Planer des Intercont-Eislaufverein-Areals in Wien, ist derzeit in aller Munde

STANDARD: Auf Youtube gibt es ein Video mit dem Titel "Der Architekt, den wir am meisten bewundern: Isay Weinfeld". Kennen Sie den Film?

Weinfeld: Wow, echt? Nein, den kenne ich nicht! Aber ich finde es schön, dass ich mit meiner Arbeit Menschen erreichen und berühren kann. Das sagt mir, dass ich auf dem richtigen Weg bin.

STANDARD: Was genau ist denn an Ihrer Arbeit bewundernswert?

Weinfeld: Das müssen Sie die Macher dieses Films fragen. Aber ich fürchte, ich komme nicht um eine Antwort umhin, oder? Na gut ... Ich denke, die Besonderheit, die mich ausmacht, ist die Feinheit, die Sensibilität, die Balance, die Unaufgeregtheit, die stille Leidenschaft meiner Architektursprache, in erster Linie aber das Zuhören-Können.

STANDARD: Das heißt?

Weinfeld: Wissen Sie, ich halte nichts von Architektur, bei der sich der Urheber als Star oder Genie sieht. Ich bin einfach nur ein guter Zuhörer, der die Fähigkeit besitzt, das Gehörte in etwas Gebautes zu verwandeln. Und ja, ich bin ein verdammt guter Zuhörer. Manchmal habe ich sogar das Gefühl, ich sei ein besserer Zuhörer als Architekt.

STANDARD: Was sagen Sie zu alledem, was Sie derzeit in Wien zu hören bekommen? Stichwort: Hotel Intercontinental und Eislaufverein.

Weinfeld: Ich verstehe das. Das ist Ihre Stadt, das ist Ihr Lebensraum, das ist Ihr Lebensmittelpunkt, mit dem Sie sich auseinandersetzen und der in all seinen Facetten Gutes und nicht so Gutes birgt. Da kommen viele Emotionen hoch. Im Rahmen des Architekturwettbewerbs habe ich einen ersten Vorschlag gemacht, jetzt geht es darum, zuzuhören und unterschiedliche Meinungen zu diesem Projekt einzuholen. Je differenzierter ein Projekt betrachtet wird, desto besser wird das Resultat sein.

STANDARD: In welche Richtung wird sich das Projekt weiterentwickeln?

Weinfeld: Das kann ich noch nicht sagen. Wir stehen jetzt ganz am Anfang des Planungsprozesses. Was ich Ihnen allerdings versichern kann: Egal, wie sich das Projekt entwickeln wird, es wird niemals alle Meinungen respektieren und alle Menschen gleichermaßen zufriedenstellen können. Das ist ein Ding der Unmöglichkeit.

STANDARD: Derzeit ist im Architekturzentrum Wien (Az W) eine Ausstellung über Ihr bisheriges Werk zu sehen. Der Titel der Ausstellung lautet "A bis Z". Das ist ein hehrer Anspruch.

Weinfeld: Das ist eine Ausstellung, die bereits in New York und São Paulo zu sehen war. "A bis Z" ist eine Installation mit mehreren Exponaten und Entwurfsaufgaben zwischen B und Ypsilon, die mich tangieren und die mir als Architekt zu denken geben. Architektur, also die Gestaltung des Lebensraums, ist eine Sache, die das ganze Leben begleitet. Deswegen zeige ich in der Ausstellung auch eine von mir gestaltete Wiege – das ist das A – sowie einen von mir entworfenen Sarg, das Z.

STANDARD: A und Z schauen einander sehr ähnlich.

Weinfeld: Ja, das ist Absicht. Beide Möbel sind aus unbehandeltem Holz und weißer Baumwolle, und beide weisen eine Architektur mit weichen, fließenden Formen auf. In gewisser Weise sind Wiege und Sarg fast das Gleiche. Das sind Gegenstände beziehungsweise Behausungen für die beiden gegenüberliegenden Enden des menschlichen Lebens.

STANDARD: Liegt Ihnen die Gesamtgestaltung des Lebens am Herzen?

Weinfeld: Ja. Ich bin Architekt. Ich liebe das Leben. Warum fragen Sie?

STANDARD: Von manchen Menschen werden Sie dafür kritisiert, dass Sie in Ihrer Arbeit sehr selektiv vorgehen und lediglich "Kunstgewerbe für die brasilianische Millionärsoberschicht" produzieren, wie unlängst in einem Beitrag zu lesen war. Wie geht es Ihnen mit diesen Vorwürfen?

Weinfeld: Es darf sich jeder seine eigene Meinung über meine Arbeit bilden. Das ist okay. Tatsache ist: Ja, ich arbeite für die brasilianische Oberschicht, genauso gut wie ich auch für Investoren, für Kulturinstitutionen, für die öffentliche Hand und für sozial und wirtschaftlich Benachteiligte arbeite. Ich lasse mich in kein Schema pressen. Für eine einzige Bevölkerungsgruppe zu arbeiten ist mir zutiefst zuwider. Und fad ist es auch.

STANDARD: Wo fühlen Sie sich denn wohler?

Weinfeld: Vor einigen Wochen wurde ich eingeladen, in den Favelas von Belo Horizonte im Bundesstaat Minas Gerais ein Gemeinschaftshaus und einen Kindergarten zu planen. Es ist ein schönes Projekt. Es ist nicht besser und nicht schlechter als eine Villa für einen wohlhabenden Auftraggeber in Rio de Janeiro. Es ist anders. Ich werde Ihnen jetzt nicht antworten, bei welcher Aufgabe ich mehr Freude und Leidenschaft empfinde.

STANDARD: Und bei welcher Aufgabe empfinden Sie die größere Herausforderung?

Weinfeld: Die größte Herausforderung für mich ist immer das Projekt, das ich zum ersten Mal angreife, das ich noch nie zuvor gemacht habe.

STANDARD: Eine absolute Tätigkeitspremiere war Ihr Film "Fogo e Paixão" ("Feuer und Leidenschaft", 1988), bei dem Sie Produktion, Drehbuch und Regie übernommen haben. Der Architekt als Gesamtkünstler?

Weinfeld: Warum nicht! "Fogo e Paixão" ist eine Filmkomödie über eine Gruppe Touristen, die eine Großstadt erkunden. In gewisser Weise hat auch das mit Architektur zu tun, und zwar mit der Rezeption des Systems Lebensraum.

STANDARD: Wenn ich das Bild aufgreifen darf: Was wird passieren müssen, damit in den kommenden Jahren auch beim Hotel Intercontinental und Eislaufverein "Fogo" und "Paixão" aufkommen?

Weinfeld: Lassen Sie es mich so sagen: Bis jetzt haben die Wiener für ordentlich viel "Fogo" gesorgt. Meine Arbeit liegt nun darin, etwas mehr "Paixão" in die Sache zu bringen. (Wojciech Czaja, DER STANDARD, 27.12.2014)

Isay Weinfeld (62) ist Architekt in São Paulo und plante bereits Projekte in Südamerika und Europa, u. a. ein Hotel in Belgrad und ein Restaurant in London. Er ist Sieger des internationalen Wettbewerbs zur Neubebauung des Intercont-Eislaufverein-Areals und betreut das Projekt für die Wertinvest. Geplante Fertigstellung 2018. Foto: Dimo Dimov

"A bis Z. Die Welt von Isay Weinfeld" im Az W, Museumsquartier, 1070 Wien. Zu sehen bis 23. Februar 2015. www.azw.at

  • Projekt in Wien: das Intercont-Eislaufverein-Areal.
    foto: wertinvest

    Projekt in Wien: das Intercont-Eislaufverein-Areal.

  • "Die größte Herausforderung für mich ist immer das Projekt, das ich zum ersten Mal angreife, das ich noch nie zuvor gemacht habe."
    foto: standard/hendrich

    "Die größte Herausforderung für mich ist immer das Projekt, das ich zum ersten Mal angreife, das ich noch nie zuvor gemacht habe."

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