Das Jahr des Bartes

Blutiger "IS"-Terror, internationaler Dauerkonflikt um die Ukraine und ein nicht immer optimal inszeniertes Gedenken an den Ersten Weltkrieg: 2014 ließ etliches zu wünschen übrig. Sechs Rückblicke.

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30. Dezember 2014, 09:35

Überwachen und rasieren

Von Andrea Maria Dusl

Das Jahr begann wie jedes andere auch. Man schwang das Silvesterbein, goss sich Jahresendplörre hinter die Binde und Blei in die Salatschüssel. Draußen krachte und knallte es, drinnen flogen die Vorsätze. Was man noch nicht wissen konnte: Das Jahr würde ein Durchwachsenes werden. Für alle. Ständig vermischte sich das Private mit dem Öffentlichen. Aus Eigenem wurde Fremdes, aus Fremdem Eigenes.

foto: reuters/carolyn kaster/pool
John Kerry und Sebastian Kurz am Wiener Flughafen.

Gänzlich kalt ließ uns das winterwarme Sotschi. Die Eiseskälte Putins trug das heimelige Lächeln Karl Schranzens. Österreichs Olympiahelden fuhren auf falschem Schnee um richtiges Gold, nur der Herminator schwang ab und fand politische Worte für eine politische Sache. Man sollte ihn zum Außenminister machen. Ehrlich jetzt. Des tatsächlichen Außenministers größte Stunde war wohl das Treffen mit Amtskollegen und Fast-Burgenländer Kerry. Der Mann mit dem kantigen Kinn und dem dicken Terminkalender. Er schenkte dem jungen Kurz ein paar Minütchen auf dem Schwechater Flugfeld. Worum es ging? Um Fragen der Überwachung. Die Kürze des Gesprächs gab Auskunft über die Wichtigkeit, die Amerikas Außenminister dem österreichischen Außenministerchen zumisst.

Überwachung war das große Thema des Jahres. Überwachung auf Facebook, Überwachung auf Twitter. Überwachung der Gesamtmenschheit durch seinen Teiler USA, Überwachung Nichtrusslands durch Russland. Überwachung Russlands durch die Gegner seines Territorialerweiterungshungers.

Auch im Kleinen, im Österreichischen wurde überwacht. Etwa der Ex-Fußballvereinspräsident (er trägt Bart) durch die Feinde seiner Fußfesselfreiheit. Durch die Lappen der Überwachung gingen die Vorgänge an Bord und die Bahn von Flug MH370 der Malaysia Airlines von Kuala Lumpur nach Peking. Überwacht wurde schließlich der Indische Ozean. Welle für Welle wurde abgesucht. Alles wurde gefunden, von der Badeente bis zum Medusa-Floß, nur die verschwundene Maschine blieb verschwunden.

foto: apa/techt
Georg Springer und Matthias Hartmann.

Einen Abgang wegen fehlender Überwachung der Finanzen machte Burgtheaterdirektor Bartmann, äh, Hartmann. Im Fallen riss er noch den Springer mit (er trägt Schnurrbart). Schachmatt hingegen war der König. Nach vier Jahrzehnten Großwildjagd übergab der hinkende Juan Carlos die Krone an seinen Sohn Felipe. Der trägt im Einklang mit dem Jahresmotto ganz selbstverständlich Bart und ist jetzt (mit 46 Lenzen) der jüngste König Europas. Auch was. An der Monarchen-Front tat sich neben Schwangerschaften und Geburten auch Unerfreuliches. Ein Bartträger mit unmerkbarem Namen rief sich selbst zum Kalifen aus und bestieg mit seiner Jihadtruppe (alle Bartträger) die Bühne der Grausamkeit.

Gegen den Bart sprach sich Europa aus. Im direkten Match um das Amt des EU-Kommissionspräsidenten gewann der Konservative Jean-Claude Juncker. Der Spitzenkandidat der Sozialdemokraten, Bartmann Schulz, unterlag.

foto: apa/dpa/woitas
Die deutschen Weltmeister bei der Siegesfeier in Berlin.

Ein gutes Jahr war das Bartjahr für die Rasenkünstler aus Deutschland. Glatt rasierten sie Brasilien und Argentinien und wurden dann Weltmeister in der bestüberwachten Nebensache der Welt. Weniger geschmiert lief das Jahr für Vizekanzler und Finanzminister Michael Spindelegger. Er warf das Handtuch und verließ die Bühne der Politik. Vaupe-Chef wurde Django Mitterlehner, Finanzminister ein Millionär aus Vorarlberg (er trägt Schnurrbart).

Einen langen Bart hingegen hat das Milliardendesaster Hypo. Mit lethargischer Wut überwacht das Land das Wachsen unermesslicher Fehlbeträge. Außerirdisch und gut überwacht wurde auch das Schicksal der Sonden. Rosetta, die Begleiterin des Schweifsterns 67P/Tschurjumow-Gerassimenko, entsandte den Lander Philae. Der putzige Kasten landete im Bart des Kometen, um sogleich wieder einzuschlafen.

Der zentrale Moment des Jahres war wohl der Phönixflug von Cönchen Wurst. Ewig werden wir uns daran erinnern, wo wir waren, als die Prinzessin von Bart Mitterndorf den Song Contest gewann. Ich saß an diesem 10. Mai mit zwei politischen Kapazundern auf einer Feldkircher Lesebühne. Für immer werden deshalb Josef Winkler, Robert Menasse, Bartdame Conchita Wurst und ich ein Sommerkleeblatt sein. What a rat pack!

Andrea Maria Dusl, Regisseurin, Autorin und Zeichnerin, lebt in Wien.

foto: reuters/bader
Was man um die Hypo-Milliarden alles machen könnte? Eine Stadt - Hypotopia - bauen, zum Beispiel. Ein Modell davon gab es heuer am Karlsplatz in Wien zu sehen.

Quasimafiotische Zustände sind das

Von Marlene Streeruwitz

Während im Film und in den heimischen ORF-2-Polizeiserien österreichische Landstriche von einer fiktiven Drehbuchpolizei und einem Miss-Marple-Verschnitt "in Ordnung" gehalten werden. Da wird den Reichen und den Reicheren und den Politikern mit aggressiver Ironie begegnet. Da wird "denen" nichts geglaubt. Da wird lustig das Recht gebeugt oder gleich in der Beschaffung von möglichen Beweisen gebrochen.

Auf ORF 2 ist der "Normalbürger" irgendwie gerächt. Und. Das wäre schön, wenn nicht nur alle Autorität in dieser fiktiven Außenwelt auf die Polizei oder die Miss Marples versammelt würde. Das kommt aus der Zwangslogik solcher Drehbücher. Aber. So wird Kontrollstaatlichkeit argumentiert. Demokratie ist aus diesen Drehbüchern verbannt.

In der Wirklichkeit geht das alles ganz anders. Während die ORF-Detektive und -Detektivinnen durch die Landschaften eilen. Sie springen in die Autos und Schiffe. Sie verschaffen sich Eintritt. Sie verdächtigen gleich einmal jeden und jede. Im Tatort übernehmen sie zur Steigerung des Niveaus auch moralische Verantwortung gegenüber dem da - auch wieder zu Steigerung des Niveaus - auftretenden internationalen Verbrechen. Während die Drehbuchautoren sich die haarsträubendsten Geschichten ausdenken müssen und ihre Figuren mit einer Handlungsmacht ausstatten, die sich als Rettung gebärdet. Währenddessen. In der Wirklichkeit gibt es nur das Gegenteil davon.

In einem Film. In einer Serie. Sagen wir, es liegt ein Umweltverbrechen vor. Oder ein Bankenskandal von ungeheurem Ausmaß. Es müsste gehandelt werden. Ein Drehbuch mit dieser österreichischen Wirklichkeit könnte natürlich überhaupt nicht erfolgreich sein. Die österreichische Wirklichkeit könnte einen Arthouse-Film generieren, in dem die Personen in ihrer Handlungsunfähigkeit jeweils in Großaufnahme studiert werden könnten. Die Coen Brothers könnten das sehr gut. Aber ein Film der Coen Brothers kommt nie in die Cineplexxkinos oder ins Hauptabendprogramm. Die gerade herrschende Politik des Nichtstuns, aber Herumredens auch nicht.

foto: chris pizzello/invision/ap
Kyra Sedgwick.

In einem Film. Wären wir doch nur in einem Film. Es gäbe eine Figur, die führe gleich ins Görtschitztal. Diese Figur. Ich könnte mir Kyra Sedgwick als "the closer" sehr gut dabei vorstellen. Diese Figur würde sofort alle Proben nehmen lassen. Diese Figur würde Versammlungen der Betroffenen besuchen. Es würden Informationsveranstaltungen organisiert werden. Die Betroffenen würden von Gesundheitsteams betreut. Es würden die wirtschaftlichen Auswirkungen entworfen werden und Hilfsprogramme entwickelt. Die Lebensperspektiven der Betroffenen würden eingeschätzt werden und die Ansprüche an Entschädigung festgelegt. Strategien für die Zukunft würden entworfen. Eine solche Figur hätte längst alle Konten der Verursacherfirmen eingefroren, damit Entschädigungen von dort bezahlt werden können. Beweise wären gesammelt und der Staatsanwaltschaft vorgelegt. Gerichtsprozesse gegen die Verursacher könnten sofort beginnen, um die Sachlagen zu klären und den Weg für Maßnahmen freizumachen.

In unserer hiesigen Arthouse-Wirklichkeit geschieht nichts. Im Bild sind Amtsträger, die mit unbewegtem Gesicht ihre Unterlegenheit gegenüber NGOs beklagen. Dafür bezahlen wir eigentlich keine Beamten, dass die sich in ein sehr passendes Gestrüpp von Verordnungen verwickeln. Quasimafiotische Zustände sind das ja eigentlich, wenn eine Giftverbrennungsgenehmigung für eine Anlage erteilt wird, obwohl die Überprüfung an einer ganz anderen Anlage stattgefunden hatte. Kein Wunder, dass Österreich ganz gut in den Korruptionslisten im gediegenen Mittelfeld liegt.

Auch so ein Arthouse-Movie ist der Hyposkandal. Während die erfundenen Polizisten über die Bildschirme toben, haben wir nun über Jahre zusehen müssen, wie die Politiker und die eine Politikerin mit unbewegtem Gesicht den Fragen an sie Klagen über die jeweils anderen entgegenhielten. Korruption kann auch durch das Auslassen von Handlungen hergestellt werden.

foto: reuters/bader
Die Firmenzentrale der Hypo Alpe Adria in Klagenfurt.

Es wird aber sicher kein Arthouse-Movie, wenn unsere Gesellschaft durch eine Steuerreform umgebaut werden wird, in der jede der Koalitionsparteien ideologische Spuren hinterlassen wird. Während die Wirtschaft weiter in Actionskripts vor sich hin toben darf, werden die Bürgerinnen und Bürger in ein depressives Skript dieser längst überholten Koalition gepresst. Wie die Kinder von Eltern, die sich nicht scheiden lassen, werden wir die Folgen bewältigen müssen.

Niemand rettet uns. Niemand interessiert sich für unsere Leben. Niemand fragt sich, wie das gelebt werden soll, was da an sogenannter Steuerreform vereinbart wird. Wenn aber niemand da ist, dann wird da offenkundig auch niemand gebraucht.

Warum nicht einfach ein Tausch. Die Politiker ins Görtschitztal und die Bewohner an deren Stelle. Und die Beamten gleich mit. Und dann eine Wahl, bei der keine der Parteien antreten darf, die jetzt das Parlament für ihre jeweiligen Kleinexperimente in Gruppendynamik benutzen. Wenn niemand Verantwortung hat, dann gibt es die Repräsentation nicht mehr. Also gibt es diesen Staat nicht mehr. Eine andere Form der Reform könnte auch sein, auf eine der politischen Ebenen einfach zu verzichten. Die Diskussion ginge dann darum, ob es der Bund oder die Länder sind, die wir nicht mehr brauchen. Die zu viel kosten. Und die ohnehin nichts tun. Für das Görtschitztal sieht es so aus, als wäre es eher das Land, in dem niemand zuständig war. Für die Hypo wiederum gleich beide Ebenen. Verantwortungsloser geht es nicht mehr. Wer will an einen solchen Staat der Niemande Abgaben abliefern.

Marlene Streeruwitz, Schriftstellerin, lebt in Wien und Berlin. Heuer erschien ihr Roman "Nachkommen " im Verlag S. Fischer.

foto: apa/epa/christophe karaba
1914-Gedenken: Präsidenten Hollande und Gauck in Wattwiller, Frankreich.

Europäisches Erinnern - und Vergessen

Von Philipp Blom

Eine Flut von Publikationen, Diskussionen, Vorträgen, Gedenkveranstaltungen: Für Kollegen, die über den Ersten Weltkrieg schreiben, war 2014 ein Jahr voller Reisen. Ironischerweise habe ich selbst kein Buch über den Weltkrieg geschrieben, sondern über die Jahre davor und danach, aber auch mich führten Reisen quer durch Deutschland sowie nach Sarajevo (am Jahrestag des Attentats), Belgien, in die Niederlande, in die Schweiz und sogar nach Los Angeles, wo dem Krieg eine Ausstellung gewidmet war.

Wirklich faszinierend waren die sehr unterschiedlichen Erinnerungskulturen, die auch heute noch in verschiedenen europäischen Ländern herrschen. In Frankreich und England beispielsweise wurde des Krieges patriotisch gedacht, als eines Jahrhundertereignisses. Ein französischer Historiker zeigte mir zwei dicke und durchgehend illustrierte Prachtbände, die nur die Ereignisse auflisten, die in diesem Jahr in Frankreich stattfinden.

foto: ap/kirsty wigglesworth
888.426 Mohnblumen aus Keramik wurden vor dem Tower of London aufgestellt. Für jeden gefallenen britischen Soldaten eine.

Um den Tower of London entstand ein Blütenmeer von gut 888.000 Mohnblumen aus Emaille, eine Blüte für jeden gefallenen Soldaten. Mit sorgfältigem Timing eröffnete das British Museum eine von Direktor Neil MacGregor kuratierte Ausstellung über die Deutschen, Zeitungen und die BBC waren voller historischer Nachrichten, Analysen, Dramatisierungen.

Nicht nur die Siegernationen von damals widmeten dem Gedenken große Aufmerksamkeit. In Deutschland eröffnete Angela Merkel eine Ausstellung im Deutschen Historischen Museum in Berlin und lud Jugendliche aus ganz Europa ein, mit ihr über europäische Vergangenheiten und über die Zukunft zu sprechen, Bundespräsident Joachim Gauck lud Historiker zu einem Kolloquium ins Schloss Bellevue. Er selbst saß den ganzen Tag über in der ersten Reihe und hörte den Vortragenden aus Großbritannien, Polen, Russland, Frankreich, Deutschland, Belgien und Serbien zu.

Nicht alle Länder gedachten des Krieges als Katastrophe. Die Republika Srpska feierte den Attentäter Gavrilo Princip mit der Einweihung einer Bronzestatue. Historiker aus Polen meinten, der Krieg sei für ihr Land bei weitem nicht nur eine Katastrophe, sondern auch die Gründungsstunde ihrer modernen Nation, russische Kollegen beschrieben, wie die Erinnerung an die Jahre 1914 bis 1917 (als der Krieg für Russland beendet war) hinter der Revolution und dem blutigen Bürgerkrieg zurückstanden.

Erst im Laufe des Jahres wurde mir bewusst, dass eine Stimme in diesem Konzert fast völlig fehlte: Österreichs. Zwar gibt es eine schöne Ausstellung auf der Schallaburg (weit weg von Wien) sowie thematisch wie vom Umfang her kleinere Ausstellungen in der Wien-Bibliothek, im Wien-Museum und im Prunksaal der Nationalbibliothek, in kleineren Museen, Volkshochschulen und Gemeindesälen, aber die große Geste, der zentrale Ort?

Die Abwesenheit des österreichischen Gedenkens an ein Ereignis, das ja auch für das moderne Österreich, nun ja, nicht ganz unwesentlich gewesen ist, begann mich zu beschäftigen. Ich fing an, vor österreichischen Zuhörerinnen und Zuhörern selbst darüber zu sprechen, sehr zur Irritation des Publikums. Auf einer Veranstaltung gemeinsam mit dem Historiker Christopher Clark (Die Schlafwandler) in der Hauptbibliothek in Wien fragte dieser nach dem österreichischen Gedenken und erntete gleichfalls Unverständnis. Ob das denn nicht genug sei, wurde gefragt, und überhaupt: Was er denn erwarten würde.

Clark antwortete mit einer paradoxen Beobachtung. Er habe immer wieder festgestellt, wie lebendig die private Erinnerung an den Ersten Weltkrieg in Österreich sei. Viele Familien tradieren Geschichten von damals, Erinnerungsstücke werden aufbewahrt, augenscheinlich ist der Krieg auf dieser Ebene tatsächlich noch immer ein zentrales Ereignis. Warum also nicht auch offiziell?

Eine Antwort darauf erhielt ich bei einem Vortrag in Salzburg. Nach der Veranstaltung nahm ein Lokalpolitiker mich beiseite und erklärte mir, dem Ausländer: "Wir sind ein katholisches Land. Bei uns ist eine Ausstellung oder eine Gedenkveranstaltung immer etwas Feierliches. Und beim Ersten Weltkrieg - was gibt's denn da zu feiern?"

Vielleicht ist diese Antwort symbolisch für mehr als nur das Gedenken an den Ersten Weltkrieg, den Anfang vom Ende des Habsburgerreichs und die Geburt des modernen Österreichs. Vielleicht steht dahinter tatsächlich eine Einstellung zur Geschichte überhaupt, die, für Touristen zumindest, gerne auf Habsburg-Romantik eingekocht wird.

Wien hat noch immer kein zeitgenössisches Museum, kein Haus der Geschichte, in dem sich das moderne Österreich mit seiner jüngeren Vergangenheit auseinandersetzt. Das ist eigentlich ein Skandal, aber vielleicht steht auch dahinter unausgesprochen die Frage: Was gibt's denn da zu feiern?

Philipp Blom ist Historiker, Schriftsteller und Journalist. Soeben erschien von ihm im Hanser-Verlag "Die zerrissenen Jahre. 1918 -1938 ".

foto: reuters/marko djurica
Eine Frau fährt in der Nähe von Luhansk, Ostukraine, an einem ausgebrannten ukrainischen Panzer vorbei.

Die Ukraine gibt es nicht mehr. 1914 reloaded?

Von Cordula Simon

Im Jänner 2014 veröffentlichte Wiktor Janukowitsch neue Gesetze. Auch gegen "Verleumdung" der Regierung. Dafür fünf Jahre Gefängnis. Ich hatte gerade erst ein Interview für Radio Steiermark über die Situation gegeben. Würde man mich fünf Jahre ins Gefängnis stecken? Das Konsulat bittet Auslandsösterreicher, sich aus der Kiewer Innenstadt fernzuhalten. Wenn ich im Skype "Maidan" oder "Berkut" sage, bricht die Verbindung ab. Odessitische Großmütter blockieren eine Kaserne: Unsere Söhne fahren nicht nach Kiev, um auf Demonstranten zu schießen. Viele Titushki (Agents Provocateurs) fahren nach Kiew. Die mit Smartphones gemachten Videos zeigen, dass es sie gibt. Oft verschwinden Videos wieder von Youtube.

Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko (re.) gratuliert Arsenij Jazenjuk im Parlament.

Die russische Propaganda behauptet, in Kiew stünden nur Nazis. Die westliche, dass es um einen EU-Beitritt ginge. Aber es ging um Selbstbestimmung. Menschen, die jemanden vom Thron stoßen möchten. Wie 1914? Die ukrainischen Medien schweigen die Demonstrationen erst tot. Dann kollabiert der Maidan. Das Video von dem Sanitäter, dem man in die Beine schoss, ist verschwunden. Zum ersten Mal höre ich: Slava Ukraina, Gerojam Slava! Ruhm der Ukraine, den Helden Ruhm! Janukowitsch mag geflohen sein, aber was blieb, war die Propaganda. Die den Menschen auf der Krim erzählt, dass Kiew nun faschistisch sei.

Ein russisches Kriegsschiff vor der Krim funkt den Ukrainern zu: Kapituliert. Die Ukrainer antworten: Nein. Das geht eine Weile so: Kapituliert - Njet. Irgendwann funken die Russen: Bitte, kapituliert, wir wollen nicht auf unsere Brüder schießen. Die Ukrainer antworten: Wir sind Russen, Russen kapitulieren nicht. März.

foto: reuters/mikhail klimentyev/ria novosti/kremlin
Der russische Präsident Wladimir Putin besucht eine Militärübung im März.

Im Mai sterben mehr als vierzig Menschen in Odessa. Alle Beteiligten beschuldigen sich gegenseitig. Herta Müller gibt ein Interview - die Leute in Kiew, sagt sie, würden demonstrieren, weil sie keinen Überwachungsstaat wollen, wie unter Putin. Die NSA sollte es freuen, dass ihr kleiner Skandal so schnell vergessen ist. Ukrainischsprachige Videos mit russischsprachigen Untertiteln mit markanten inhaltlichen Unterschieden. Falschmeldungen in Zeitungen. Die Fake-Control wurde geboren. Eine Gruppe Leute in Odessa, die täglich hunderte Zeitungsartikel durchforstet und nach falschen Nachrichten sucht. Sie werden von beiden Seiten angefeindet. Ukrainische Mütter verbrennen Einberufungsbefehle.

In der europäischen Berichterstattung existiert die Ukraine nicht mehr. Nur noch ein Konflikt zwischen Russland und der westlichen Welt. Putin, der böse, nein, Putin, der Heilige. Sich weder auf russische noch auf westliche Seite zu stellen wird verachtet. Hauptsache, Schwarz-Weiß-Druckerei. Kann man nicht auf der Seite des ukrainischen Volkes stehen, egal welcher Minderheit? Und überhaupt: Gibt es Ebola noch? Aus den Medien, aus dem Sinn.

Und Odessa? Mein geliebtes Odessa? Letzte Woche wurde eine Lenin-Statue demoliert. Ein Marx geköpft. Ein proukrainisches Geschäft ausgeraubt, und der Gerichtshof weigert sich, das Verfahren gegen die vermeintlichen Verantwortlichen für die Toten des 2. Mai zu führen. Odessa ist nicht einmal umkämpftes Gebiet. Demonstrationen. Fackelzüge. Fronten durch das Wohnzimmer. Ich habe Freunde auf beiden Seiten und sehe ihre Selfies im Internet, wenn sie nach den Demos aus dem Krankenhaus kommen. Die Seele tut weh.

Und wir hier möchten gerne so tun, als ginge es uns nichts an. Wir, ja wir, haben ja keinen Krieg. Außer dem wirtschaftlichen mit Russland. Sanktionen, bis in Österreich die ersten Arbeitsplätze fallen. Die Russen vermissen die polnischen Äpfel, den französischen Käse und den Tiroler Speck. Das Fleisch gammelt in österreichischen Metzgereien vor sich hin. Und ich glaube nichts mehr, was ich zu lesen bekomme.

Cordula Simon ist österreichische Schriftstellerin, sie lebt seit 2011 in Odessa. Eine detaillierteren Überblick der Geschehnisse durch die Autorin finden Sie im "Journal for Intelligence, Propaganda and Security Studies ". (JIPSS), Vol. 9, 2/2014, Graz, hrsg. v. Austrian Center for Intelligence, Propaganda and Security Studies (ACIPSS).

foto: wolf-dieter graber
Blick auf IS-Stellungen in Sharmuk, Syrien.

Der Jihadismus will nicht mit uns verhandeln

Von Doron Rabinovici

Wie höhnten wir doch vor einigen Jahren, als George W. Bush zum "war on terror" aufrief, um dann unter dieser Losung "Krieg dem Terror" den Feldzug gegen den Irak zu rechtfertigen. Tatsächlich war Bagdad unter Saddam Hussein kein Zentrum der Al Kaida gewesen. Das "Alte Europa", wie der amerikanische Verteidigungsminister Donald Rumsfeld es nannte, hatte schon recht, als es damals daran zweifelte, der Terrorismus könne allein militärisch bezwungen werden.

Was aber, wenn der Terror die Parole umkehrt und den offenen Krieg gegen uns führt? Was, wenn nicht mehr punktuell einzelne Anschläge durchgeführt werden, sondern eine Armee von Attentätern übers Land, ja, über mehrere Länder und Grenzen hinwegziehen? Was, wenn über Youtube und Twitter uns der Krieg erklärt wird, indem nicht bloß Unschuldige, nicht allein Unbeteiligte, sondern sogar unparteiliche Hilfskräfte vor laufender Kamera hingeschlachtet werden? Der Mord wird zum Ritual gegen die Menschlichkeit. Gezeigt werden Massenhinrichtungen, zelebriert werden Enthauptungen von Ärztinnen oder Entwicklungshelfern, veranstaltet wird die Exekution von Kindern. Niemand bestreitet die sexuelle Versklavung gefangener Frauen. Die Verbrechen werden nicht im Verborgenen vorgenommen. Das Zerstören von Kirchen wird stolz bejubelt. Ausbildungslager für Kindersoldaten werden der Presse präsentiert, als wären es Waisenhäuser oder Tagesschulen. Ethnische Säuberung und Genozid sind das Ziel. Die Ausrottung von Minderheiten, die, ob Jesiden oder Kurden, ob Muslime oder Christen, als Ungläubige gebrandmarkt werden, gehört zum Programm.

foto: wolf-dieter graber
Peshmerga-Ausbildungslager in Syrien.

Der Terrorismus feiert seine Gräuel. Hochgerüstete Mordbanden fahren von einer Stadt zur nächsten, um die Einwohner zu massakrieren. Sie verfügen über Haubitzen, Panzer, Hubschrauber und Luftabwehrraketen. Wenn ihr vermummter Henker in britischem Englisch ein Urteil spricht und zum Messer greift, um einer Geisel den Kopf abzuschneiden, dann nur deshalb, um ein Bild primitiver Barbarei zu bieten. Das Schlachtfeld des Terrorismus ist die internationale Öffentlichkeit. Sein Operationsgebiet ist die Zivilgesellschaft. Die Medien sind sein eigentlicher Tatort. Indem wir zusehen, was geschieht, sehen wir zu, dass es geschieht.

Was "Islamischer Staat" genannt sein will, herrscht über ein Reich, in dem alle Minoritäten verfolgt werden, beruft sich auf die Scharia, träumt vom Kalifat, wurde zunächst von Katar und Saudi-Arabien aufgepäppelt und von der Türkei unter der Hand gefördert. Falsch wäre es, den Jihadismus mit dem Islam zu verwechseln. Sicher muss auch zwischen den verschiedenen islamistischen Strömungen und dem Jihadismus differenziert werden. Hohe islamische Geistliche verdammen Theorie und Praxis der IS. Die Mehrheit der Muslime fürchtet den jihadistischen Terror.

Gleichwohl ist seine Anziehungskraft nicht zu unterschätzen. Zur IS bekennen sich nicht bloß Boko Haram in Nigeria, Abu Sajaf auf den Philippinen und Dschund al Khilafa in Algerien. Eine weltweite Sympathisantenszene geilt sich an ihren Gewaltvideos auf. Hier ist zu sehen, wie die Mörder wahllos Zivilisten erschießen, wie sie mit abgetrennten Köpfen Fußball spielen oder Menschen ans Kreuz schlagen. Radikalisierte Mitläufer aus ganz Europa, nicht selten deklassierte Jugendliche, brechen auf, um in den Kampf zu pilgern.

Die Europäische Union gründet auf dem Credo, über alles könne geredet werden. Aber der Jihadismus will nicht verhandeln. Er erklärt uns einen Krieg, der sich der Verständigung und dem Verständnis entzieht. Sein eigentliches Ziel ist das Ende aller Koexistenz. Ihn nicht militärisch zu bekämpfen, bedeutet, seine Opfer, zumeist Muslime, hieße auch die Bevölkerung von Kobâne, im Stich zu lassen. Mit Waffen allein mag zwar der "Islamische Staat", nicht jedoch der Jihadismus an sich bezwungen werden. Die eine terroristische Gruppe würde nur von der nächsten abgelöst werden, denn dieser Ungeist des militant extremistischen Islamismus lebt weiter, solange er nicht politisch überwunden wird.

Doron Rabinovici ist Historiker, Schriftsteller und Essayist. Er lebt und arbeitet in Wien.

foto: ap/augstein
Conchita Wurst beim Song Contest.

Quo vadis, Wurst?

Von Tex Rubinowitz

Jahre sind amorphe, willkürlich zusammengehaltene Gebilde, weswegen an deren Anfängen und Enden meistens nichts Nennenswertes passiert, sodass man dort leicht einen Jahreswechsel befestigen kann, selbst Erdbeben halten sich an die Kalenderdirektive, es scheint, dass man auch Kriege und Katastrophen domestizieren kann, die Waffen halten für einen kurzen Moment inne, Stichwort Weihnachtsfriede.

In allen Jahresrückblicken steht das Gleiche, das ist sozusagen das überflüssige Füllmaterial der Zeitungen, weil am Jahresende auch niemand in den ungelüfteten Redaktionsstuben arbeiten will, niemand muss sich anstrengen so was zu schreiben, weil es sowieso kein Mensch liest.

Das, was im verwichenen Jahr passiert ist, abermals zu beschreiben, hat etwas von der Freizeitbeschäftigung der Kühe, wenn sie das angedaute Zeug aus einem ihrer vier Mägen hochwürgen, um es noch mal durchzukauen. Vielleicht beruhigt das Kühe, so wie uns das Wiederholen der Ereignisse beruhigt, das Hässliche wird dadurch stumpf. Die in Nigeria im Namen einer Religion entführten und versklavten Mädchen, sie haben zu ihrem Unglück das Pech, dass dieses Bild inzwischen längst schon verblasst ist. Schrecken hat offenbar auch ein Ablaufdatum.

foto: apa/epa/roland schlager
Conchita Wurst mit den UN-Generalsekretär Ban KI-Moon im November in Wien

Es gab aber ein Ereignis in diesem fürchterlichen Jahr, das deswegen so bemerkenswert war, weil es dermaßen schnell gealtert ist, dass das schon allein als physikalisches Phänomen erstaunt. Das war der Song-Contest-Sieg Conchita Wursts in Kopenhagen, man muss ein kompletter Idiot sein, um diesen Triumph nicht wundervoll gefunden zu haben und nach wie vor zu finden. Aber dann passierte etwas Eigenartiges, das gerade bei diesem Sieg so augenscheinlich wurde. Normalerweise verschwinden in der Regel seit etwa 1980 die ESC-Sieger buchstäblich so sang- und klanglos, wie sie aufgetaucht sind.

Bei Conchita Wurst nicht, denn sie lieferte ja zum Song auch noch einen ganzen Sack an Zeichen, auch wenn sie noch so floskelhaft erscheinen mögen, etwas bleibt immer haften, Toleranz dem anderen gegenüber, manchmal muss man den Leuten eben ins Gesicht springen, dass sie die einfachsten Regeln des Miteinander kapieren.

Nur liegt da sozusagen der Hund begraben, gerade weil das Konzept Wurst so aufgeladen ist (fängt ja schon beim Namen an), dass die Musik zweitrangig wird, auch wenn Conchita glaubt, sie sei Sängerin, das ist sie vielleicht auch, wenn sie denn Songs hätte, Musik, die außerhalb des ESC irgendeine Relevanz besäße. Noch nie ist ein musikalisches Konzept wie das ihre so schnell gealtert, der Bombast zerbröselt, die Geste so rapide verdorrt, wie ein Vampir, der im Sonnenlicht augenblicklich zu Asche zerfällt. Ein Stil gerinnt zur Maskerade, ein Konzept frisst sich selbst auf. Man könnte den Eindruck bekommen, ihr Manager (Exmanager des Auslaufmodells Alf Poier), ist vollkommen ratlos und melkt eine Kuh, bis sie keine Milch mehr gibt, um dann eine neue Kuh durchs Dorf treiben zu können.

Angebote werden auf Rentabilität geprüft, und wenn gar nichts mehr gehen sollte, schickt er sie eben wieder in die Sendung Die härtesten Jobs Österreichs, wo sie noch vor einem Jahr in einer Fischfabrik Arbeit simulierte, dasselbe Jahr übrigens, als sie auch in der rassistischen Sendung Wild Girls auf High Heels durch Afrika storchte. Wer soll ihr abnehmen und uns garantieren, dass sie jetzt ihre Bestimmung gefunden hätte? Und kein amorphes, willkürlich zusammengehaltenes Gebilde ist? Wie dieses fürchterliche Jahr 2014.

Tex Rubinowitz ist Schriftsteller, Zeichner und Musiker. Er gewann heuer den Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt.

Titelbild: Ein prorussischer Kämpfer posiert in martialischer Verkleidung in der ostukrainischen Stadt Donezk für die Fotografen.