Der letzte Hausmeister

26. Dezember 2014, 17:35
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Innenhof einer Wohnanlage. Nacht. Starker Wind. Auf einer Bank, halb liegend, der Hausmeister Wondra, eine Flasche billigen Rotwein in Händen

WONDRA (betrunken, laut): Aus! Vorbei! Hörts mich? Ende! Untergang! (Trinkt.) Z’ammbrechen wird alles, jawohl! Häuser, Gehweg’, alles! Aber wollts es ja nicht anders!

(Frau Jerzabek, eine Frau um die fünfzig, betritt den Hof und bemerkt ihn.)

JERZABEK (kopfschüttelnd): Herr Wondra! Was machen S’ denn da?! Sie werden noch erfrieren da heraußen!

WONDRA: Wurscht! Eh alles aus! Pensioniert, Frau Jerzabek, verstehn S’ mich! Pensioniert bin ich mit Ersten!

JERZABEK: Aber was! Ang’soffen sind S’! Stehn S’ auf jetzt und gehn S’ schlafen!

WONDRA: Und nach mir, Frau Jerzabek, wer kommt nach mir?! Niemand! Kein Hausmeister mehr! Brauchen wir nimmer, hab’ ich recht?! Sie waren auch dafür, leugnen S’ nicht! Ich weiß es! Ein Hausmeister weiß alles! Abg’schafft haben S’ uns, jawohl! Und warum? Weil wir zu viel wissen!

JERZABEK: Jetzt hören S’ auf, so einen Blödsinn reden, und gehn S’ schlafen!

WONDRA: Ein Hausmeister geht nicht schlafen, Frau Jerzabek! Ein Hausmeister schlaft nie! Der wacht! Passt auf, dass nicht alles z’ammbricht! (Trinkt, setzt die Flasche ab.) In der vierten Generation, Frau Jerzabek, in der vierten Generation! Großvater Blockwart! Vater Vertrauensmann bei der Gewerkschaft! Und ich? Pensioniert! Und nach mir? Nix mehr!

JERZABEK (steht nun direkt vor ihm): Soll ich Ihnen was sagen, Herr Wondra? Richtig so! Nix gegen Sie persönlich, aber was Sie tun, macht eine Reinigungsfirma billiger, und die liegt nicht mitten in der Nacht b’soffen im Hof herum.

(Heftiger Windstoß. Frau Jerzabek hält mit beiden Händen ihren Hut fest. Fern Hundegebell, nur für wenige Sekunden hörbar.)

WONDRA: Reinigungsfirma, wenn ich das schon hör’! Was kann schon eine Reinigungsfirma?! Putzen kann s’, das is’ alles. Haben ja keine Ahnung von der Hausmeisterei! Die Hund’, die Kinder! Wer tritt die Hund aus der Wies’n, rechtzeitig, bevor s’ alles anscheißen? Wer verjagt die Kinder, wenn s’ anfangen, Sauereien machen am Gang? Der Dachboden, der Keller! Wer schaut auf die Toten im Keller, Frau Jerzabek, wenn der Hausmeister nimmer da is’, wer halt’ die Toten ruhig?

JERZABEK (zieht ihn hoch, legt sich seinen Arm um ihre Schultern und schleppt ihn Richtung Haus): Wissen S’ was, Herr Wondra? Schlafen S’ einmal Ihren Rausch aus. Morgen schaut alles anders aus.

WONDRA (auflachend): Morgen, ja! Morgen schaut alles anders aus! Die Toten werden unruhig, spüren S’ es, Frau Jerzabek? Die Hund’ werden kommen, die Kinder! Z’grund geh’n wird alles, die Häuser, die Gehweg! Und wir mit, Frau Jerzabek, wir mit!

JERZABEK (schiebt ihn in einen der Hauseingänge): So, jetzt geben Sie mir Ihren Schlüssel, dann sperr’ ich Ihnen auf, und Sie legen sich in Ihr Bett und –

(Sie verschwinden im Haus. Pause.

Der Wind wird stärker. Prasselnder Regen. Es donnert. Fernes Hundegebell, anhaltend, dann Kinderstimmen, so als zöge eine Kindergartengruppe singend durch die Nacht. Aus einem Baum fliegt ein Schwarm Krähen auf. Das Hundegebell lauter.

Frau Jerzabek erscheint wieder. Sie blickt sich kurz um, durchquert, beide Arme über den Kopf haltend, eilig den Innenhof und verlässt die Bühne.

Stürmischer Wind. Schwerer Regen. Plötzlich Stille. Vorhang)

(Antonio Fian, DER STANDARD, 27./28.12.2014)

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