Eine Katastrophe, die das Leben nicht mehr diktiert

Kommentar der anderen14. Jänner 2015, 17:42
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Nach dem Tsunami zu Weihnachten 2004 lag Banda Aceh in Indonesien in Trümmern. Danach setzte ein frenetisches Wiederaufbauprogramm ein. Dieses ist im besten Sinne gelungen. Ein Besuch nach zehn Jahren

Vor zehn Jahren, als ich das erste Mal nach Banda Aceh kam, war ich Teil des Nothilfeteams der Hilfsorganisation Care nach einer der größten Naturkatastrophen, die die Welt in jüngster Vergangenheit erlebt hatte: dem Tsunami im Indischen Ozean, durch den allein in Indonesien mehr als 167.000 Menschen ihr Leben verloren haben. Damals waren die Flugzeuge voll von ausländischen Helfern wie mir.

Der Tsunami war die erste große Katastrophe, bei der ich als junge Nothelferin zum Einsatz kam. Seither verfolgt mich dieses Erlebnis. Ich werde nie das Flüstern einer Mutter vergessen, die beschrieb, wie es sich anfühlte, als ihr die Hand ihres Sohnes entglitt und er von den Wellen unter Wasser gezogen wurde. Ich werde nie den Geruch der Körper vergessen, die im Geröll begraben lagen. Und auch die unfassbar großen Anhäufungen lebloser Bäume und Körper werden mir immer in Erinnerung bleiben.

Heute ist Banda Aceh kaum wiederzuerkennen. Überall sind neue Gebäude aus dem Boden geschossen, und die tropische Sonne hat ihre Farben bereits so ausgeblichen, dass es so aussieht, als ob sie schon immer dort gestanden hätten. An der Stelle des gewaltigen Wasserturms in der Stadtmitte, der durch das Erdbeben, das dem Tsunami voranging, beschädigt worden war, befindet sich heute ein Kinderspielplatz.

Erweitert und gestrichen

Sogar die unverwechselbaren pastellgelben und pastellorangen Häuser, die Care für die Überlebenden gebaut hatte, sind verändert. Über die Jahre haben die Menschen sie erweitert und neu gestrichen, umgeräumt und sich eingerichtet. Als ich zu den neugebauten Tsunami-Evakuierungszentren hinaufsteige, bestaune ich die Stadt, die mir unbekannt und doch normal vorkommt. Schön, herzzerreißend, aber normal.

"Außerordentlich" ist das Wort, das die meisten Menschen verwenden, wenn sie mir von den Veränderungen in ihrer Stadt in den vergangenen zehn Jahren erzählen. Ja, die Hilfe nach dem Tsunami war nicht perfekt - es gab viele Dinge, die wir hätten besser machen können. Aber hier sehe ich, mehr als je zuvor in meinen zwölf Jahren in diesem Beruf, wie die Welt das Leben von Menschen verändern kann. Wie wir ihnen eine Chance geben können, dort neu anzufangen, wo es zunächst unmöglich schien.

Und ich sehe, wie die Menschen in Banda Aceh hart gearbeitet haben, um alles Zerstörte wiederaufzubauen und weiter nach vorn zu blicken, nach einer so unvorstellbar furchtbaren Katastrophe.

Die Veränderung ist überall zu sehen. Das kleine Mädchen, das nach dem Tsunami fast an Unterernährung gestorben ist, träumt jetzt davon, Lehrerin zu werden. Das ältere Ehepaar, das dachte, es würde ohne ein Zuhause sterben, hat jetzt ein einladendes Haus, in dem die Enkel spielen und Kekse aus der Küche klauen. Die Frau, die ein Geschäft eröffnet hat und nun genug Geld verdient, um ihrem Sohn zu helfen, die Universität zu besuchen. Der Fischer, der seinen Laden wiederaufgebaut hat und acht Angestellte beschäftigt, die alle nach dem Tsunami arbeitslos waren.

Noch immer Narben

Es gibt noch immer Narben. Es gibt Arbeitslose und Menschen, die sich über fehlende Versorgung beschweren. Es gibt andere Narben, die nie ganz heilen werden. Eine Frau begann leise zu weinen, als sie mir von ihren zwei kleinen Kindern erzählte, die beim Tsunami umkamen. Jedes Jahr im Dezember fließen ihre Tränen erneut. Wie bei anderen Familien weckt jedes Erdbeben alte Ängste. Aber für die meisten Menschen hier ist der Tsunami etwas in der Vergangenheit, etwas, an das man sich erinnert, aber das nicht das heutige Leben diktiert.

Banda Aceh ist im besten Sinne des Wortes zurück zur Normalität gekehrt. (Melanie Brooks, DER STANDARD, 27./28.12.2014)

Melanie Brooks ist Leiterin der Kommunikation bei Care International.

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