Libyens Krieg wird immer schmutziger

26. Dezember 2014, 17:21
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Seit Mitte Oktober wurden im Bürgerkrieg über 600 Menschen getötet. Schulen bleiben geschlossen, viele Kulturgüter sind in akuter Gefahr

Tripolis/Kairo – Lange Konvois von Autos, vollgestopft mit Hausrat und Matratzen auf dem Dach, sind in diesen Tagen in Libyen ein gewohntes Bild. 400.000 Menschen mussten seit Mai vor der Gewalt fliehen. Allein vergangenen Monat waren es mehr als 100.000, vor allem aus den Brennpunkten Bengasi, Derna, Kikla in den Nafusa-Bergen sowie Teilen von Tripolis.

In Bengasi ist die Lage besonders dramatisch. Dort wird seit Mitte Oktober auch in dicht besiedelten Wohngebieten mit schweren Waffen gekämpft. Mittlerweile mangelt es sogar an Grundnahrungsmitteln. 450 Tote waren dort zu beklagen. Die Schulen sind teilweise seit sieben Monaten geschlossen. Private haben angefangen, in ihren Häusern Klassenzimmer einzurichten, um einen Teil des Ausfalles aufzufangen.

Die Vertriebenen haben laut UN-Angaben in 35 Städten Zuflucht gesucht. Zum Teil ist es ein richtiger Bevölkerungsaustausch. So mussten Mitglieder der international anerkannten Regierung und deren Familien aus Tripolis, wo die Gegenregierung sitzt, fliehen und sich in Tobruk im Osten des Landes in Sicherheit bringen. Zusammen mit früheren Vertreibungswellen, etwa während der Revolte gegen Gaddafi 2011, ist inzwischen etwa ein Fünftel der sechs Millionen Libyer betroffen. Die EU hat vor Weihnachten zwei Millionen Euro Nothilfe zugesagt.

Gesundheitswesen auf "inhumanem Niveau"

Wer nicht bei Verwandten unterkommt, findet in Schulen provisorische Unterkunft. Viele Orte sind vom Zustrom überfordert. Der Bürgermeister einer Kleinstadt beklagte sich, die Dienstleistungen seien zusammengebrochen, die Infrastruktur mangelhaft, das Gesundheitswesen auf inhumanem Niveau. Dafür würden Korruption und Veruntreuung zunehmen.

In Bengasi kann das Nierenzentrum die Versorgung der Dialysepatienten nicht mehr gewährleisten. Spitäler in ganz Libyen leiden darunter, dass tausende ausländische Ärzte und Krankenschwestern das Bürgerkriegsland verlassen haben. Die frühere Gesundheitsministerin Fatima Hamroush warnte jüngst, das Gesundheitswesen stehe vor dem Zusammenbruch. Strom, Wasser, Telefon und Internet werden in allen Regionen häufig unterbrochen.

Die Gewalt ist nicht nur eine Folge der Auseinandersetzung zwischen den Parallelregierungen in Tobruk und Tripolis. Sie trifft viele Libyerinnen und Libyer in diesem schmutzigen Krieg ganz persönlich; etwa wenn sie offen ihre Meinung äußern oder sich weigern, die eine oder andere Fraktion öffentlich zu unterstützen. Die Rache kommt in Form von Entführungen, Überfällen auf die Häuser der Familie oder Mord.

Bengasi: 600 Morde ungeklärt

In Tripolis wurden kürzlich ein prominenter Rechtsgelehrter sowie ein Wirtschaftsprofessor entführt, ein Journalist zusammengeschlagen und das Haus des libyschen Botschafters in den Arabischen Emiraten verwüstet. Am schlimmsten ist auch in dieser Beziehung die Lage in Bengasi, wo es rund 600 unaufgeklärte Morde gibt. Die große Mehrheit wurde an Polizei- und Militäroffizieren begangen, die auch schon in Gaddafis Diensten standen. Aber auch prominente Menschenrechtsaktivisten, die die Revolution des 17. Februar angeführt hatten, wurden umgebracht. Nie ist jemand zur Verantwortung gezogen worden.

Menschenrechtsorganisationen werfen allen Parteien Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor. Allerdings sei es schwierig, Beweise zu sammeln, weil Untersuchungsteams keinen Zugang hätten, räumte Fatou Bensouda, die Chefanklägerin des Internationalen Strafgerichtes ICC, jüngst ein.

Der Bürgerkrieg ist nicht nur eine Gefahr für die Menschen. Auch das kulturelle Erbe Libyens ist bedroht. Von berühmten Statuen, etwa jener der Gazellen und jener der Meerjungfrau in Tripolis, steht nur noch der Sockel. Sie wurden zerstört oder gestohlen. Vor der Ahmed-Pasha- Karamanli-Moschee fuhren Bewaffnete im Oktober gleich mit Lastwagen vor, um Marmorböden und Keramikmosaike abzutransportieren.

Archäologen und Altertumsforscher berichten von Anschlägen auf historische Gebäude im ganzen Land. An archäologischen Stätten von Weltruf, etwa Leptis Magna oder Sabratha, habe es auch Diebstähle gegeben. (Astrid Frefel, DER STANDARD, 27./28. Dezember 2014)

  • Verwüstungen in Bengasi nach Kämpfen im Oktober. Seither wurden in der Stadt mehr als 450 Menschen getötet. Viele Schulen sind seit Monaten geschlossen, das Gesundheitssystem steht vor dem Kollaps.
    foto: ap/ mohammed el-sheikhy

    Verwüstungen in Bengasi nach Kämpfen im Oktober. Seither wurden in der Stadt mehr als 450 Menschen getötet. Viele Schulen sind seit Monaten geschlossen, das Gesundheitssystem steht vor dem Kollaps.

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