Landau: "Da denkt man nicht an Skiausrüstung"

Interview28. Dezember 2014, 08:00
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Caritas-Präsident Michael Landau freut sich über jeden milden Winter und klagt über den fehlenden politischen Mut

STANDARD: Wissen Sie, wie viel Prozent Ihres Einkommens in die Wohnungskosten fließen?

Landau: Wenn ich an meine Heizkosten denke, geht's mir wie den meisten anderen Österreichern auch: gefühlt zu viel. Ich bin aber in der glücklichen Lage, meine Rechnungen begleichen zu können. Anders ist es bei unseren Klienten. Da rinnt ein erheblicher Teil des vorhandenen Einkommens in die Kosten rund ums Wohnen. Das ist ein Phänomen, das mittlerweile bis in die Mittelschicht hineinreicht.

STANDARD: Müssen wir also froh sein, dass der Winter bisher so mild verlaufen ist?

Landau: Bei der Caritas ist die Freude über milde Winter vermutlich größer als beim Österreichischen Skiverband. Wir haben die Not obdachloser Menschen vor Augen. Für sie ist der Winter definitiv die härteste Zeit des Jahres. Nicht nur für sie. Ungefähr 229.000 Österreicher leben in Wohnungen, die sie nicht angemessen warmhalten können. Das sind Mindestpensionisten, die den Mantel nie ausziehen, das sind Kinder, denen so kalt ist, dass an Lernen nicht zu denken ist.

STANDARD: Das Wetter wird's nicht richten: Wie kann man aber gegensteuern?

Landau: Ein Neujahrsvorsatz für die Regierung könnte lauten, endlich jene Mietrechtsreform auf den Weg zu bringen, die sie schon für die Zeit vor der letzten Wahl versprochen hat. Denn das Problem nicht leistbarer Mieten hat die Mittelschicht längst erreicht. Wir brauchen eine Wiedereinführung der Zweckbindung der Wohnbauförderung, mehr echte eigenmittelfreie Wohnungen, und es braucht einen besseren Delogierungsschutz. Die zurzeit völlig intransparenten Zuschläge gehören bei einer Novellierung auch weg.

STANDARD: Die SPÖ hat gerade ihren Entwurf für ein Mietrecht vorgelegt. Unter anderem sieht es einen Basiszins vor mit fix definierten Zu- und Abschlägen etwa für Lage und Ausstattung. Ein richtiger Ansatz?

Landau: Ich würde mir erwarten, dass die Regierung mit Blick auf Menschen in Not Vorschläge entwirft. Schauen Sie sich hier in der Gruft um: Der Druck auf die Menschen an den Rändern steigt. Bis Ende November haben wir mehr als 106.000 warme Mahlzeiten ausgegeben. Das ist mehr als je zuvor. Zurzeit sind es mehr als 400 Mahlzeiten pro Tag. Das ist ein trauriger Rekord. Ein Viertel bis ein Drittel der Leute, die kommen, besitzen noch eine Wohnung - sie sind dennoch hier. Warum? Um sich aufzuwärmen oder zu essen. Das sind Signale, die uns sehr hellhörig machen müssten.

STANDARD: Es gibt seit vier Jahren die bedarfsorientierte Mindestsicherung. Ist das eine echte Hilfe?

Landau: Es war ein sinnvoller Schritt. Die Mindestsicherung gehört aber weiterentwickelt. Vor allem geht es auch um die tatsächlichen Wohnkosten und um die Frage des Lebens- und Zusatzbedarfes, wenn etwa ein Kind eine Spezialernährung braucht. Was auch wichtig wäre: ein einheitlicher Vollzug. Zum Teil gibt es sogar zwischen den Bezirkshauptmannschaften Unterschiede - zwischen den Bundesländern sowieso.

STANDARD: Wird Armut zu sehr verwaltet?

Landau: Für Österreich und ganz Europa gilt: Geraten Banken ins Wanken, werden über Nacht Rettungspakete geschnürt. Geraten Menschen ins Wanken, wird oft bei Rettungsringen gespart. Hier stelle ich oft bei weitem nicht das gleiche Tempo und die gleiche Entschiedenheit fest. Denken Sie an den Bildungsbereich. Kinder aus armutsbetroffenen Haushalten haben viel schlechtere Zugänge zur Bildung.

STANDARD: Das ist lange bekannt, es ändert sich aber dennoch nichts.

Landau: Deswegen glaube ich, dass gerade in der Bildungsdebatte mehr als genug Modelle auf dem Tisch liegen. Es ist Zeit, hier vom Reden zum Tun zu kommen.

STANDARD: Das sagen doch Politiker auch oft ...

Landau: ... und es tut sich dennoch wenig. Das ist das Problem. Es gilt, weiter mit Beharrlichkeit Neuerungen einzufordern.

STANDARD: Wenn arme Menschen im Winter auf Sie zukommen, wonach wird am meisten gefragt?

Landau: Hier in der Gruft geht es um ganz basale Dinge: etwas Warmes zum Anziehen, eine warme Mahlzeit, Hilfe, um die Wohnung heizen zu können. Vor einigen Jahren sind die Menschen noch gekommen, weil sie Hilfe beim Schulskikurs gebraucht haben.

STANDARD: Soeben wurden in Wien die Skitage bei vielen Volksschulklassen abgesagt, weil zu oft passende Winterkleidung fehlt.

Landau: Wer nicht weiß, ob er am Monatsende essen oder heizen soll, hat andere Sorgen. Da denkt man nicht an eine Skiausrüstung.

STANDARD: Interessiert Armut mehrheitlich nur in der Weihnachtszeit?

Landau: Armut und Not sind ein Stück Realität 365 Tage im Jahr. Es gibt durchaus einen guten Grundwasserspiegel an Solidarität. Hat Armut ein Gesicht, gibt es auch in der Bevölkerung die Bereitschaft, einen Beitrag zu leisten. Manchmal würde ich mir aber wünschen, dass auch die politisch Verantwortlichen diesen Mut hätten. Aber für jemanden, der nur im Büro ist, wird Armut rasch zu einem fernen Phänomen aus Zahlen und Statistiken.

STANDARD: Die Politik agiert also abgehoben?

Landau: Geht es um Armut, wird über weite Strecken das Erkennen der Wirklichkeit verweigert.

STANDARD: Warum ist das so?

Landau: Weil man es so genau nicht wissen will.

STANDARD: Die Kluft zwischen Arm und Reich wird größer: Drohen soziale Spannungen in Österreich?

Landau: Wir sind von Situationen wie in Frankreich noch weit entfernt. Wenn ich an die Demonstrationen in Dresden denke, dann gibt es aber auch bei uns Menschen, deren Zukunftssorgen sehr leicht kanalisiert werden können in Richtung Fremdenfeindlichkeit, in Richtung Spaltung einer Gesellschaft.

STANDARD: Sie sprechen auf die Pegida-Bewegung an. Sind Sie besorgt, dass diese nach Österreich überschwappt?

Landau: Ich halte das für eine hochgefährliche Bewegung. Wenn mir erzählt wird, dass auf Facebook-Seiten aktiver Politiker sympathisierende Einträge gepostet und dann offenbar wieder gelöscht worden sind, dann stellt sich die Frage, ob es sich um einen Versuchsballon handelt.

STANDARD: Gerade wird über Reichensteuern debattiert. Sollen Vermögende mehr Geld hergeben?

Landau: Ich bin Armuts- und nicht Steuerexperte. Es gibt die Idee der Negativsteuer. Darüber kann man reden, wie auch über die Senkung der Sozialversicherungsbeiträge. Da dürfen dann aber nicht die Leistungen der Sozialversicherung gekürzt werden. Fatal wäre, wenn an einem Ende ein wenig finanzielle Unterstützung bleibt und das Geld gleichzeitig über die Erhöhung von Massensteuern wieder weggenommen wird.

STANDARD: Befürchten Sie so etwas?

Landau: Dass wir sparen müssen, hat ja, international betrachtet, mit der Gier Einzelner und mit schlechtem Management zu tun. Es kann nicht sein, dass die Schwächsten der Gesellschaft, die jetzt schon die Zeche zahlen, nochmals zur Kassa gebeten werden, um die Folgekosten einer Krise zu begleichen, die sie nicht verschuldet haben. Die Erde ist für alle da, nicht nur für die Reichen.

STANDARD: Bei der Quartiersuche für Flüchtlinge gilt diese Sicht nicht?

Landau: Hier erwarte ich mir einen Schulterschluss von Bund, Ländern und Gemeinden. Und ich erwarte mir, dass endlich ein strategischer Plan vorgelegt wird, der auf die kommenden Entwicklungen Rücksicht nimmt. Der Bürgerkrieg in Syrien ist die größte humanitäre Not seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Zahlen werden steigen.

STANDARD: Die Herbergssuche 2014 scheitert am Föderalismus?

Landau: Die Herbergssuche 2014 scheitert an der Bereitschaft hinzuschauen. Drei Viertel aller österreichischen Gemeinden nehmen niemanden auf! Das zeugt eher von fehlendem politischem Mut als von einem Notstand.

STANDARD: Und die Kirchen?

Landau: Die Caritas betreut mehr als 3100 Flüchtlinge in Grundversorgungsquartieren und weitere 8000 mobil. Würden alle einen Beitrag wie die Kirchen und Hilfsorganisationen leisten, dann wäre das Herbergsproblem nicht nur gelöst, es hätte es gar nie gegeben.

STANDARD: Jetzt kam im Gespräch mehrfach der Föderalismus vor. Nervt der?

Landau: Lassen Sie es mich so sagen: Wenn die Übersiedelung eines pflegebedürftigen Menschen aus der Steiermark nach Niederösterreich zu einem Behördenslalom sondergleichen wird - ja, dann nervt der Föderalismus. (Peter Mayr, STANDARD, 27.12.2014)

Michael Landau, geboren am 23. Mai 1960 in Wien, ist Wiener Caritasdirektor und seit November 2013 auch Präsident der Caritas Österreich.

  • Der Druck auf Menschen an den Rändern steigt: 400 Mahlzeiten pro Tag werden in der Gruft in Wien-Mariahilf an Bedürftige ausgegeben. "Ein trauriger Rekord", sagt Caritas-Präsident Landau.
    foto: newald

    Der Druck auf Menschen an den Rändern steigt: 400 Mahlzeiten pro Tag werden in der Gruft in Wien-Mariahilf an Bedürftige ausgegeben. "Ein trauriger Rekord", sagt Caritas-Präsident Landau.

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