Ein "Nein" als Beitrag zur emotionalen Flexibilität

Kolumne28. Dezember 2014, 19:42
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Warum wir nicht zu allem immer "Ja" sagen dürfen

Frage: Wir haben zwei Töchter, die zweieinhalb Jahre und 14 Monate alt sind. Vor allem die Ältere bevorzugt mich stark. Ihr Papa kann und darf zwar grundsätzlich alles, aber wenn ich in der Nähe bin, will sie lieber zu mir. Die Kleinere geht eher zum Papa, lässt sich nur manchmal "anstecken" – also das zu wollen, was die Größere auch gerade hat.

Da mein Partner und ich beide viel zu Hause sind, leidet die Gesamtstimmung stark. Auch wenn er sagt, er nehme es nicht persönlich, habe ich schon das Gefühl, dass ihn die häufige Ablehnung sehr kränkt. Er zieht sich dann eher zurück, was mich wiederum nervt, da alles an mir hängenbleibt. Ich tue mir auch schwer, der Älteren zum Beispiel das "Buchanschauen" zu verweigern, weil das schlimmes Weinen und Toben inklusive "Ich will aber nicht mit dem Papa" zur Folge hat. Einerseits, denke ich, muss es möglich sein, dass ich nicht immer die Unterhaltung biete, die sie gerade fordert, vor allem wenn ich weiß, dass mein Partner ja auch da wäre.

Andererseits halte ich das permanente Jammern nicht aus und habe quasi nichts davon, wenn ich hart bleiben will – weil sie in dem Moment meinen Partner als Alternative eben nicht akzeptiert. Meist sind wir dann alle so gestresst, dass mein Partner und ich auch noch streiten. Und die kleinere Tochter steckt mittendrin. Was kann ich tun, um die Situation zu entspannen?

Antwort:

Ich denke, Sie machen ein vollkommen natürliches Phänomen zu einem Problem. Viele – zumindest die Mehrheit – der Kinder fühlen sich einem Elternteil mehr verbunden. Genauso wie Eltern sich oft einem ihrer Kinder näher fühlen. Meistens wird das mit Liebe verwechselt. Diese Art der Nähe ist kein Recht der Eltern, es ist ein Privileg.

Je mehr Sie jedem Ihrer Kinder erlauben, sich seiner Gefühle bewusst zu werden, umso mehr emotionale Flexibilität werden Sie während ihres Heranwachsens erfahren.

Seien Sie dennoch achtsam und vorsichtig! Denn es bedeutet nicht, dass der auserwählte Elternteil immer die Wünsche des Kindes erfüllen soll. Es ist völlig okay, auch einmal "Ich möchte das jetzt nicht für dich machen. Bitte frag deinen Papa, oder warte, bis ich Zeit habe" zu sagen.

Die Reaktion Ihrer Kinder wird vermutlich Ärger und Frustration sein – und auch das ist in Ordnung. Das Gesamtkonzept einer Familie besteht darin, dass es jedem Mitglied freisteht, danach zu fragen, was es will und braucht. Dabei muss man auch lernen zu akzeptieren, dass die Erfüllung gerade nicht zur Verfügung steht. (Jesper Juul, derStandard.at, 28.12.2014)

Jesper Juul, geboren 1948 in Dänemark, ist Lehrer, Gruppen- und Familientherapeut, Konfliktberater und Buchautor. Er studierte Geschichte, Religionspädagogik und Europäische Geistesgeschichte. Statt die Lehrerlaufbahn einzuschlagen, nahm er eine Stelle als Heimerzieher und später als Sozialarbeiter an und ließ sich zum Familientherapeuten ausbilden. Er ist Begründer des Family Lab.

Auf derStandard.at/Familie beantwortet Jesper Juul alle zwei Wochen Fragen zu Erziehung, Partnerschaft und Familienleben. Die nächste Kolumne lesen Sie am 11. Jänner 2015.

  • Familientherapeut, Autor und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul.
    foto: family lab

    Familientherapeut, Autor und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul.

  • Diese Serie entsteht in Kooperation mit familylab Österreich.
    foto: family lab

    Diese Serie entsteht in Kooperation mit familylab Österreich.

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