Peter Matic: "Man findet die Zeit nicht wieder"

Interview28. Dezember 2014, 09:00
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Burgschauspieler Peter Matic über Vergänglichkeit, zu alte Hamlets und die Piepsstimme von Elizabeth Taylor

STANDARD: Haben Sie sich gut eingesungen?

Matic: Nein, das musste ich nicht. (lacht) Aber es gibt durchaus Vorstellungen im Sprechtheater, für die ich mich einsinge. Das ist für die Stimme sehr gut.

STANDARD: Sie wären Sänger geworden, hätten Sie eine Tenorstimme gehabt. Warum musste es Tenor sein?

Matic: Ich bin auf dem Niveau des Stehplatzlers der Staatsoper geblieben, der ich in meiner Jugend war: Nix gegen Bariton und Bass, aber das Schönste singt doch der Tenor.

STANDARD: Das Reinhardt-Seminar hat Sie nicht genommen. So schlecht vorgesprochen?

Matic: Ich war offenbar nicht gut genug. Sie sagten mir, ich soll im Herbst wiederkommen. Aber da war ich schon beleidigt. Das Komische dran war, dass Schauspieler und Regisseur Hans Jaray mich fragte: "Aber wollen Sie vielleicht Regisseur werden?" Da dachte ich: "Aha, Regisseur ist leichter als Schauspieler, da nimmt man jeden." (lacht) Meine Auffassung dazu hat sich aber bald geändert. Jahre später sagte mir Jaray: "Wissen Sie, es tut uns um keinen leid, den wir weggeschickt haben. Aber es tut uns um manche leid, die wir ausgebildet haben."

STANDARD: Woran und wie erkennt man Schauspieltalent?

Matic: Wer Ihnen erklären kann, was Talent ist, den nennen Sie mir. Ich hüte mich vor Beurteilungen, welcher junge Mensch Talent hat und welcher nicht. Man kann kaum sagen, ob es einer bei all den Mühen dieses Berufs zu einem gewissen Erfolg schafft. Zu meiner Zeit war es auch gefordert, dass man gut aussieht. Fesche Burschen, hübsche Mädeln hatten es eindeutig leichter. Nachher kam vor allem aus Frankreich die Gegenbewegung, kamen verquetschte Typen wie Jean-Pierre Cassel oder Jean-Paul Belmondo. Da konnte jemand so extrem schiach sein, dass es schon wieder brauchbar war.

STANDARD: Welches ist die wichtigste Eigenschaft für Schauspieler?

Matic: Fleiß und Ausdauer. Es gibt auch frühreife Begabungen, wo es dann plötzlich vorbei ist, oder Vorsprechgenies: junge Leute, die fabelhaft beim ersten Vorsprechen sind – aber das ist auch alles, was sie können. Das war ich eindeutig nicht. Und ich bin froh, dass ich nicht Tenor war, denn als Sänger würde ich heute mit Sicherheit nicht mehr arbeiten.

STANDARD: Was würden Sie machen?

Matic: Ich habe keine Idee, mein Leben wäre ja völlig anders verlaufen. Was ich jedenfalls nicht habe, sind Hobbys. Ich sammle keine Briefmarken, ich jage nicht, ich koche nicht – was übrigens sehr viele meiner Kollegen besonders leidenschaftlich tun.

STANDARD: Kochen Schauspieler so gern, weil sie da Regie führen können?

Matic: Das frage ich mich auch. Sie haben aber schon vor diesen tausenden Fernsehsendungen gekocht, das Thema Kochen, Köche und Essen ist ja inzwischen sehr wichtig geworden ...

STANDARD: Vielleicht der Beginn der Dekadenz.

Matic: Das ist nicht der Beginn der Dekadenz, sondern das ist schon eine satte Dekadenz. Dieses Differenzieren, auf wie viele Arten man ein Gulasch machen kann, den Leuten fällt ja schon nicht mehr ein, was man alles kombinieren kann. Ich finde schon den Gedanken an Steak und Lobster entsetzlich – aber ich bin ein Kriegskind.

foto: regine hendrich


STANDARD: Sie mögen die Musik auch, weil es da ein Richtig und ein Falsch gibt. Ein Geländer, das im Theater fehlt?

Matic: Ja, obwohl es auch eine Einschränkung der künstlerischen Freiheit ist. Viele Leute fragen mich, wie ich so etwas behaupten kann, wo es doch so toll ist, dass man im Theater machen kann, was man will. Finde ich nicht, aufgrund meiner Erfahrung mit dem ungeheuren Missbrauch dieser künstlerischen Freiheit. In der Musik muss ein Ton so gespielt oder gesungen werden, wie er geschrieben ist. Und es gibt gewisse Takte, innerhalb derer kann man genug künstlerische Freiheit einsetzen kann, ohne etwas falsch zu machen. Beim Sprechtheater ist das anders. Hamlets "Sein oder Nichtsein" können Sie über einen ganzen Abend zerstückeln, von hinten nach vorn sprechen, eine halbe Stunde dafür brauchen: Das wird für meinen Geschmack schamlos missbraucht. Ich bin zudem für eine gewisse Texttreue ...

STANDARD: ... und gegen Regisseurtheater, wie Sie das nennen.

Matic: Genau.

STANDARD: Noch zur Musik: Gert Voss sagte, Oper erfasse den Zuschauer viel tiefer als Theater.

Matic: Ja, denn das gesprochene Wort ist viel enger. Das musikalische Theater erreicht sicher mehr Menschen, weil jeder seine Melodie, sein Thema heraushört. Das gesprochene Wort kann jeder nur für sich interpretieren. Das ist wahrscheinlich der intellektuellere Zugang zu Kunst. Aber dieser Genuss, den Musikhörer im glücklichsten Fall erleben, der ist mit der Sprache nicht zu erreichen.

STANDARD: Gleich zitieren Sie Richard Strauss’ Elektra: "Wer dann noch lebt ..."

Matic: "... der jauchzt und kann sich seines Lebens freun." Ja, das ist fantastisch: Wenn große Dichtung zusammenkommt mit genialer Musik. Wobei der Hörer, kennt er Hofmannsthals Text nicht, bei dieser hohen Tonlage nichts versteht. Ich erinnere mich an einen Liederabend der wunderbaren neuseeländischen Sängerin Kiri Te Kanawa. In Neuseeland gibt es herrliche Vokalisen (Lieder ohne Worte; Anm.), und Kanawa sang Strauss-Lieder, die alle so verständlich waren wie die Vokalisen danach. Singt: aiiieeeooo. Also: Textkenntnis ist eine wunderbare Sache.

STANDARD: Wären Sie Sänger: Was wäre Ihre Lieblingsrolle?

Matic: Hab ich mir noch nie überlegt. Andrea Chénier, der Kalaf in "Turandot". Also schon: con forza, con forza. Am Theater hätte ich gern den "Tod des Handlungsreisenden" gespielt. Aber ich habe ja die meisten Rollen nicht gespielt, wie fast alle Schauspieler – mit Ausnahme von Gert Voss. Er hat aus dem großen Fach alles gespielt, was für ihn infrage kam. Nur den Hamlet interessanterweise nicht – aber vielleicht war er, als er an die großen Brocken kam, dafür schon etwas zu alt.

STANDARD: Wann ist man zu alt für Hamlet?

Matic: Die Altersanforderungen haben sich verschoben. Ich habe 1970 bei den Salzburger Festspielen mit Oskar Werner in "Hamlet" gespielt, und Werner war damals ganz entschieden zu alt für die Hamlet-Rolle (47 Jahre; Anm.). Er war großartig, ganz großartig. Aber dreißig Jahre später hätte man das nicht mehr zugelassen, hätte gesagt: Er soll den alten König spielen. Den hat Ewald Balser gespielt, und er war damals eindeutig ein alter Mann. Es ist natürlich vollkommen falsch, wenn König Claudius, der es mit der Königin treibt, ein alter Mann ist. Das muss man in voller Manneskraft spielen. Aber damals nahm man keine solchen Rücksichten – zumal es sich um Werner und Balser gehandelt hat. Sie waren natürlich Ikonen.

foto: regine hendrich

STANDARD: Und Werner ist am Ikone-Sein zugrunde gegangen?

Matic: Nein, das hätt er schon verkraftet; es war der Alkohol. Er war schon 1970 in keinem sicheren Zustand, aber das ganze Ensemble hat ihn geliebt und bewundert. Er hatte wirklich etwas Geniales.

STANDARD: Werner hatte auch eine grandiose Stimme. Sie sind berühmt für Ihre Synchronisationen, sprechen etwa für Ben Kingsley. Sie halten das für eine "unkünstlerische" Arbeit?

Matic: Synchronisieren ist künstlerisch nicht ganz sauber, weil es die Schauspieler ihrer Stimme beraubt. Da schneidet man etwas weg, denn eine Stimme gehört zum Gesicht, zum Gestus, zur schauspielerischen Persönlichkeit. Wobei es auch Gegenbeispiele gibt: Elizabeth Taylor etwa. Diese schöne, erotische Frau hatte eine derartige Piepsstimme, das glaubt man nicht. Sie wurde von der deutschen Schauspielerin Marion Degler synchronisiert – und das war ihr Gewinn. Hörte man Taylors Zwitscherstimmerl (quietscht und piepst) im Original, war man enttäuscht. Degler gab ihr ihre schöne, erotische, sehr frauliche Stimme.

STANDARD: Wie vergänglich ist Theater? Elisabeth Orth meint, es sei die vergänglichste aller Kunstformen.

Matic: Von einer Rolle bleibt nichts. Außer ein paar Sätzen, die man sich merkt. Theater ist die Kunst des Moments, des Moments, in dem es passiert. Er ist total vergänglich und nicht festzuhalten. Das Bild davon, der Ton ist konservierbar – aber nicht der glückhafte Moment. Der ist vorbei, und das ist auch etwas Schönes.

STANDARD: Was ist schön daran?

Matic: Das Schöne ist, dass etwas Einmaliges verweht. Die richtige Konstellation, die richtige Temperatur, der richtige Tag, die richtige Stunde: unwiederholbar. Dieser Gedanke hat eine Qualität – wenngleich er ein bissl traurig ist.

STANDARD: Mögen Sie deshalb Joseph Roth, Doderer, Musil, Proust, die sich alle mit versinkenden Welten beschäftigten? Marcel Prousts siebenbändige "Suche nach der verlorenen Zeit" haben Sie für ein Hörbuch eingelesen, 9380 Minuten lang.

Matic: Ja, und ich bin sehr dankbar dafür, denn so bin ich bis zum letzten Band, der "Wiedergefundenen Zeit", gekommen. Da schildert Proust einen Spaziergang am Bois de Boulogne, als alles an ihm vorüberzieht, was er so geliebt hat. Doch die Frauen sind nicht mehr so schön wie früher, ihre Kleider sind älter, statt Equipagen fahren Autos: Die wiedergefundene Zeit ist nicht mehr die Zeit, die man verloren hat. Man findet die Zeit nicht wieder. Man kann sich erinnern, aber sie ist nicht mehr da. Man wird ein anderer.

STANDARD: Die kakanische Zeit, um es mit Musil zu sagen, interessiert Sie auch, weil Sie aus einer alten, traditionsbewussten Offiziersfamilie stammen. Ihr Urgroßvater, Ihr Großvater und Ihr Vater waren Offiziere, Letzterer in der K.-u.-k.-Monarchie, in der Ersten Republik und unter den Nazis. Haben Sie manchmal den Eindruck, Kakanien lebe fort?

Matic: Mich erinnern Triest, Rovinj, das ukrainische Czernowitz, das einmal zu uns gehörte, an Kakanien. Das war schon eine große Idee, die aber gestorben ist. Auch Europa ist eine große Idee, und ich hoffe, dass sie auf die Dauer eine praktikable Angelegenheit sein wird, wie es einmal, im Kleineren, Kakanien war.

STANDARD: Ihr Urgroßonkel mütterlicherseits war Reisebegleiter von Kaiserin Elisabeth und hat "ästhetische Reiseberichte" geschrieben. Was ist das?

Matic: Er war kein Fachmann für Architektur, er war kein Fachmann für Literatur, er war ein bisschen ein Schwärmer ...

STANDARD: Leider auch schon ausgestorben ...

Matic: Ja, Schwärmer sind ausgestorben. Er reiste jedenfalls mit der Kaiserin und hat über seine Reisen intensiv berichtet. Ein anderer Großonkel war griechischer Konsul in Triest und hatte dort regen Kontakt mit James Joyce. Er hat seiner Frau, mit der er Englisch sprach, den "Ulysses" geschenkt, mit persönlicher Widmung von Joyce. Eines Tages wollte er das Buch wiederhaben, da sagte sie: "Oh. I threw it away. It was such a dirt." (lacht)

STANDARD: Sie sind ja nie unhöflich. Ich habe niemanden gefunden, der Sie je unfreundlich erlebt hätte.

Matic: Suchen Sie weiter. Ich finde es total unnötig, unfreundlich zu sein.

STANDARD: In Ihrer Zeit in Deutschland schrieb man über Sie, Sie seien so "freundlich-preußisch, wie es nur eine Wiener sein kann".

Matic: Das kommt vielleicht daher, dass ich immer bemüht darum bin, die positiven Gegensätze zwischen Wienern und Berlinern herauszufinden. Also etwa die Liebenswürdigkeit des Wieners gegen die absolute Ehrlichkeit des Preußen. Wobei ich weder das eine noch das andere besser finde. Denn die Liebenswürdigkeit des Wieners ist durchaus nicht mit Verlogenheit gleichzusetzen, was viele Berliner tun. Die sagen: "Die Wiener sind so verlogen, weil sie freundlich sind." Ich sage: Man kann jemandem eine unangenehme Wahrheit, also etwa eine Absage oder ein Refus, auf eine freundliche oder auf eine barsche Art sagen. Dem Berliner liegt eher Letzteres. Der Wiener ist verbindlich, der Berliner ist es nicht. Man kann über die Verbindlichkeit verschiedener Meinung sein – ich meine, sie macht das Zusammenleben zwischen Menschen angenehmer. Man kann die Wahrheit unterschiedlich verpacken.

STANDARD: Aber manchmal tut das gut.

Matic: Wem?

STANDARD: Dem, der unfreundlich ist.

Matic: Mir nicht. Mir tut es hinterher immer leid. Mit einer gewissen Selbstbeherrschung kommt man darum herum, grob zu sein. Das hat sicher auch mit einer gewissen kritisierbaren charakterlichen Schmiegsamkeit, mit Harmoniebedürfnis zu tun, aber ich fühle nicht den Drang dazu, jemandem Grobheiten zu sagen. Und ich begegne fast immer freundlichen Menschen. Die Menschen sind gut zu mir.

foto: regine hendrich

STANDARD: Vielleicht leben Sie sich auf der Bühne aus? Was war denn Ihre wildeste Rolle?

Matic: In meiner Jugend: der Kaspar von Handke.

STANDARD: Sie waren der erste Kaspar.

Matic: In Wien. Uraufgeführt wurde er 1968 von Peymann in Frankfurt. Der "Kaspar" war sehr, sehr extrem. In der Pause kam Josefstadt-Direktor Franz Stoß zu mir – er war ursprünglich gegen die Aufführung gewesen, weil wir kurz zuvor gerade Handkes "Publikumsbeschimpfung" gebracht hatten – und sagte: "I bitte", er begann jeden Satz so, "I bitte, die Frau Holaubek ist nach Haus gegangen." Das war die Frau des Polizeipräsidenten ...

STANDARD: ... der zum geflohenen Stein-Häftling sagte: "I bin’s, dein Präsident."

Matic: Genau. Stoß sah den Abgang der leidenschaftlichen Theatergeherin Holaubek als Bestätigung, dass das Stück ein Flop ist. "Kaspar" wurde ein riesiger Erfolg.

STANDARD: Wie viel Kaspar steckt in Ihnen? Oder hat die Rolle gar nichts mit der Person des Schauspielers zu tun? Ich frage auch, weil jemand über Sie sagte: "Er bleibt er selbst, um ganz ein anderer zu werden."

Matic: Ich scheue zwar das Wort Persönlichkeit, aber jetzt verwende ich es doch: Die Persönlichkeit bleibt immer dieselbe, sie legt aber unterschiedliche Facetten frei. Das, was man spielt, muss immer irgendwie in einem drinnen sein, damit das alles glaubhaft wird.

STANDARD: Warum scheuen Sie das Wort Persönlichkeit?

Matic: Weil ich nicht von mir sagen möchte, ich sei eine Persönlichkeit. Das dürfen andere sagen, nicht ich. Das wäre mir peinlich.

STANDARD: Proust schrieb, jeder Leser sei ein Leser seiner selbst, das Werk des Schriftstellers nur eine Art Instrument dafür. Sind Literatur und Theater Mittel zur Einsicht?

Matic: Literatur und Theater können sehr zu Erkenntnissen führen, aber keineswegs zu Veränderungen. Theater hat nachweislich keinen Einfluss auf die Entwicklung der Zeit. Das Theater läuft mit, läuft manchmal etwas voraus, aber es verändert nichts dadurch. Ein Buch möchte ich hoffnungsvoll ausnehmen: die Heilige Schrift. Es würde mich freuen, wenn sie etwas verändern kann. Aber sonst können Literatur und Theater schon gar nicht die Welt nicht verändern.

STANDARD: Eine Niederlage?

Matic: Ja. Aber nicht die Kunst ist dazu da, die Welt zu verändern, sondern die Menschen und die Menschlichkeit sind dazu da.

STANDARD: Letzte Frage: Worum geht’s im Leben?

Matic: Darum, dass man den Platz ausfüllt, für den man sich bestimmt fühlt. (Renate Graber, DER STANDARD, 27.12.2014)

Peter Matic (77) ist Burgschauspieler. 22 Jahre spielte er am Berliner Schillertheater, 1994 kehrte er in seine Heimatstadt Wien zurück, ging an die Burg. Seine markante Stimme leiht der Musikfan aus alter Offiziersfamilie etwa Ben Kingsley, auch in "Gandhi". 2001 bekam er den Albin-Skoda-Ring als "bester Sprecher unter den deutschsprachigen Schauspielern". Für seine Rollen in Kraus’ "Letzten Tagen" wurde er jüngst mit seinem ersten "Nestroy" ausgezeichnet. Was den Bescheidenen zur Bemerkung hinriss, er sei vielleicht ein "Spätzünder".

  • "Literatur und Theater können sehr zu Erkenntnissen führen, aber keineswegs zu Veränderungen."
    foto: regine hendrich

    "Literatur und Theater können sehr zu Erkenntnissen führen, aber keineswegs zu Veränderungen."

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