Im Wald, da sind die Fakten 

3. Jänner 2015, 11:32
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Ökologen der Universität für Bodenkultur forschen seit 25 Jahren im zu 70 Prozent bewaldeten Bhutan

Bhutan ist etwas kleiner als die Schweiz, hat dabei nur rund 700.000 Einwohner und ist zu ca. 70 Prozent bewaldet. Die Hauptsiedlungsgebiete liegen zwischen 2000 und 3000 Metern an der Südabdachung des Himalaya, seine höchste Erhebung ist mehr als 7500 Meter hoch. Von sich reden machte es unter anderem, als sein König vor einigen Jahren aus freien Stücken seine Macht auf ein Parlament übertrug, aber auch mit der Idee des Brutto-National-Glücks und der Verfügung, dass wirtschaftliche Interessen konsequent dem Umweltschutz unterzuordnen sind. An der Wiener Universität für Bodenkultur, kurz Boku, kennt man das kleine Land jedoch schon lang: Seit 25 Jahren forscht sie dort und leistet dabei auch nachhaltige Entwicklungszusammenarbeit.

"Am Anfang stand ein Forstprojekt", erinnert sich Georg Gratzer vom Institut für Waldökologie, der der erste österreichische Waldforscher war, der in Bhutan seine Diplomarbeit und Dissertation schrieb und heute die österreichische Zusammenarbeit in den Bereichen Waldforschung und Waldökologie mit dem kleinen Königreich leitet. Ziel des ersten Projektes waren Empfehlungen zur nachhaltigen Bewirtschaftung der bhutanischen Tannenwälder. Die Erträge daraus waren jedoch zu gering, und das Gebiet wurde in einen Nationalpark umgewandelt. Die Forschungspartnerschaft zwischen der Boku und Bhutan jedoch befruchtet bis heute beide Länder: Die österreichischen Partner gewinnen dort Forschungserfahrungen, die wiederum direkt in die Lehre internationaler Studiengänge einfließen, während die bhutanischen Partner im eigenen Land "on the job" und auch an der Boku ausgebildet werden.

Die Sache mit dem Zitronengras

"Anfangs haben wir uns Forschungsaufträge bei den offiziellen Stellen abgeholt", erzählt Gratzer, "aber im Lauf der Zeit ging es immer mehr auch darum, die Landnutzer direkt zu unterstützen und partizipative Forschung zur Armutsreduktion durch nachhaltige Waldnutzung durchzuführen." Das gelang in den vergangenen 25 Jahren sehr oft – und häufig wurden dabei herkömmliche Thesen über den Haufen geworfen: So wächst in den bhutanischen Kiefernwäldern Zitronengras, aus dem die Bewohner ein Öl destillieren, das in der Kosmetikindustrie verwendet wird und das in den armen Regionen Ostbhutans oft die einzige Einnahmequelle darstellt. Um das Wachstum des Grases anzuregen, legen die Menschen immer wieder kleine Feuer, was ihnen die Regierung mit Rücksicht auf den Wald verboten hat. Diese menschlichen Eingriffe erwiesen sich jedoch als deutlich weniger problematisch als die angestrebte "Hände-weg"-Strategie: "Das hoch gewachsene Zitronengras und trockenes Totholz bilden perfekten Brennstoff für natürliche Waldbrände viel größeren Ausmaßes", erklärt Gratzer. Und: "Die dort vorkommende Kiefernart ist an Feuer angepasst und nimmt keinen dauerhaften Schaden dadurch." Inzwischen wurde geplantes Feuermanagement auch wieder gesetzlich ermöglicht.

Ebenso wollte man in Bhutan die in Europa verpönte Waldweide, bei der sich Nutztiere den Bauch im Wald vollschlagen und dabei häufig aufkeimende Bäumchen fressen, in Bhutan verbieten. Wie die Boku-Wissenschafter und ihre Kollegen aus Bhutan herausfanden, funktioniert das Zusammenspiel zwischen Weidevieh und Pflanzen im Himalaya jedoch ganz anders: Tatsächlich fördert gemäßigte Beweidung das Nachkommen junger Bäume, weil die Tiere viel lieber Bambus als Nadelbäumchen fressen – und dieser ist ein direkter Konkurrent der Bäume um Licht und Nährstoffe.

Wenn der Monsunregen ganz ausbleibt

In einer erst heuer angelaufenen, vom Fast Start Finance-Programm der EU finanzierten Studie geht es um den Klimawandel: Gratzers Team untersucht insgesamt acht Waldflächen von je 700 Quadratmetern in Bhutan darauf, wie sie reagieren, wenn der Monsunregen später einsetzt bzw. ganz ausbleibt - ein Szenario, mit dem laut Klimaforschern in Zukunft verstärkt gerechnet werden muss, das aber beileibe nicht neu ist: Im vergangenen Jahrtausend gab es vier Perioden, in denen die Regenfälle jahrelang ausblieben und zu katastrophalen Dürren führten. Die schlimmste davon war die Viktorianische Große Dürre von 1876-1878, bei der geschätzte 30 Millionen Menschen in den Tropen starben.

"Bergwaldgebiete in Entwicklungsländern sind Armutsfallen", erklärt Gratzer. "Sie haben kaum Infrastruktur und sind oft Grenzgebiete, was sie besonders anfällig für Konflikte macht. Außerdem sind es meist Areale, die sich nur schwer kultivieren lassen, was den darin wohnenden Menschen das Überleben erschwert." Gleichzeitig ist es genau dieser Umstand, der sie für die Artenvielfalt so wichtig macht: 25 der 34 ausgewiesenen Hot Spots der Biodiversität weltweit und die Hälfte aller Schutzgebiete liegen in Bergwäldern, was, wie Gratzer zu bedenken gibt, die Landnutzung für die Bevölkerung einschränkt, sofern sie es nicht schafft, vom Ökotourismus zu profitieren.

Die Rolle der Bergwälder

Auch aus ökologischer und klimatischer Sicht spielen Bergwälder eine enorme Rolle: Obwohl sie nur rund ein Viertel der Landoberfläche einnehmen, stammen bis zu 80 Prozent des globalen Süßwassers aus diesen Regionen. Dennoch weiß man über die Reaktion der asiatischen Wälder auf den Klimawandel so gut wie nichts, was unter anderem an praktischen Problemen liegt. Gratzer kann ein Lied davon singen, musste seine Gruppe für das Monsun-Projekt doch vier mal 700 m² mit einem Dach aus Plastikfolie überdecken: "Man kommt oft nur zu Fuß hin und es gibt keinen Baumarkt, bei dem man Material kaufen könnte." Irgendwie gehe es dann doch immer, aber: "Man muss kreativ sein."

Den größten und nachhaltigsten Erfolg der 25-jährigen Zusammenarbeit sieht Gratzer jedoch in der Bildung. Seit 2002 gibt es an der Boku das englischsprachige Studium "Mountain Forestry" (Berg-Forstwirtschaft), das bis jetzt 123 Absolventen aus 23 Ländern – vor allem Nepal, Bhutan und Äthiopien – hervorgebracht hat. Eine Datenbank, in der der Werdegang jedes einzelnen dokumentiert wird, zeigt, dass sie mit ganz wenigen Ausnahmen nach dem Studium in ihre Heimatländer zurückkehren und dort sehr häufig einflussreiche Positionen besetzen. Auf diese Weise gelangen die wissenschaftlichen Erkenntnisse, die im Zuge der Zusammenarbeit gewonnen werden, oft viel schneller in die Praxis, als das sonst der Fall wäre. "Viele anderen Projektinterventionen verdampfen nach ein paar Jahren", sagt Georg Gratzer, "aber Bildung zahlt sich auf längere Sicht immer aus." (Susanne Strnadl, derStandard.at, 3. 1. 2015)

  • Streu aus dem Wald ist eine wichtige Nährstoffgrundlage für die Landwirtschaft in Bhutan.
    foto: gerhard heidorn

    Streu aus dem Wald ist eine wichtige Nährstoffgrundlage für die Landwirtschaft in Bhutan.

  • Bhutan hat einen Waldanteil von 70% der Landesfläche. Im Bild:  Chörten in Zentralbhutan
    foto: gerhard heidorn

    Bhutan hat einen Waldanteil von 70% der Landesfläche. Im Bild: Chörten in Zentralbhutan

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