Von Kometen und fehlenden Moneten

26. Dezember 2014, 09:00
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Was haben eine Achillesferse von Tumorzellen, der Wittgenstein-Preis an den Genetiker Josef Penninger, die Onlineinitiative "Wissenschaft ist Zukunft " und Rosetta gemeinsam? Richtig! Sie bewegten 2014 die heimische Wissenschaftsszene

Wien - Da der Mensch in Jahren denkt, blickt er am Ende eines solchen naturgemäß zurück. In Erinnerung bleiben meist nur hohe Sprünge und schwere Bruchlandungen, vermutlich, um es im nächsten Jahr wieder so gut und nicht wieder so schlecht zu machen. Auch Forschung Spezial bleibt dieser Tradition treu und wählte aus einer Fülle an Publikationen und Ereignissen aus der Wissenschaftscommunity einige Beispiele, die vor allem für das kleine Österreich relevant waren - natürlich ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

Der doppelte Jackpot. Forschern des Zentrums für Molekulare Medizin (Cemm) aus Wien gelang im Verbund mit Kollegen aus Oxford und Stockholm ein Coup in der Krebsforschung. Schnell wachsende Tumorzellen weisen laut einer im Magazin Nature publizierten Studie des Teams eine Abhängigkeit im Stoffwechsel der DNA-Bausteine auf, die man für einen neuen Therapieansatz nützen kann. Das Enzym MTH1 wurde aber nicht nur als Achillesferse bösartiger Tumorzellen identifiziert. Die Forscher entdeckten darüber hinaus das spiegelverkehrte Zwillingsmolekül eines bereits existierenden Antikrebsmedikaments als effizienten MTH1-Inhibitor. Cemm-Direktor Giulio Superti-Furga sprach von einem "doppelten Jackpot".

Der wichtigste Mathematikpreis. Wenn einer mit einem österreichischen Reisepass einen international hochangesehenen Wissenschaftspreis gewinnt, dann könnte uns das ja stolz machen und Rückschlüsse auf die hohe Qualität der österreichischen Universitätslandschaft zulassen. Doch der Mathematiker Martin Hairer (39), der heuer die Fields-Medaille erhielt, war in seiner Studentenzeit und auch danach niemals an einer österreichischen Uni tätig. Warum sollte er auch? In England, Frankreich und Deutschland gebe es die größeren und besser ausgestatteten Mathematikgruppen, sagte er im August, als der Gewinn der oft als Mathematiknobelpreis bezeichneten Medaille bekanntwurde. Abgesehen davon hat ihn sein Leben nie nach Österreich geführt: Er wuchs in Genf auf und ist nun Professor an der Universität Warwick in Großbritannien. In Österreich arbeitende Mathematiker dürfen sich dennoch freuen: Laut jüngstem Schanghai-Ranking hat sich die Uni Wien im Teilbereich Mathematik immerhin auf Platz 36 von 200 vorgearbeitet.

Rasanteste Gletscherschmelze. Was man bereits ahnen konnte, war bis zu einer Publikation von Wissenschaftern der Uni Innsbruck noch nicht bewiesen: dass Menschen immer mehr Anteil am weltweiten Abschmelzen von Gletschern haben. Mit einer Kombination von Klima- und Gletschermodellen gelang Wissenschaftern um Ben Marzeion 2014 der Durchbruch. In der Fachzeitschrift Science berichten die Forscher, dass von 1851 bis 2010 der vom Menschen verursachte Klimawandel rund ein Viertel zur Gletscherschmelze beitrug. Der Anteil stieg in den vergangenen beiden Jahrzehnten bereits um zwei Drittel.

Der bestdotierte Preisträger. Der Informatiker Thomas Henzinger, der Demograf Wolfgang Lutz oder die Oberflächenphysikerin Ulrike Diebold haben etwas gemeinsam - was Josef Penninger, Direktor des Instituts für Molekulare Biotechnologie (IMBA) bis 2014 noch nicht hatte. Sie haben Österreichs wichtigsten und mit 1,5 Millionen Euro höchstdotierten Wissenschaftspreis, den Wittgenstein-Preis, erhalten. Im zu Ende gehenden Jahr war es dann endlich so weit, nachdem der leidenschaftliche Wissenschafter und Forschungsmanager Penninger zuletzt mehrfach schon als Favorit gehandelt wurde.

Die aufregendste Landung. Am 12. November wartete die Welt gespannt auf die Erfolgsmeldung: "Touchdown!" Und nach einer Flugzeit von sieben Stunden war es dann so weit. Philae, der eisschrankgroße Lander der Raumsonde Rosetta, landete am Kometen 67P/Tschurjumow-Gerassimenko, besser bekannt als "Tschuri". Um 8.35 Uhr war er vom Satelliten abgetrennt worden. Die Landung war ein mediales Ereignis ohnegleichen. Der Sinn der Rosetta-Mission: Durch die Analyse eines Kometen mehr über die Ursprünge des Universums zu erfahren. Kometen gelten als Überbleibsel aus der Zeit, ehe unser Sonnensystem entstand. "Nature" und "Science" wählten die Mission zum Durchbruch des Jahres bzw. ihre Protagonisten zu den Wissenschaftern des Jahres. Einen inoffiziellen Preis für das "auffälligste Hemd" wird wohl Matt Taylor, wissenschaftlicher Leiter der Mission, gewinnen. Der Brite trägt gern Legeres. Am Tag der Landung von Philae fiel er in einem Livestream durch ein besonders geschmackvoll gestaltetes Hawaii-Hemd auf - ein Kleidungsstück, das an sich schon ein Wagnis ist. Am Stoff dieses Hemdes waren aber auch noch halbnackte Frauen mit Waffen im Comicstil zu sehen.

Der schattigste Platz. Philae erinnerte an Neil Armstrong, den ersten Mann am Mond: Der Lander hüpfte, weil die Verkeilung mit dem Kometenboden misslang, landete dadurch drei Mal und kam schließlich an einem Platz im Schatten eines Kometenbrockens zu liegen, an dem es pro Tag nur eine Stunde und 20 Minuten Sonne gibt. Das soll sich im Frühjahr 2015 ändern, wenn "Tschuri" der Sonne immer näher kommt (siehe Interview mit ESA-Projektleiter Stephan Ulamec). Dann sollte es wieder wissenschaftliche Daten des Landers geben. Jene der Rosetta-Mission wird es sicherlich bis Ende 2015 geben - beteiligt daran sind übrigens gleich mehrere Messgeräte, die unter Leitung des Instituts für Weltraumforschung (IWF) in Graz entstanden.

Die erfolgreichste Initiative. Das Budget des Wissenschaftsfonds FWF bestand jahrelang aus einem Sockel von etwa 100 Millionen Euro und einem "Rest" von etwa 110 Millionen, der vor allem durch Reserven des Wissenschaftsministeriums zusammengekratzt wurde. Diese Reserven waren praktisch aufgebraucht: Der FWF hätte ab 2016 nur mehr ein fixes Budget von 100 Millionen gehabt, was eine Katastrophe für die Grundlagenforschung gewesen wäre. Dieser vollständige Zusammenbruch wurde verhindert - letztlich auch vor dem Hintergrund einer hierzulande einmaligen und erfolgreichen Öffentlichkeitskampagne. Die Wissenschaftsforscherin Helga Nowotny initiierte die Onlinepetition "Wissenschaft ist Zukunft", die immerhin 52.000-mal unterschrieben und in der unter anderem mehr Geld für den FWF und die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) gefordert wurde. Die Akademie erhält für die Jahre 2015 bis 2017 insgesamt 315 Millionen Euro (17 Prozent Wachstum). Im Frühjahr wurde das FWF-Budget bis 2018 auf 184 Millionen Euro jährlich festgezurrt.

Die erste Direktorin. An der Uni Innsbruck und am Institut für Quantenoptik und Quantenphysik (IQOQI) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften gelang etwas, was hierzulande nur äußerst selten möglich ist. Die italienische Physikerin Francesca Ferlaino konnte trotz eines hochdotierten, mit einer Humboldt-Professur verbundenen Angebots aus Deutschland in Innsbruck gehalten werden. Sie trat eine Professur für Atomphysik an und ist gleichzeitig wissenschaftliche Direktorin am IQOQI - neben Rudolf Grimm, Rainer Blatt, Hans Briegel und Peter Zoller.

Die letzten Momente. 2014 war ein Jahr, in dem sich die österreichische Wissenschaftscommunity von besonders vielen ihrer Protagonisten verabschieden musste. Mit Walter Thirring starb einer der wichtigsten österreichischen Physiker nach 1945. Der Schweizer Max Birnstiel war Molekularbiologe und Gründungsdirektor des renommierten Instituts für Molekulare Pathologie (IMP) in Wien. Erika Weinzierl machte sich als Historikerin nicht zuletzt um die umfangreiche Aufarbeitung des Nationalsozialismus verdient. Kurt Rudolf Fischer und Rudolf Haller waren zwei Philosophen, die dem Fach nach dem Zweiten Weltkrieg wieder Bedeutung gaben. Aber es gab auch Geistesgrößen, die in noch jungen Jahren starben: Der Politikwissenschafter Herbert Gottweis und der Medienwissenschafter Hannes Haas waren im 57. Lebensjahr, der Innovationsökonom Andreas Schibany war Jahrgang 1966. Alle drei erlagen den Folgen ihrer Krebsleiden.

Der musikalischste Vogel. Tecumseh Fitch, Professor für Kognitionsbiologie an der Universität Wien, ist wie die meisten anderen Zuhörer fasziniert vom Gezwitscher der in Nordamerika beheimateten Einsiedlerdrossel. Im vergangenen Jahr fanden Wissenschafter um ihn heraus, dass sich dieser an Prinzipien orientiert, die für menschliche Musik typisch sind. Die Studie erschien im Fachmagazin PNAS.

Die kommunikativste Wissenschafterin. Österreichs Wissenschaftsjournalisten und -kommunikatoren wählen nun schon seit 1994 jährlich einen Wissenschafter / eine Wissenschafterin des Jahres. Das entscheidende Kriterium war anfangs gar nicht so einfach zu erfüllen: Die Forscher müssen sich um die verständliche Vermittlung von wissenschaftlichen Inhalten verdient machen. Heute stehen stets mehrere Wissenschafter zur Wahl, die über ihre Arbeit in klaren Worten sprechen können. 2014 gewann die Umwelthistorikerin Verena Winiwarter von der Uni Klagenfurt, seit 2007 die erste Professorin Österreichs in diesem Fach.

Das wissenschaftsfeindlichste Klima. Am wissenschaftsfeindlichen Klima des Landes scheinen Initiativen wie "Wissenschafter/-in des Jahres" wenig zu ändern. Laut einer aktuellen Eurobarometer-Umfrage zählt Österreich wieder einmal zu jenen Ländern, deren Bürger besonders negativ und skeptisch gegenüber Wissenschaft und Innovation eingestellt sind. 25 Prozent glauben etwa an negative Folgen von Forschung auf die Verfügbarkeit von Lebensmitteln.

Die ersten biologischen Outings. Man sollte die Hoffnung nicht aufgeben: Vielleicht regt die neue Initiative "Genom Austria" zu mehr inhaltlich getragenem, intellektuellem Diskurs über Wissenschaft an. Giulio Superti-Furga, Direktor des Zentrums für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (Cemm), und die Wissenschaftsforscherin Helga Nowotny ließen ihr Genom sequenzieren und die Daten ins Internet stellen (www.genomauustria.at). Sie wollen mit dieser vom Cemm und von der Med-Uni Wien getragenen Initiative eine Diskussion über Möglichkeiten und Risiken der Genomsequenzierung in Medizin, Philosophie oder Recht in Österreich anzetteln und die Öffentlichkeit auffordern, Fragen zu stellen: Wer bin ich? Was steht dazu in meiner biologischen Datenbank? Und welchen Einfluss kann das auf mein Leben nehmen?

Schärfste Liveübertragung aus dem Zebrafisch-Gehirn. Eine Liveübertragung, die man im Fernsehen nie erwarten würde, gelang Wissenschaftern vom Wiener Institut für Molekulare Pathologie (IMP) und am Max F. Perutz Laboratories (MFPL) gemeinsam mit US-amerikanischen Kollegen. Sie entwickelten eine Methode, mit der man die Funktion großer Nervenzellennetzwerke in 3-D mit einer Auflösung bis zu einzelnen Neuronen beobachten kann. Getestet wurde an Larven von Zebrafischen, deren Nervensystem immerhin 100.000 Neuronen umfasst. Die Studie erschien im Fachmagazin "Nature Methods". Eine Liveübertragung aus dem menschlichen Gehirn mit ähnlich hoher Auflösung dürfen wir uns nun zumindest vorstellen. (Peter Illetschko, DER STANDARD, 24. 12. 2014)

  • Artikelbild
    foto: fatih aydogdu
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