Nur geboxt wird nicht am Boxing Day

25. Dezember 2014, 12:00
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Der britische Sportfreund gönnt sich nur eine kurze Weihnachtspause. Spätestens am 26. Dezember ist der Drang an die frische Luft und infolge an die Tränken übermächtig

Besinnlichkeit genießt in Großbritannien keinen hohen Stellenwert. Das ganze Jahr über gönnt sich die Insel nur an einem einzigen Tag Ruhe, dann aber richtig. Am 25. Dezember herrscht totaler Stillstand, es fahren weder Züge noch U-Bahnen, die Flughäfen sind spätestens ab Mittag geschlossen. Die Feier im Familienkreis gilt selbst in diesem durch und durch säkularen Land eben noch als heilig.

Winterschlussverkauf

Doch schon am Abend verspüren viele wieder Unruhe. Sie brechen auf zu den großen Konsumtempeln in den Innenstädten und Einkaufszentren, die Punkt Mitternacht ihre Türen für den Winterschlussverkauf öffnen. Wer sich nicht am Nationalsport Shopping beteiligen mag, schläft sich ordentlich aus und kann am zweiten Weihnachtsfeiertag der sprichwörtlichen Sportbegeisterung der Briten frönen. Denn dieser Boxing Day ist für viele Sportarten ein wichtiger, wenn nicht der wichtigste Termin im gesamten Saisonkalender.

Geboxt wird allerdings höchstens an den Warentischen der Kaufhäuser. Gemeint sind vielmehr kleine Kisten, eben boxes, mit denen vom 19. Jahrhundert an Adelige ihre Dienerschaft beschenkten. Der Inhalt bestand entweder aus kleinen Gaben oder der Jahresendgratifikation. Manche royale Historiker führen die Sitte auf Königin Victorias deutschen Prinzgemahl Albert zurück, der ja auch den Christbaum aus Oberfranken auf die Insel brachte.

Hingegen sind die Sportarten, die am Boxing Day die Herzen der Briten erfreuen, allesamt hausgemacht. Allen voran natürlich der Fußball – die Premier League hat eine ihrer seltenen Runden, an denen wirklich alle Mannschaften am selben Tag zum Einsatz kommen. Dass die Spieler häufig wenig Elan zeigen – möglicherweise, weil im trauten Familienkreis das ein oder andere Getränk zuviel gekippt wurde – tut der Freude der Fans keinen Abbruch.

Einfach nur raus

Deren wichtigstes Ziel ist schließlich, der Weihnachtsbesinnlichkeit daheim zu entkommen und sich vor und nach dem Spiel mit Freunden ordentlich zu ölen. "Ich nehme an, die Leute haben genug davon, mit der Familie zu Hause zu sitzen und sich vollzustopfen", sagt Moritz Volz, früher Publikumsliebling beim FC Fulham, heute Zweitligaspieler beim TSV 1860 München.

Weil auch am zweiten Feiertag das Verkehrssystem nur sehr begrenzt zur Verfügung steht, kam es traditionell zu vielen Derbys. In diesem Jahr hat beispielsweise der Tabellenführer FC Chelsea des russischen Oligarchen Roman Abramowitsch frühen Anpfiff gegen den Ostlondoner Arbeiterklub West Ham. Die Kanoniere des FC Arsenal empfangen zum späten Spiel die Queens Park Rangers aus dem Westen der Hauptstadt. Hingegen sind die wirklich heißen Duelle, etwa Arsenal gegen Tottenham, Manchester United gegen Mancester City oder FC Liverpool gegen FC Everton unter dem Druck der TV-Anstalten auf andere Termine verlegt worden. Am Boxing Day, so das Kalkül, werden die Stadien auch bei weniger attraktiven Partien voll. Und so muss der FC Liverpool ins 50 Kilometer entfernte Burnley reisen, die Mannschaften von Hull (in Sunderland) sowie Aston Villa (im westwalisischen Swansea) haben deutlich längere Reisen zu bewältigen.

Vom Kick zu Weihnachten wollen die Fans nicht lassen, aller Kritik vor allem ausländischer Trainer zum Trotz, die seit Jahren das Fehlen einer Winterpause beklagen. Aber Fußball gehört im englischen Denken nun einmal zu den Wintersportarten, ebenso wie Rugby. Im Sommer vergnügt man sich eher beim Cricket.

Munster und Leinster

Apropos Rugby: Auch dessen Fans kommen am Boxing Day so richtig auf ihre Kosten. Die Namen der Hauptstadtklubs London Irish und London Welsh, die sich zum beinharten Derby treffen, deuten schon an, dass die Popularität dieses Sports weiter westlich eher noch höher liegt. In Wales messen sich die Nachbarteams von Cardiff und Newport, in Irland kommt es zu den traditionsreichen Paarungen der vier Provinzen auf der grünen Insel: Munster empfängt Leinster, Ulster spielt gegen Connacht.

Bei so viel Hochleistungssport mutet es merkwürdig an, dass eine andere, sehr britische Betätigung ausgerechnet am Stefanitag ruht. Noch bis 4. Jänner steigt in London die Darts-Weltmeisterschaft, bei der überwiegend wohlbeleibte Männer vor begeistertem Publikum mit ihren Pfeilen die richtigen Stellen einer Sisalscheibe zu treffen versuchen. Allerdings geht das Spektakel im Ally Pally, dem Alexandra Palace, erst nach der Weihnachtspause am 27. Dezember wieder weiter.

Hingegen erhalten auch Anhänger des Pferderennsports ihre ganz eigene Box. Beim Meeting in Kempton Park (Grafschaft Surrey) nahe London geht es seit 1937 unter anderem um das mit immerhin 200.000 Pfund dotierte King George VI Chase, eines der wichtigsten Hürdenrennen der einschlägigen Saison.

Über Stock und Stein

Auch anderswo setzen an diesem Tag viele Reiter in wildem Galopp über Hindernisse, allerdings querfeldein. Die Fuchsjagd, von der Oberschicht als Sport bezeichnet, muss sich seit dem Verbot der Tierhatz zwar mit Fuchsimitaten behelfen, begeisterte Anhänger findet sie aber nach wie vor. Hauptsache, man kommt am Boxing Day an die frische Luft. (Sebastian Borger aus London - DER STANDARD, 25.12. 2014)

  • Dem Foxhound ist das Imitat vermutlich ebenso recht wie der Fuchs, der die Hatz am Boxing Day längst nicht mehr zu fürchten braucht.
    foto: reuters/luke macgregor

    Dem Foxhound ist das Imitat vermutlich ebenso recht wie der Fuchs, der die Hatz am Boxing Day längst nicht mehr zu fürchten braucht.

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