Krank ohne Versicherung: Jesus, "Plüschtiere" und andere Patienten

25. Dezember 2014, 09:00
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Im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder sind Versicherungsdaten nebensächlich, behandelt wird jeder - auch ohne E-Card

Wien - Jesus schaut Ignaz Hochholzer bei jeder Behandlung über die Schulter. Der Leiter der Allgemeinen Ambulanz im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in der Wiener Leopoldstadt ist Arzt und geweihter Priester. Im Behandlungszimmer hängen zahlreiche Heiligenbilder, Papst Franziskus und Mutter Teresa inklusive. Der 58-Jährige weiß von der Besonderheit "seines Spitals", auch wenn es sich eigentlich kaum von anderen unterscheidet.

Ein Unterschied ist aber deutlich: Das Ordensspital hat eine offene Ambulanz. Jeder wird behandelt, egal, ob krankenversichert oder nicht. Nur bei einem Notfall sind österreichische Krankenhäuser verpflichtet, Menschen aufzunehmen und zu versorgen, unabhängig von der Krankenversicherung der Patienten. Das ist hier anders: "Wir interessieren uns nicht so für Daten", sagt der Internist Hochholzer.

Die Ambulanz ist an diesem Tag gut besucht. Da ist der junge Mann im Wartezimmer, Anfang 30, mit rotem Rauschebart, der in der Ecke döst, oder auch die alte, gebrechliche Frau, die mit ihrer Pflegerin geduldig darauf wartet, von Hochholzer aufgerufen zu werden.

Nichtversicherte nicht erhoben

Es gibt keine offiziellen Zahlen, wie viele Menschen in Österreich nicht krankenversichert sind. Seit Einführung der Mindestsicherung und der Grundversorgung für Asylwerber ist die Zahl deutlich gesunken. Die Armutskonferenz geht trotzdem von 100.000 Nichtversicherten aus, der Hauptverband der Sozialversicherungsträger weist das aber als viel zu hoch zurück. Beinahe die gesamte "Wohnsitzbevölkerung" habe eine E-Card. Übrig bleiben nur jene, "die aus allen Systemen fallen". Also Obdachlose und Asylwerber ohne Grundversorgung. Doch manche verlieren ihre Krankenversicherung, ohne es zu merken. Studenten, die sich ohne Familienbeihilfe selbst versichern müssten, oder Frauen, die nach der Trennung von ihrem Mann nicht mehr mitversichert sind.

Hochholzer weiß oft selbst nicht, wer von seinen Patienten eine E-Card besitzt, Hauptsache, sie sind krank oder fühlen sich so. Denn einige der "Stammkunden" kommen nur, um zu reden - Zuwendungsmedizin nennt sich das. Aber auch das sei wichtig. Bei Patienten, die auf der Straße leben, sei es oft nicht mit einer einmaligen Behandlung getan. Nachsorge und Kontrolle über die regelmäßige Einnahme ihrer Medikamente seien entscheidend. Viele Obdachlose würden sich untereinander kennen, da bittet er schon manchmal darum, dass einer dem anderen ausrichtet, wieder einmal in die Ambulanz zu kommen.

Das Markanteste an Hochholzer ist seine Stimme. Jedem Patienten schmettert er ein lautes und freudiges "Grüß Gott" entgegen. Seit mehr als 30 Jahren praktiziert er als Arzt. Schon seinen Turnus hat der Internist bei den Barmherzigen Brüdern gemacht, allerdings in Salzburg.

Die erste Patientin kennt Hochholzer. Eine alte Frau, sie spricht kaum Deutsch, ihre Pflegerin muss übersetzen. Sie hat Bauchschmerzen und Durchfall. Nur mit Mühe kann sie ihren Pullover hochziehen, damit der Arzt sie abhören kann. Dass sie geschwächt ist, ist auf den ersten Blick erkennbar, sie bekommt eine Infusion zur Stärkung. Diese Fälle sind Routine. Andere bleiben ihm länger in Erinnerung: Ein Pakistani, der plötzlich an einem Herzinfarkt stirbt - "dabei war der jung, keine vierzig". Oder der Sandler, der trotz seines starken Alkoholproblems nicht behandelt werden wollte, aber von einem Tag auf den anderen aufgehört hat zu trinken - "manche fassen auch Tritt", sagt dann Hochholzer. Das hofft er auch für den jungen Mann. Er ist sehr dünn, wurde vor ein paar Tagen "blass wie die Wand" aufgenommen und muss zur Kontrolle. Als "Giftler" bezeichnet ihn der Arzt, die Vorgeschichte ist nicht bekannt. Der Mann hat starke Schmerzen. Wenn er das T-Shirt hinaufschiebt, treten die Rippen deutlich hervor. Geduldig hört er sich die Anweisungen des "Weltpriesters" an und nickt. Der 32-Jährige muss weiterhin im Krankenhaus bleiben.

Angst vor Behandlungskosten

Die offenen Ambulanzen werden durch Spenden finanziert. Mit den Krankenversicherungen können nur die Behandlungen der Versicherten abgerechnet werden. 2013 wurden 133.000 Patienten bei den Barmherzigen Brüdern ambulant versorgt. Wie viele davon nicht versichert waren, wird aber nicht erhoben, Schätzungen belaufen sich laut Ordenspital auf mehrere Tausend.

Welchen Unterschied er zwischen Versicherten und Nichtversicherten bemerkt? Menschen ohne Versicherung warten deutlich länger, bis sie zum Arzt gehen. Angst vor den Behandlungskosten oder davor, dass ihre Daten erfasst werden, halten sie davon ab. Erst wenn es wirklich nicht mehr geht, kommen sie in die Ambulanz. Im Winter sind es häufig Zeitungskolporteure, aus deren Verkühlungen Krankheiten werden, die nur noch mit Antibiotika behandelt werden können. Demgegenüber stehen viele Versicherte, die oft mit Banalitäten in der Ambulanz sitzen. Intern werden sie die "Plüschtiere" genannt: Sie fühlen sich wichtig, beschweren sich über Wartezeiten, lassen sich bedauern und brauchen ihre Streicheleinheiten. (Marie-Theres Egyed, DER STANDARD, 24.12.2014)

  • Ignaz Hochholzer ist Internist und geweihter Priester. Der Leiter der allgemeinen Ambulanz der Barmherzigen Brüder macht keinen Unterschied zwischen Patienten mit und ohne Versicherung - solange sie krank sind.
    foto: der standard/fischer

    Ignaz Hochholzer ist Internist und geweihter Priester. Der Leiter der allgemeinen Ambulanz der Barmherzigen Brüder macht keinen Unterschied zwischen Patienten mit und ohne Versicherung - solange sie krank sind.

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