"Engel": Konfrontationstherapie wider den Kitsch

24. Dezember 2014, 09:00
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Mit "Engel - Himmlische Boten in alten Handschriften" präsentiert die Österreichische Nationalbibliothek Schätze der Buchmalerei. Und erzählt dabei auch spannende Geschichten jenseits des christlichen Tellerrandes

Wien - Wie viele Engel passen auf eine Nadelspitze? Diese Frage formulierten die Humanisten der Neuzeit als Polemik auf die mittelalterlichen Scholastiker und die Probleme, die jene wälzten: Was ist das Wesen der Engel? Woraus bestehen sie? Wie viele gibt es?

Dieser Tage könnte die Frage lauten: Wie viele Engel passen auf einen Christkindlmarkt? Auf eine Einkaufsstraße? In saisonbewusst dekorierte Wohnzimmerecken?

Es ist eine Erkenntnis der im Prunksaal der Nationalbibliothek präsentierten Ausstellung Engel - Himmlische Boten in alten Handschriften, dass es zu solch einem Massenphänomen Engel nie hätte kommen sollen - wäre es nach der Kirche gegangen. Der hebräisch-israelitischen Lehre, aus der sich das Christentum entwickelte, folgend, war es nämlich verboten, sich ein Bild von den Himmelswesen zu machen.

Bis der Druck der "Basisbewegung" der Gläubigen im 6. Jahrhundert so groß wurde, wie Kuratorin Maria Theisen mit einem Schmunzeln sagt, dass die offizielle Lehre sich ihm beugte und das 2000 Jahre alte Darstellungsverbot umging. Dazu wurden die bisherigen Gottessöhne zu Gottesgeschöpfen degradiert, das bisher Undarstellbare und Undargestellte wurde also darstellbar. Aus den optisch wenig reizvollen, flügellosen, männlichen Geistwesen der Bibel kreierten Künstler daraufhin - mangels Vorlagen und in Anlehnung an antike Himmelswesen (z. B. den Götterboten Merkur) - ein Engelsbild, wie es in unserer Kultur bis heute nachwirkt.

In 16 thematischen Stationen verfolgt die rund 60 Werke der Buchmalerei umfassende Schau sowohl die Idee des Engels vom Alten Testament bis heute als auch das Bild vom Engel mittels Handschriften und Druckwerken aus fünf Jahrhunderten. Die Szenen der Bibel, ebenso mühe- wie kunstvoll illuminiert, leuchten dem Betrachter dabei noch immer in zartem Rosa, strahlendem Blau, sattem Purpur und schimmerndem Gold entgegen. Das Luitold-Evangeliar von 1170, etwa mit der Verkündigung des Erzengels Gabriel an Maria, ist das älteste Exponat, die Canonischen Veränderungen von Johann Sebastian Bach sind das jüngste. Dazwischen hebt beispielsweise der Erzengel Michael in einem Stundenbuch aus Rouen in goldener Rüstung und gekünstelter Pose seit 500 Jahren das Schwert, um den Drachen zu seinen Füßen zu richten, und blasen in einem Blatt aus Albrecht Dürers Apokalypse von 1498 Engel pausbäckig in Posaunen.

Maria und Mohammed

Engel gehörten zum Standardrepertoire der mittelalterlichen Kunst und Gedankenwelt. Über die theologischen und künstlerischen Aspekte hinaus, spiegeln sich in den Darstellungen auch soziale Entwicklungen wider. Wenn Engel in der höfischen Kultur demnach als zeitgenössische Hofdamen auftreten, zeugt das vom Bedürfnis des (damaligen) Menschen, sich die Himmelswesen als vollkommene(re) Gegenstücke seiner selbst zu vergegenwärtigen.

Es ist folglich wohl auch ein (sozial-)historischer Umstand, der manifest wird, wenn sich die - im Geheimen entwickelten - Bildformeln für die Engelsdarstellung im Islam als weniger wandelbar erweisen und enger an tradierte Formen halten. Einen Eindruck davon gibt die um 1570 vermutlich in Shiraz entstandene Szene Die Himmelsreise des Propheten, die Mohammed umringt von Engeln auf seinem Weg durch die sieben Himmel zum Lotusbaum zeigt.

Den gemeinsamen hebräisch-israelitischen Wurzeln ist es geschuldet, dass Engel nichts "typisch Christliches" sind. Und so ist der Gottesbote Gabriel derselbe, der Mohammed rund 600 Jahre später den Koran offenbart.

Bloß das Judentum als dritte Schwesterreligion hat sich weitgehend an das alte Darstellungsverbot gehalten. Darauf verweist in der Schau eine Engelserzählung in einer hebräischen Bibel des frühen 14. Jahrhunderts.

Als Kitschgeplagter sollte man sich daher vielleicht mit dem Umstand trösten, dass Engel Menschen verbinden. Auch abseits der punschschwangeren Seligkeit unter den Augen der Rauschgoldengel auf dem Christkindlmarkt. (Michael Wurmitzer, DER STANDARD, 24.12.2014)

  • Erzengel Michael und seine himmlischen Scharen stoßen Luzifer in einer Weltchronik von 1463 in den feuerspeienden Höllenrachen.
    foto: österreichische nationalbibliothek

    Erzengel Michael und seine himmlischen Scharen stoßen Luzifer in einer Weltchronik von 1463 in den feuerspeienden Höllenrachen.

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