Automobile Zukunftsszenarien 

23. Dezember 2014, 17:51
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2015 soll das selbstfahrende Auto des US-Internetkonzerns Google auf öffentlichen Straßen unterwegs sein - doch es gibt noch weitaus radikalere Konzepte

San Francisco / Wien - Über den Satz "Ich fahre mit meinem Auto zur Arbeit" werden sich unsere Enkelkinder dereinst wundern. Erstens steuert der Fahrer nicht mehr selbst, sondern gibt dem Computer lediglich die Koordinaten zu seinem Ziel an. Zweitens werden nur noch die wenigsten ein eigenes Auto besitzen - man betreibt Carsharing. Und drittens wird die Unterscheidung zwischen Arbeit und Zuhause obsolet werden. Das jedenfalls behaupten Zukunftsforscher.

Erst am Montag gab Google bekannt, dass der Konzern selbstfahrende Autos bereits 2015 auf öffentliche Straßen in Kalifornien bringen wird. Den Angaben zufolge kann der Zweisitzer maximal 40 Stundenkilometer schnell fahren und hat weder Lenkrad noch Gas- oder Bremspedal, "weil die nicht gebraucht werden".

Noch ein wenig radikaler sind die Konzepte, die sich die kalifornische Designfirma Ideo ausgedacht hat: Ein Entwurf besteht in einem selbstfahrenden Auto, das mit GPS, Objekterkennung und einem Kollisionsvermeidungssystem ausgestattet ist.

Das eigentlich Bahnbrechende an dem Konzept ist aber die Tatsache, dass das autonome Fahrzeug in ein mobiles Büro verwandelt werden kann. In einem Video ist zu sehen, wie sich die Sitzbänke drehen lassen und im Innern des Autos ein Schreibtisch ausgefahren werden kann. Während das Auto zur Arbeitsstätte fährt, kann man noch einige Dinge für den anstehenden Tag erledigen.

Effizientere Fahrt zur Arbeit

Die Fahrt zur Arbeit ließe sich so effizienter nutzen. Nervige Staus könnten zudem vermieden werden, indem die intelligenten Autos Daten austauschen und der Verkehr durch Leitsysteme flüssiger kanalisiert wird. Und während man im Büro sitzt, könnte das autonome Fahrzeug das Zuhause ansteuern und frisches Obst und Gemüse anliefern. Oder das Abendessen. Ideo entwickelt ein Szenario, in dem "alles von der Jeans bis zum Mittagessen" geliefert werde.

Ein Liefertruck namens Cody, der wie ein U-Boot auf Rädern aussieht, würde mithilfe von Algorithmen und GPS Waren bequem nach Hause liefern. Shopping to go. Hektische Einkäufe nach der Arbeit gehörten damit der Vergangenheit an. Das elektrisch betriebene Cody-Fahrzeug würde 24 Stunden am Tag unterwegs sein (abgesehen von den Aufladezeiten), doch prinzipiell wäre auch ein drahtloses Aufladen denkbar, so die Entwickler. Das spart Personal - und Geld.

Das dritte Konzept ist das wohl innovativste: Work on Wheels, ein fahrbarer, gläserner Container mit integriertem Arbeitsplatz. Das Modell stellt die konventionelle Arbeitsorganisation auf den Kopf: Man fährt nicht zur Arbeit, sondern der Arbeitsplatz kommt zu einem. Arbeit auf Rädern. Der Kubus kann prinzipiell überallhin navigiert werden, in Fabrikhallen oder auf Verladehäfen, eben dort, wo der Arbeitgeber seine Angestellten einsetzen will.

Die Idee dahinter: Man will die Wertschöpfungskette noch enger ineinander verzahnen. Nicht nur die Vorleistungsprodukte werden just in time geliefert, sondern auch die Arbeitskräfte perfekt platziert. Arbeitnehmer könnten sich freilich als Verschiebemasse fühlen. Die Frage ist nur: Wie realistisch ist so ein Szenario?

Googles selbstfahrendes Auto kommt 2015, Mercedes Benz testet längst selbstfahrende Trucks, und Tesla stellte vor kurzem sein Model SD vor, das schon bald die Belegschaft automatisch abholen könnte. Die Strategieberatung Roland Berger schätzt in ihrer jüngsten Studie, dass autonomes Fahren bis 2030 ein zusätzliches Umsatzvolumen von bis zu 40 Milliarden Dollar generieren wird. "Autonomes Fahren wird sich zunächst schrittweise durchsetzen, aber nach 2030 zu einer regelrechten Revolution in der Automobilindustrie führen", lässt Wolfgang Bernhart, Senior Partner von Roland Berger Strategy Consultants, verlauten.

Autofahren wird Zugfahren

Der US-Ökonom und Nobelpreisträger Michael Spence hält mobile Büros in Form von autonomen Fahrzeugen für ein realistisches Szenario, allerdings nicht in naher Zukunft. Im Gespräch mit dem Standard sagt der Harvard-Professor: "Es sind noch viele Test- und Regulierungsfragen zu klären, bevor selbstfahrende Autos eine häufig verwendete Technologie werden."

Das Autofahren werde "ein bisschen wie Zugfahren", neben dem man lesen, entspannen oder arbeiten könne, so Spencer. "Selbstfahrende Autos machen es möglich, das Büro und unabhängige Tätigkeiten effizienter zu integrieren." Ob man nun zur Arbeitsstätte pendelt oder das mobile Büro zu uns fährt - Arbeit wird in Zukunft sicher nicht obsolet. (Adrian Lobe, DER STANDARD, 24.12.2014)

  • Schöne neue Autowelt: Händchenhalten und hoffen, dass der Bordcomputer auch ganz allein den Weg ans geplante Ziel findet.
    foto: rinspeed

    Schöne neue Autowelt: Händchenhalten und hoffen, dass der Bordcomputer auch ganz allein den Weg ans geplante Ziel findet.

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