Sprachverfall: Die Aufwärmung von Mythen

Blog23. Dezember 2014, 16:33
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Der Vorsitzende des Deutschen Rechtschreibrats, Hans Zehetmair, gab der dpa Mitte Dezember ein vielzitiertes Interview. Darin finden sich einige Thesen, die linguistisch problematisch sind

Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erlebte die linguistische Forschung – insbesondere durch Impulse aus den USA – einen regelrechten Boom. In der germanistischen Linguistik hat ein Generationswechsel seit in den letzten Jahrzehnten ebenfalls für einen frischen Nachwuchs und viel Innovation in der linguistischen Forschung gesorgt. Aus diesem Grund wundert, wenn ein ehemaliger Kultusminister und aktueller Vorsitzender der "zentralen Instanz in Fragen der Rechtschreibung" – wie sich der Rat für deutsche Rechtschreibung selbst definiert – grundlegende Postulate der modernen linguistischen Forschung ignoriert und dabei altbekannte Sprachmythen verbreitet, die in der Linguistik längst widerlegt sind.

Mythos 1: Unsere Sprache verfällt

So stellt Zehetmair in der Antwort zur zweiten Frage Folgendes fest: "Dabei gibt es längst ganz andere Herausforderung: Sprache ist verkommen. Sprache ist zu sehr dem Konsum gewichen, der Passivität, und ist zu wenig schöpferisch". Der Mythos vom Sprachverfall hält sich seit Anbeginn der Sprachforschung. Bereits in der antiken Welt warnten Philosophen und Gelehrte davor. So zitiert der deutsche Sprachwissenschafter Wolfgang Klein im Heft "Sprachverfall?" (1986) den Kirchengelehrten Augustinus, der in seinem Werk "Confessiones" (4. Jahrhundert) Folgendes schreibt: "Siehe, o Herr, in all Deiner Langmut, wie peinlich die Menschenkinder auf die Gesetze der Sprache und die Regeln der Buchstaben, die ihnen von andern übermittelt wurden, bedacht sind (...)".

Auch die Sprachgesellschaften des 17. Jahrhunderts in Deutschland waren um den Zustand der deutschen Sprache besorgt und definierten ihre Aufgabe als "Förderung der Pflege und Verbesserung der deutschen Sprache" (wie es bei der Gründung des immer noch existierenden Pegnesischen Blumenordens in Nürnberg hieß). Jahrhunderte später sehen wir, dass die Sorge um den Zustand der Sprache eine unnötige war. Für Linguisten ist der Sprachwandel kein Grund zur Panikmache, sondern ganz im Gegenteil ein normaler Prozess der Sprachentwicklung, die oft wellenartig verläuft: Es wechseln dabei Entwicklungsphasen, in denen die Sprachstruktur einfacher bzw. komplizierter wird.

Mythos 2: Lehnwörter verfremden die Sprache

Als Grund für den angeblichen Sprachverfall wird am häufigsten die Beeinflussung anderer Sprachen in Form von Lehnwörtern genannt. Auch Zehetmair spricht von einer "Verfremdung durch immer mehr Anglizismen" – diese lehnt er zwar nicht komplett ab, aber er plädiert dafür, dass man wenigstens ihre Bedeutung kennt.

Die Diskussion ums sog. Denglisch dauert in Deutschland und hierzulande seit Jahren an. Dabei ist eines klar: Der sprachliche Purismus jeglicher Art ist ein Anachronismus, den die moderne Linguistik ablehnt. Manche namhafte Linguisten wie David Crystal bezeichnen den Sprachpurismus abwertend als altmodisch. Lehnwörter, egal aus welcher Sprache sie stammen, erfüllen ihre Sprachfunktion genauso gut wie jedes deutsche Erbwort. Sie sind im Regelfall ans phonologische, morphologische und semantische System des Deutschen angepasst und tragen oft dazu bei, semantisch möglichst präzise Äußerungen zu treffen. Wenn Sie z. B. das aus dem Englischen entlehnte Verb "liken" verwenden, bezeichnet es eine semantisch konkrete und präzise Handlung: nämlich im Facebook oder anderen Social Media die "Gefällt mir"-Taste drücken.

Wenn also ein Lehnwort seine kommunikative Funktion in der Sprache bestmöglich erfüllt, gibt es keinen Grund, es nur aufgrund seiner Herkunft zu meiden. Momentan werden viele Anglizismen ins Deutsche übernommen, darunter finden sich aber auch welche, die dort nicht lange überleben werden. Das zeigt das Substantiv "Handy" – dieser Scheinanglizismus tritt vermehrt außer Gebrauch und wird von "Telefon" ersetzt, da immer weniger Menschen Festnetz besitzen. Ein gutes Beispiel, wie Sprachökonomie wirkt. Schließlich ist die Übernahme vieler Lehnwörter aus Prestigesprachen wie Englisch (oder in früheren Jahrhunderten Französisch) auch eine Modeerscheinung.

Eines ist aber klar: Langfristig werden die Lehnwörter ihren festen Platz im deutschen Lexikon finden, die ihre lexikalisch-semantische Funktion in der Sprache am besten erfüllen. Und darüber soll alleine die Sprachpraxis entscheiden.

Dazu empfehle ich einen ganz guten Text von Peter Schlobinski in seinem Linguistic Corner: ---> Link

Mythos 3: Sprache muss man pflegen

Zehetmair gibt zu, keine "starre, statische Sprache" zu wollen, und findet es "völlig in Ordnung, wenn man etwas aus anderen Sprach- oder Kulturkreisen übernimmt". Man müsse aber "mit dem Verstand und dem Herzen" Sprache pflegen.

Dahinter verbirgt sich ein weiterer Sprachmythos: Eine Sprachgemeinschaft benötigt Instanzen oder Individuen, die die Sprache pflegen, sonst verkommt diese. Sprachen sind selbstregulierende Systeme mit eigener Dynamik, die im Regelfall ihre Existenz und schöpferische Kraft keiner sprachpflegerischen Tätigkeit verdanken. Dass es so ist, zeigen hunderte Sprachen und Dialekte, die linguistisch nicht beschrieben sind und keine Sprachnormierungsinstanzen besitzen, aber dennoch über erstaunlich komplizierte grammatische Strukturen verfügen.

Eine Sprachpflege hat meist nur dann Sinn, wenn es um ein sog. Sprachrevival geht: Viele vom Aussterben akut bedrohte Minderheitensprachen können nämlich durch sprachpflegerische Maßnahmen wieder revitalisiert werden. Zu diesen akut bedrohten Sprachen gehört Deutsch als meistgesprochene Sprache der EU aber keinesfalls.

Mythos 4: Sprache sollte "rein" sein

Am meisten schockiert jedoch Zehetmairs These, dass es die Aufgabe des Rechtschreibrats ist, "darüber zu wachen, dass die Reinheit der Sprache gewahrt wird." Abgesehen davon, dass Begriffe wie "rein" oder "Reinheit" im Zusammenhang mit identitätsstiftenden Phänomenen wie Sprache oder Nation meistens negativ konnotiert sind, ist diese These in erster Linie als unwissenschaftlich zurückzuwerfen.

In keiner linguistischen Theorie ist das Kriterium der Reinheit zu finden, es handelt sich hier also um eine volkstümliche Feststellung, die jeglicher wissenschaftlichen Grundlage entbehrt. Wie es auf dieser Welt keine "reichen" und "armen" Sprachen gibt, so gibt es auch keine "reinen" oder "weniger reinen". Schließlich obliegt einem Sprachwissenschafter auf keinen Fall, Sprachvarietäten in irgendeiner Form zu werten, sondern diese als gleichberechtigt zu erforschen bzw. zu beschreiben: egal ob es dabei um einen Soziolekt der migrantischen Jugend oder um die Standardsprache geht.

Alle vorhin dargelegten Mythen halten sich teilweise im Volksmund und in populistischen Stammtischgesprächen immer noch hartnäckig. Warum sich Hans Zehetmair ebendieser Mythen bedient, um auf den aktuellen Zustand der deutschen Sprache hinzuweisen, bleibt rätselhaft. (Nedad Memić, derStandard.at, 23.12.2014)

Nedad Memić, Chefredakteur des Magazins "Kosmo" und Sprachwissenschafter, bloggt auf daStandard.at regelmäßig über sprachliche Vielfalt.

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