Exotische Vielfalt in Europas Wäldern

24. Dezember 2014, 12:00
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Forscher wiesen beim Nadelgehölz Douglasie erstaunlich hohe genetische Diversität nach - Es könnte daher besonders resistent gegen den Klimawandel sein

Wien - Die meisten gehen achtlos an ihnen vorbei. Wanderer auf den Waldwegen mögen zwar das satte Grün und die frische Luft genießen, aber kaum jemand schaut auf die einzelnen Bäume. Schade eigentlich. Unter den stattlichen Nadelgehölzen zum Beispiel, die vielerorts in Österreich gedeihen, findet sich eine Art mit glänzenden und besonders wohlriechenden Nadeln. Beim Zerreiben steigt Zitrusduft in die Nase. Die Bäume gehören zur Spezies Pseudotsuga menziesii, besser bekannt als Douglasie. Man hält sie leicht für ein heimisches Gewächs, so alpenländisch wirkt sie, doch der Schein trügt.

Die Douglasie stammt ursprünglich aus dem Westen Nordamerikas und wurde 1827 erstmalig diesseits des Atlantiks angepflanzt - in England. Schon bald brachte man den Neuzugang auch nach Mitteleuropa. Die Industrialisierung boomte, der Holzbedarf stieg rapide, und dementsprechend suchten Forstwirte nach schnellwüchsigen Baumarten.

140 Jahre alte Bestände

Hierzulande begann man 1887 mit dem systematischen Anbau von P. menziesii. Zuvor hatte es bereits Testpflanzungen gegeben, unter anderem bei Stift Göttweig südlich von Krems. "Die ältesten Bestände in Österreich sind inzwischen etwa 140 Jahre alt", sagt die Forstgenetikerin Marcela van Loo vom Institut für Waldbau an der Universität für Bodenkultur (Boku) in Wien. Die Bäume sind robust und behaupten sich. Die besagten Pflanzungen bestehen noch immer zu rund 80 Prozent aus Douglasien.

Van Loo befasst sich bereits seit mehreren Jahren mit dem nordamerikanischen Gewächs. Ihr Interesse gilt vor allem der Anpassungsfähigkeit von P. menziesii. Die Douglasie ist in ihrer Heimat von Südwestkanada bis in den Süden Mexikos hinein verbreitet. Ein riesiges Gebiet mit erheblichen klimatischen Unterschieden. Am Mount Graham in Arizona kommen die Bäume sogar noch in 3260 Metern Meereshöhe vor. Je nach Ursprungsgebiet erkennen Biologen eine Küstenvarietät, die in der Nähe des Pazifiks wächst, eine weiter landeinwärts in den Rocky Mountains vorkommende Sorte und eine mexikanische Variante. Letztere sind kälte- und trockenheitsresistenter als die im milderen Küstenklima gedeihenden Douglasien, dafür aber nicht so wuchskräftig.

Für die Forstwirtschaft sind diese unterschiedlichen Eigenschaften von großem Interesse. Dennoch hat man der Herkunft der in Europa kultivierten Douglasien lange keine Bedeutung beigemessen. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg führten Experten gezielt Anbauversuche mit unterschiedlichen Varianten von P. menziesii durch.

Kreuzungen nach der Eiszeit

Die Ergebnisse mündeten in mehr oder weniger maßgeschneiderten Pflanzempfehlungen. Für die meisten Regionen Europas wäre demnach die Küstenvariante optimal geeignet, vor allem Saatgut aus dem Grenzgebiet zwischen Kanada und den USA - British Columbia und den Bundesstaaten Washington und Oregon.

Molekulargenetische Untersuchungen haben allerdings weitere wichtige Details aufgezeigt. Die letzte große Eiszeit überstanden die Douglasien in unterschiedlichen, klimatisch begünstigten Refugien. Von dort aus breiteten sie sich später wieder aus und trafen im oben genannten Gebiet aufeinander. So entstanden dort Hybriden und Rückkreuzungen.

Um diese Prozesse genauer nachvollziehen zu können, haben Marcela van Loo und einige ihrer österreichischen Kollegen das genetische Profil von insgesamt 38 P.-menziesii-Teilpopulationen analysiert. Das Ergebnis lässt eine erstaunliche Vielfalt erkennen. Offensichtlich gibt es mindestens acht verschiedene Douglasien-Stämme, jeder wohl mit einer eigenen Entwicklungsgeschichte. Die Details werden demnächst in einem Fachjournal veröffentlicht.

Durch den anfangs wahllosen Import hat sich die Diversität auf die europäischen Douglasien-Bestände übertragen. Mancherorts stehen Bäume nebeneinander, die aus weit auseinanderliegenden Regionen Nordamerikas stammen, berichtet Marcela van Loo.

Der Nachwuchs vieler hierzulande groß gewordener Exemplare könnte somit über ganz neue Erbgutkombinationen verfügen. Multikulti im Forst. Über das Anpassungsverhalten der unterschiedlichen Varietät und Mischlinge ist gleichwohl nur wenig bekannt, wie die Wissenschafterin erläutert. Dies wird sie im Rahmen eines neu gestarteten, vom Österreichischen Forschungsfonds FWF geförderten Projekts näher untersuchen.

Zukunft der Wälder

Das Thema ist auch mit Blick auf die Zukunft der europäischen Wälder von Bedeutung. Der Klimawandel könnte einige heimische Baumarten in Bedrängnis bringen. Manche Fachleute wollen diesem Problem durch das weitere Anpflanzen exotischer Spezies begegnen - solche, die besser mit höheren Temperaturen und Dürreperioden zurechtkommen. Bei Naturschützern stoßen derartige Pläne jedoch auf wenig Gegenliebe. Sie befürchten eine nachhaltige Schädigung der Waldökosysteme. Die fremden Gewächse, so die Überlegungen, können heimische Pflanzenarten verdrängen und bieten der hiesigen Fauna meist keine geeignete Nahrungsgrundlage.

Solche Einwände lassen sich nicht leicht von der Hand weisen. In der Tat hat die vielerorts großflächige Einrichtung von Nadelholz-Monokulturen starke Auswirkungen auf die Artenvielfalt gehabt. Das trifft aber auch für angepflanzte europäische Baumspezies wie die weitverbreitete Fichte (Picea abies) zu, die normalerweise nicht in Tieflagen und im Mittelgebirge vorkommt.

Douglasien scheinen in erster Linie dann Schwierigkeiten zu verursachen, wenn sie vermehrt in Laubwäldern angebaut werden. Einer aktuellen Schweizer Studie zufolge, die im European Journal of Forest Research erschienen ist, geht dort vor allem die Anzahl der Pilzarten rapide zurück. Doch für van Loo und ihre Kollegen sind Monokulturen ohnehin überholt. Man setzt heute lieber auf Baumartenvielfalt.

Rein forstwirtschaftlich gesehen mag ein vermehrter Einsatz von trockenheitsresistenten Douglasien sinnvoll erscheinen - aber zur Rettung der europäischen Wälder vor dem Klimawandel? Marcela van Loo sieht die Lage eher gelassen. Auch in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts werde sich in unseren Forsten wahrscheinlich nur wenig verändern, meint die Expertin. "Das Anpassungspotenzial der Bäume dürfte viel höher sein, als wir bisher vermuten." (Kurt de Swaaf, DER STANDARD, 24.12.2014)

  • Die Spezie Pseudotsuga menziesii, besser bekannt als Douglasie, sieht zwar aus wie ein heimisches Nadelgehölz, sie stammt aber ursprünglich aus dem Westen Nordamerikas und verbreitete sich über England schließlich auch in Mitteleuropa.
    foto: kaj r. svensson / science photo library / picturedesk.com

    Die Spezie Pseudotsuga menziesii, besser bekannt als Douglasie, sieht zwar aus wie ein heimisches Nadelgehölz, sie stammt aber ursprünglich aus dem Westen Nordamerikas und verbreitete sich über England schließlich auch in Mitteleuropa.

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