Die Blüten in der Krise

Kommentar der anderen23. Dezember 2014, 17:12
43 Postings

Die Gemeinnützigkeit boomt, der Staat muss den Trend nur stärker unterstützen

In 20 Jahren wird jeder vierte Bürger in Österreich über 65 Jahre alt sein. Dazu gibt es immer mehr chronisch Kranke, die etwa an Diabetes, Krebs oder Herzerkrankungen leiden. Die Alterung unserer Gesellschaft hat daher tiefgreifende Auswirkungen auf die Alters- und Gesundheitsvorsorge. Dazu kommen die tristen Prognosen mancher Soziologen: Sie reden einer zunehmenden Individualisierung und Entsolidarisierung das Wort. Das Motto: Jeder ist eine Ich-AG und kümmert sich nicht um den Rest.

Dennoch gibt es aktuell auch positive Megatrends. Die Gemeinnützigkeit zum Beispiel. Ob das jetzt der Boom der "Shareconomy" ist, Hunderte von Projekten im Bereich der Social Enterprises oder klassische gemeinnützige Einrichtungen, gerade im Gesundheitsbereich: Von gesellschaftlichem Niedergang ist nichts zu spüren. Den Propheten des Untergangs mag es nicht gefallen, aber wir haben es mit einer neuen Haltung zu tun, die im Begriff ist, auch die beiden Sektoren Staat und Markt zu durchdringen. Gemeinnützigkeit drückt sich immer öfter in privaten Initiativen aus, die dezentral und eigenverantwortlich Lösungen für bestehende Probleme entwickeln.

Was noch fehlt, ist, dass der Staat dieses Potenzial erkennt und stärker fördert. Aber nicht in dem Sinn, staatliche Verantwortungsbereiche an Private abzugeben und sich fortan nicht mehr darum zu kümmern. Staatliche Unterstützung und Finanzierung sind auch weiterhin dringend notwendig. Aber von staatlichen Institutionen zu verlangen, alle gesellschaftlichen Problemgebiete aufzuspüren und allein zu lösen, ist illusorisch. Hier braucht es stärkeres Vertrauen in die Lösungsfähigkeit der gemeinnützig orientierten Kräfte. Diese können wie Inkubatoren wirken, die Lösungen für scheinbar Unlösbares auf den Weg bringen. Dass das tatsächlich passiert, illustriert dieses Beispiel: In den frühen 90er-Jahren kümmerte sich um Sterbenskranke kaum eine Institution. Es waren gemeinnützige Krankenhäuser, die Angebote für Betroffene entwickelten. Heute ist Palliativmedizin etabliert, und anders als anfangs gibt es auch öffentliche Finanzierung.

Der Staat darf nur nicht versuchen, alles an sich zu ziehen. Er ist weder einzig bester Unternehmer noch einzig bester sozialer Unternehmer. Er sollte den vielen am Gemeinwohl interessierten Gruppen Gestaltungsräume lassen und ihnen Aufgaben anvertrauen. Und: Er sollte sich mehr darauf konzentrieren, die idealen gesetzlichen Rahmenbedingungen herzustellen. (Michael Heinisch, DER STANDARD, 24.12.2014)

Michael Heinisch ist Vorsitzender der Geschäftsleitung der gemeinnützigen Vinzenz-Gruppe.

Share if you care.