St. Georgen an der Gusen: Unbekannte NS-Anlage entdeckt

23. Dezember 2014, 18:59
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Grabungen offenbaren neue Details rund um einstiges Rüstungsprojekt "Bergkristall" – Polizei stoppt Arbeiten

Linz – Jahrzehnte wurde die tiefe Schneise am Gelände des traditionsreichen Schützenvereins von St. Georgen an der Gusen nicht weiter beachtet. Eine scheinbare Laune der Natur im Sandstein. Warum die Wände unnatürlich steil abfallen und die Schneise jäh an einem Bergrücken endet, wurde nicht weiter hinterfragt. Bis jetzt.

Der Linzer Filmemacher Andreas Sulzer, der Kritikern eisern trotzt und im St. Georgener Erdreich unermüdlich nach Beweisen für die Existenz weiterer Stollen des einst größten unterirdischen NS-Rüstungsprojektes "Bergkristall" sucht, ist nun in Unterlagen eines ehemaligen CIA-Geheimagenten auf brisante Details gestoßen.

Der amerikanische Spion war 1944 in St. Georgen aktiv und vermerkte, dass sich am Gelände des damaligen SS-Schießplatzes – dem heutigen Schützenverein – ein Eingang zu einem umfangreichen Stollensystem befindet. Sulzer ließ jetzt, mit Genehmigung des Grundbesitzers, die Bagger auffahren und wurde nach der Beseitigung einer gut sechs Meter dicken Lehmschicht tatsächlich fündig. Freigelegt wurde ein aus massivem Granit gefertigtes, bisher unbekanntes NS-Bauwerk. Beim "Standard"-Lokalaugenschein offenbart sich eine Art Eingangsbereich: Steile Stufen führen unter einer Betondecke nach unten – immer in Richtung Bergmassiv. Wohin genau, lässt sich im Moment aber noch nicht sagen, da die brisanten Grabungen derzeit noch andauern.

Anhand einer geoelektrischen Untersuchung vermutet Sulzer jedoch einen entsprechend großen Hohlraum im Berg. Zeitlich lässt sich das Bauwerk anhand zahlreicher Funde bereits jetzt relativ genau einordnen: So konnte Sulzer bereits unter anderem einen Stahlhelm der Waffen-SS, mehrere SS-Warntafeln und ein Waffenrad zutage fördern. Sulzer meldete den Fund umgehend der Gemeinde. Diese schaltete ordnungsgemäß das Denkmalamt ein.

Polizeibesuch

Dienstagnachmittag rückten dann, zum Erstaunen der Grabungs-Crew, unerwartet Vertreter der Bezirkshauptmannschaft Perg in Begleitung mehrerer Polizisten an. Sulzer und sein Team erhielten Anzeigen, da "ohne Genehmigung auf historischem Boden Grabungen durchgeführt wurden". Sulzer sieht sich aber im Recht: "Vom Grundbesitzer gibt es ausdrücklich eine Genehmigung." Vonseiten der Bezirkshauptmannschaft war man zu keiner Stellungnahme bereit.

Eine Antwort auf die umstrittene Frage, ob die Stollenanlage des einstigen NS-Rüstungsprojekts "Bergkristall" in St. Georgen an der Gusen tatsächlich größer als bisher bekannt ist, wird im kommenden Jahr auch auf höchster wissenschaftlicher Ebene gesucht. Das renommierte Grazer Ludwig-Boltzmann-Institut für Kriegsfolgen-Forschung wird sich gemeinsam mit dem Land Oberösterreich – unter der Federführung von Umweltlandesrat Rudi Anschober – der heiklen Sache annehmen und die angeblichen neuen Fakten rund um das unterirdische NS-Rüstungsprojekt eine strengen wissenschaftlichen Überprüfung unterziehen.

Grundlage dafür wird neben dem jetzt von Sulzer erbrachten Beweis, dass es offensichtlich bisher unbekannte unterirdische NS-Bauten in St. Georgen gibt, vor allem das umfangreiche Recherchematerial des Filmemachers sein. Dieser will unter anderem in einem Gutachten der "Studiengesellschaft für Atomenergie GmbH" aus dem Jahr 1968 konkrete Beweise für weitere Stollenebenen gefunden haben – der "Standard" berichtete. Sulzer untermauert diese These auch mit historischen Fotos, die etwa mehrere übereinanderliegende Stolleneingänge zeigen. (Markus Rohrhofer, DER STANDARD, 24.12.2014)

  • Vergangenen Freitag fand das Team rund um den Linzer Filmemacher Andreas Sulzer bei Grabungen einen Stahlhelm der Waffen-SS.
    foto: andreas sulzer

    Vergangenen Freitag fand das Team rund um den Linzer Filmemacher Andreas Sulzer bei Grabungen einen Stahlhelm der Waffen-SS.

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