Lohnkluft in Österreich wächst rapide

22. Dezember 2014, 17:52
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Die niedrigen Einkommen sinken zum Teil stark, die hohen steigen. Selbst ein stabiles Arbeitsverhältnis ist kein Garant für steigendes Gehalt

Wien - Auf den ersten Blick sieht alles so aus, als wäre die Welt in Ordnung: Das Medianeinkommen der unselbstständig Erwerbstätigen lag in Österreich im Jahr 1998 bei 20.040 Euro. Exakt die Hälfte der Menschen verdiente weniger, die andere Hälfte mehr. Fünfzehn Jahre später liegt der Wert bei fast 26.000 Euro, was einem satten Anstieg von 28 Prozent entspricht.

Rechnet man allerdings auch die Inflation hinein, sind die Medianlöhne in Österreich in den vergangenen fünfzehn Jahren spürbar gesunken. In einzelnen Bevölkerungsgruppen, insbesondere bei der Arbeiterschaft, fällt der Rückgang sogar drastisch aus.

Zu diesem Ergebnis kommt eine am Montag vorgestellte Studie des Rechnungshofes über die Einkommensentwicklung in Österreich. Der Rechnungshof legt seit 1998 alle zwei Jahre einen Bericht über die heimische Lohnsituation vor. Ausgewertet werden dabei neben Lohnsteuerdaten auch Umfragen der Statistik Austria.

Geringverdiener verloren stark

Öffentliche Beachtung dürfte vor allem die Darstellung der Entwicklung seit dem ersten Berichtsjahr finden. Stark verloren bei den unselbstständig Erwerbstätigen haben nämlich vor allem die Geringverdiener. Das Zehntel der Beschäftigten mit dem niedrigsten Lohn verdient inflationsbereinigt heute um rund ein Drittel weniger als 1998. Besonders groß war der Verlust hier bei Männern, die in den Niedriglohnsektor hineingerutscht sind.

Selbst wenn man diese Rechnung erweitert und die Gruppe der Geringverdiener auf die 25 Prozent der unteren Einkommensbezieher erweitert, ergibt sich ein klares Minus beim Nettoverdienst seit 1998. Nur die Spitzenverdiener schafften hier einen klaren Zuwachs.

Wobei um die Interpretation der Zahlen wohl wieder heftig gestritten werden wird. Denn klar ersichtlich ist aus den Rechnungshofdaten zunächst nur, dass die soziale Kluft zwischen Besser- und Schlechtverdienern stark ansteigt. Die Klärung der Frage, ob einzelne arbeitende Menschen seit 1998 im Schnitt auch immer weniger Lohn mit nach Hause nehmen, ist etwas komplexer.

Denn die Zahl der Teilzeitbeschäftigten (derzeit rund 32 Prozent) ist in Österreich seit 1998 stärker gestiegen als die Zahl der Vollzeitbeschäftigten. Allein schon daraus ergibt sich also ein Rückgang des Medianeinkommens. In der Rechnung werden ja alle Personen mit Einkommen erfasst.

Der Rechnungshof hat sich daher auch die Lohnentwicklung bei jenen Arbeitnehmern angesehen, die seit fünf Jahren in einem stabilen Arbeitsverhältnis stehen. Hier ergab sich tatsächlich eine Reallohnzunahme, und zwar im Schnitt bei Besserverdienern ebenso wie bei Schlechtverdienern. Das Zehntel, das am schlechtes-ten verdient, legt hier zwischen 2009 und 2013 netto um 1,6 Prozent zu.

Minimale Zunahme

"Auffällig ist jedoch", schreibt der Rechnungshof, dass selbst bei Menschen "ohne Bruch in der Erwerbsbiografie" die Zahl jener steigt, die inflationsbereinigt Einkommensverluste hinnehmen mussten. Immerhin ein Drittel der Arbeiter, 28 Prozent der Angestellten und sogar 41 Prozent der öffentlich Bediensteten haben seit 2009 weniger Gehalt mit nach Hause genommen.

Interessant ist auch die Auswertung nach einzelnen Branchen. Die höchsten Bruttoeinkommen wurden in der Energieversorgung (Median 2013: 53.236 Euro) bezahlt, danach folgt aber schon die Erbringung von Finanz- und Versicherungsdienstleistungen (42.726 Euro) sowie der Sektor Information und Kommunikation. Die mit Abstand niedrigsten Einkommen werden in der Beherbergung und Gastronomie erzielt, wo das mittlere Bruttojahreseinkommen bei gerade einmal 10.069 Euro lag. (szi, DER STANDARD, 23.12.2014)

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