"Community": Von Besetzern und Kollaborateuren

22. Dezember 2014, 17:01
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Regisseurin Yael Ronen gelingt ein dritter großer Wurf in Graz. Ein Stück über das Theater und die Basisdemokratie

Graz - Das Premierenpublikum wartet im Foyer auf den Einlass ins Grazer Schauspielhaus. Vor der dritten Uraufführung der israelischen Regisseurin Yael Ronen in Graz sind die Erwartungen hoch, denn Hakoah Wien und Niemandsland waren beides große Würfe.

Da treten zwei Schauspieler heraus: Sebastian Klein und Ronens Bruder Michael. Sie verkünden: "Hier wird heute Abend keine Vorstellung stattfinden." Das ist der Moment, in dem das Stück Community beginnt. Die Zuseher werden auf die Bühne eingeladen, wo ein Fahrrad Strom erzeugt und ein Matratzenlager als Schlafstätte dient.

Man schreibt das Jahr 2018. Die Krise ist Dauerzustand. Krankenhäuser werden geschlossen - wer kämpft da noch um ein Theater? Wenigstens einen Anruf hätte man sich schon erwartet vom Publikum, als man damals geschlossen wurde, sagt Klein den Tränen nahe.

Sie habe erkannt, dass die Beziehung zum Publikum einseitig gewesen sei, sagt Birgit Stöger. Die Schauspieler spielen sich selbst und berichten, wie sie das Theater, das in ein Luxushotel umgebaut werden soll, besetzten und nun seit Wochen hier hausen. Sie haben eine Kooperative gegründet.

Mit einem ihrer eleganten Kniffe vergleicht Yael Ronen das Problem der Bürger, selbst basisdemokratisch Verantwortung zu übernehmen, mit Schauspielern, die ohne Regie dastehen.

Jan Thümer erzählt, dass sich die nun auf der Bühne wohnenden Kollegen nur noch in Monologen unterhielten. Kaspar Locher verfällt in sein Schwyzerdütsch und beschreibt, wie sich die Hausbesetzermimen zwischen Abwasch und Workshops anschreien, weil sie immer noch glauben, im dritten Rang gehört werden zu müssen. Katharina Klar ist stolz, mittlerweile "ohne Applaus einschlafen zu können".

Umstelltes Haus

Wieder schafft es Ronen, von stillen berührenden Momenten in komische zu wechseln. Man versucht das Publikum zu Verbündeten zu machen, man sei sicher, heißt es, während das Haus von tausenden Polizisten umstellt wird. Doch noch ist Zeit für eine Abrechnung der Frauen mit dem Theater im Allgemeinen.

Die gebürtige Grazerin Stöger erzählt, auf welche Arten sie im Laufe ihrer Karriere in Graz, Düsseldorf, Zürich und schließlich wieder Graz in diversen Rollen vergewaltigt wurde. Michael Ronen spielt nach Hakoah Wien zum zweiten Mal mit. Er sei kein Schauspieler und könne nicht einmal Deutsch, betont er.

Doch verdankt man ihm eine der komischsten Szenen des Abends. Das Haus steht vor der Räumung, da steigt er aufs Dach, um mit der Polizei zu verhandeln. Er setzt auf eine Mischung aus Mediation und Theater, nur die Polizisten verstehen aufgrund seines Akzents kein Wort.

Die Zuseher kamen als Kollaborateure und stapften durchs Bühnenbild. Nun sitzen sie in ihren Reihen, und das Licht geht aus - nach nur 75 Minuten. Kurz vor der Räumung sagt Stöger: "Nichts kann eine Idee umbringen, deren Zeit noch nicht vorüber ist." Das ist der Moment, da Community tatsächlich endet. (Colette M. Schmidt, DER STANDARD, 23.12.2014)

Nächster Termin: 27. 12.

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Schauspielhaus Graz

  • Ein besetztes Theater als Bühne einer anhaltenden Krise. Das Stück "Community" der israelischen Regisseurin Yael Ronen am Grazer Schauspielhaus.
    foto: lupi spuma / grazer schauspielhaus

    Ein besetztes Theater als Bühne einer anhaltenden Krise. Das Stück "Community" der israelischen Regisseurin Yael Ronen am Grazer Schauspielhaus.

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