Rumänischer Sozialaktivist: "Die Mentalität ist unverändert geblieben"

Interview23. Dezember 2014, 07:12
5 Postings

Mugur Vărzariu hat zum 25. Jahrestag der Revolution eine kritische Sicht auf die Privilegien des Kapitalismus und den Führungsstil des Kommunismus.

STANDARD: Welche sind Ihre Erinnerungen an das kommunistische Rumänien?

Vărzariu: Es war traurig und farblos. Man musste um jede Kleinigkeit ringen. Fleisch, Butter, Obst verschaffte man sich über ein Beziehungsgeflecht, auf das man angewiesen war und in dem man entmenschlicht wurde, um jene Dinge zu bekommen, die zur minimalen menschlichen Würde gehörten. Die Schule war keine Förderung, sondern Auswendiglernerei. Und krank durfte man nicht werden, denn im Gesundheitssystem war man höchstens das wert, was man schmieren konnte.

STANDARD: Wie erlebten Sie die Tage der antikommunistischen Revolution?

Vărzariu: Es war keine antikommunistische Revolution, denn das Regime hat nicht wirklich gewechselt. Das eloquenteste Beispiel dafür ist ja, dass Ion Iliescu nach 25 Jahren immer noch unbestraft ist: Ein Regime verurteilt seine Henker nicht. Er hat dem demokratischen Rumänien das Grab ausgehoben...

STANDARD: Jetzt setzen die Menschen aber Hoffnung in den neuen Präsidenten Klaus Johannis, der mit Vorsätzen wie "Gesetz statt Lügen" warb.

Vărzariu: Geleistet ist noch nichts, also ist auch kein Urteil möglich.

STANDARD: Sie porträtierten heuer in der Fotodokumentation "Unter den heutigen Kommunisten" Nostalgiker des alten Regimes...

Vărzariu: Die Mentalität ist trotz einiger kosmetischer Eingriffe unverändert geblieben. Diese Menschen sind krasse Beispiele dafür. Dass sie Jahr für Jahr im Dezember das Grab des Diktatorenpaares besuchen, dass sie jene verehren, die 20 Millionen Menschen mit Füßen getreten haben, hat mich schockiert. Mein Vater hatte einen Freund, der ein guter Schwimmer war. Er ist tatsächlich über die Donau in die Freiheit geschwommen, mit seinen Kindern. So verzweifelt waren die Menschen!

STANDARD: Welches ist die wichtigste Veränderung in Rumänien seit 1989?

Vărzariu: Von denen, die eine Veränderung hätten herbeiführen können, mussten immer noch zu viele auswandern. Zwar sind die alten Kommunisten schon am Abtreten, doch es folgte eine Art leere Generation, deren Erziehung schief und krumm ist; für die ein Plagiator als Premier ein Beispiel für soziales Reüssieren ist. Ja, inzwischen gibt es Druck von außen – Weltbank, IWF, Nato und EU; all das schwächt die Verbindung zur Vergangenheit, aber der Widerstand dagegen ist groß. Ich würde den Kommunismus mit der Explosion des Atomkraftwerks in Tschernobyl vergleichen. Die erste Chance für eine Normalisierung gibt es erst, wenn die Generationen nicht mehr verstrahlt, nicht mehr kontaminiert sind. Vorläufig sind es immer noch die Nomenklatur und deren Schützlinge, die sich aller kapitalistischer Privilegien erfreuen, das Land aber wie damals, zu Zeiten der Kommunisten, führen. (Laura Balomiri, DER STANDARD, 23.12.2014)

foto: mugur varzariu
Mugur Vărzariu (44) ist einer der bekanntesten rumänischen Dokumentarfotografen. Nach einer Karriere im Marketing entschied er sich – statt auszuwandern – für Sozialaktivismus, in dem er sich insbesondere durch Projekte in Romagemeinschaften einen Namen machte. Er arbeitet u. a. mit Amnesty International zusammen und ist World-Vision-Botschafter.
  • In Bukarest wurde mit einer Militärparade der Revolution vor 25 Jahren gedacht.
    foto: epa/robert ghement

    In Bukarest wurde mit einer Militärparade der Revolution vor 25 Jahren gedacht.

Share if you care.