Über die Armen, die man nicht sieht

23. Dezember 2014, 09:00
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Beim Thema Armut häufen sich die Mythen: Armut werde übertrieben, den meisten gehe es eh ganz gut, das System erziehe zum Faulsein. Stimmt das?

Mythos 1: In Österreich wird doch auf hohem Niveau gejammert, wirklich Arme gibt es hier kaum.

Antwort: Es stimmt zwar, dass die Zahl jener, die Hunger, Durst und kein Dach über dem Kopf haben, zum Glück vergleichsweise gering ist. Arm sind aber auch alle anderen, die mit ihrem Einkommen kaum zurande kommen – und sie sind meist unsichtbar. Um Armut zu messen, gibt es verschiedene Instrumente: Einerseits misst man, wie weit das Einkommen unter dem liegt, was die meisten Menschen verdienen. Zusätzlich schaut man, wie stark Betroffene in ihrem Alltag eingeschränkt sind. Statistiker kennen einige Standardfragen, um dies auszutesten (siehe Grafik): Können Sie es sich nicht leisten, neue Kleider zu kaufen, oder unerwartete Ausgaben wie Reparaturen zu tätigen? Werden mehrere Fragen mit Ja beantwortet, gilt man als arm.

Mythos 2: Die Menschen sind nicht arm, der Druck, viel besitzen zu müssen, ist nur höher als früher – Stichwort Tablet, Smartphone, Flatscreen.

Antwort: Die Ärmsten der Bevölkerung, also die untersten zehn Prozent der Einkommensbezieher, geben rund fünfzig Prozent fürs Wohnen aus, weitere zehn bis zwanzig Prozent fürs Essen, manche müssen von den übrigen 30 Prozent Kredite abzahlen. "Für Tablets oder Flatscreens bleibt da nichts mehr übrig", sagt Martin Schenk von der Armutskonferenz. Dass der Druck, dazuzugehören und dies durch bestimmte Statussymbole wie Markenkleidung oder Smartphones zu demonstrieren, vor allem bei Jugendlichen hoch ist, stimmt aber.

Mythos 3: Wer will, kann es in Österreich zu etwas bringen, Bildung ist doch gratis. Wer es nicht schafft, soll sich nicht auf andere ausreden, sondern sich mehr anstrengen.

Antwort: Österreich gelingt es trotz hoher Bildungsausgaben besonders schlecht, Kindern aus sozial schwachen Familien den Aufstieg zu ermöglichen. Zwar sind weniger Jugendliche arm als anderswo. Doch das liegt vor allem am gut ausgebauten sozialen Netz und nicht daran, dass es viele schaffen, ihren ökonomischen Status zu verbessern. Dass Alleinerziehende immer noch zu den Hauptrisikogruppen in Sachen Armutsgefährdung zählen, hängt auch mit der konservativ-katholisch geprägten Familienpolitik zusammen: Die Familie – und damit meist die Mutter – ist hauptverantwortlich für die Kinderbetreuung, außerhäusliche Betreuungseinrichtungen sind eingeschränkt zugänglich. In Österreich sind Alleinerziehende eine der Armutsrisikogruppen, "in skandinavischen Ländern kommen sie in Armutsstatistiken kaum vor", sagt Schenk.

Mythos 4: Sozialleistungen wie die Mindestsicherung erziehen die Menschen doch nur zum Faulsein. Viele wissen gar nicht mehr, was es heißt, selbst Geld zu verdienen.

Antwort: Nur zehn Prozent der Mindestsicherungsbezieher nehmen die Leistung jahrelang in Anspruch, für die Mehrheit ist es eine Zusatzleistung, weil Lohn oder Arbeitslosengeld zu niedrig sind. Im Durchschnitt werden nur 310 Euro ausgezahlt, im Schnitt beträgt die Bezugsdauer acht Monate, heißt es im Sozialministerium. Es handelt sich also oft um eine Überbrückung der Phase zwischen Notstandshilfe und Wiedereingliederung. In der Krise häufen sich die Wechsel zwischen erwerbstätig sein und Job suchen, es kommt zu einem ständigen Pendeln zwischen Job und Stütze.

Mythos 5: Gäbe man nur jenen, die es wirklich brauchen, und nicht auch reichen Familien Kindergeld und Familienbeihilfe, gäbe es keine Armut.

Antwort: Im Gegenteil. Die Sozialtransfers an die Mittelschicht verhindern vielfach, dass Betroffene in die Armut abrutschen, sie erfüllen also eine präventive Funktion. Staaten, in denen Sozialleistungen "maßgeschneidert" nur an Geringverdiener ausgezahlt werden, haben höhere Armutsraten. Zudem brauchen breite Wählerschichten das Gefühl, selbst vom Sozialtopf zu profitieren. Geschieht dies nicht, kommt es vor allem in Krisenzeiten schnell zum "Unterschichtsbashing" – mit der Folge, dass die Politik mangels Rückhalt zunehmend Sozialleistungen streicht.

Mythos 6: Armutsstatistiken übertreiben. Den gängigen Definitionen zufolge wären doch 95 Prozent der Studierenden akut arm.

Antwort: Es gibt auch unter Studierenden Armut, aber eine Studentin, die mit 800 Euro monatlich auskommen muss, ist nicht zu vergleichen mit einer Pensionistin mit demselben Monatsbudget. Studierende haben die Hoffnung, dass es sich um temporäre Einschränkungen handelt. Zudem haben Studierende die Wahl, ihr Studium zu beenden und berufstätig zu sein – diese Möglichkeit fehlt der Pensionistin. (Maria Sterkl, DER STANDARD, 23.12.2014)

  • In Österreich haben es Kinder aus armen Familien besonders schwer, später einmal in die Lage zu kommen, selbst gut zu verdienen.
    foto: dapd/theo heimann

    In Österreich haben es Kinder aus armen Familien besonders schwer, später einmal in die Lage zu kommen, selbst gut zu verdienen.

  • Grafik "Wie man Armut misst"
    grafik: der standard

    Grafik "Wie man Armut misst"

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