"English soldier, a merry Christmas, a merry Christmas!"

Userartikel23. Dezember 2014, 10:12
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Ein Hauch von Menschlichkeit im unmenschlichen Krieg – Ein Brief über den Weihnachtsfrieden 1914

"Blut und Frieden, Feindschaft und Brüderlichkeit – das erstaunlichste Paradoxon des Krieges", schrieb Frederick W. Heath, ein britischer Soldat an der Westfront, der 1914 Zeuge eines beeindruckenden Aktes von Menschlichkeit wurde. Er berichtete über die Ereignisse um den 24. Dezember in einem ergreifenden Brief an seine Heimat.

"Mit aufgestellten Ohren lauschte ich. Und dann drang zu unserer Stellung aus den Gräben ein Gruß, den man im Krieg nur einmal hört: ‚English soldier, english soldier, a merry Christmas, a merry Christmas!'"

Um den 24. Dezember 1914, das erste Weihnachten während des Ersten Weltkriegs, kam es an vielen Abschnitten der Westfront als auch vereinzelt an der Ostfront zu einem inoffiziellen Waffenstillstand zwischen feindlichen Soldaten. Insgesamt ließen an jenen Tagen etwa 100.000 Kriegsteilnehmer ihre Waffen liegen und beschlossen, zumindest vorübergehend nicht weiterzukämpfen.

Allgemeine Kriegsmüdigkeit

"Entlang unserer Stellung hörte man Männer den Weihnachtsgruß des Feindes beantworten. Wie konnten wir widerstehen, uns gegenseitig frohe Weihnachten zu wünschen, auch wenn wir uns unmittelbar danach an die Kehle gehen würden?", beschreibt Heath. "Kein einziger Schuss wurde abgegeben, lediglich zu unserer Rechten war die französische Artillerie am Werk."

Die Ursachen für den kurzfristigen Waffenstillstand zu Weihnachten waren vielseitig. Einen großen Anteil daran hatte aber die allgemeine Kriegsmüdigkeit. Die Soldaten, die im Sommer 1914 in den Krieg gezogen waren, verloren in Anbetracht ihrer aussichtslosen Situation in dem starren Stellungskrieg an der Westfront immer mehr ihren Mut. Auch der Umstand, dass ein baldiges Ende der Kämpfe nicht in Sicht war, desillusionierte die Soldaten immer mehr.

Ohne sich offiziell abzusprechen, kam es dann am "Heiligen Abend" zum Unglaublichen: Beide Kriegsparteien gaben an einigen Frontabschnitten keine Schüsse mehr ab. Die deutschen Soldaten begannen Weihnachtslieder zu singen und kleine Christbäumchen anzuzünden, die sie anschließend aus den Schützengräben hielten.

"Die Morgendämmerung kam und malte den Himmel in Grau und Rosa. Im ersten Licht sahen wir, wie sich unsere Gegner unbekümmert außerhalb ihrer Gräben bewegten. (...) Aber haben wir geschossen? Natürlich nicht!", schrieb Frederick W. Heath in seinem Brief. "Darauf folgte die Einladung, aus unseren Gräben zu kommen und uns auf halbem Wege zu treffen."

Kurzer Waffenstillstand

Nachdem sich die Soldaten aus den Schützengräben erhoben hatten, vereinbarten sie, nicht aufeinander zu schießen, und knüpften Kontakte. Gemeinsam wurden Weihnachtslieder gesungen, die Gefallenen beider Seiten begraben und Zigaretten, Lebensmittel und Militärandenken ausgetauscht. Einige machten sogar Fotos von ihrem Zusammentreffen mit dem Feind,. und englische spielten gegen deutsche Soldaten Fußball.

Der unautorisierte Waffenstillstand dauerte allerdings nur wenige Tage. Oberbefehlshaber beider Gegner kritisierten die Verbrüderung an der Front scharf und drohten mit schweren Konsequenzen und Strafen, um die Männer zum Weiterkämpfen anzuregen. So war der Weihnachtsfriede bereits zu Jahreswechsel größtenteils wieder beendet.

Der deutsche Leutnant Niemann erzählte in einem in der "Times" veröffentlichten Brief, dass bei Frelinghien-Houplines ein Fußballspiel ausgetragen worden sei. Dieses soll angeblich 3:2 für die Deutschen ausgegangen sein. Der Wahrheitsgehalt dieser Geschichte kann zwar heute nicht mehr geprüft werden, aber egal ob das Spiel jemals ausgetragen wurde und egal wer mehr Tore geschossen hat: Gewinner waren an diesen Tagen wohl alle.

Frederick W. Heath schrieb: "Unsere Hände streckten sich aus und schlossen sich im Griff der Freundschaft. Weihnachten hatte die erbittertsten Feinde zu Freunden gemacht." (Jakob Pflügl, derStandard.at, 23.12.2014)

Jakob Pflügl (19) hat im Juni maturiert und sich in seiner Schulzeit im Rahmen eines Projektes mit Frederick W. Heaths Brief über den "Weihnachtsfrieden 1914" beschäftigt.

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Originalfassung des Briefes

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