"Am Beispiel der Butter": Nach dem Goldrausch

22. Dezember 2014, 17:05
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Ein böses, wahres Stück im Vestibül

Wien - Hinter ihrer Theke steht die Stielaugen-Jenny wie eine Saloonbesitzerin, das Dekolleté offen wie eine Auslage. Catrin Striebeck spielt sie, und die Western-Reminiszenz in dieser sonst so staubfreien, aseptischen Umgebung macht Sinn: Ferdinand Schmalz' Am Beispiel der Butter, von Alexander Wiegold im Vestibül des Burgtheaters inszeniert, erzählt, wie ein rechtsfreier Raum entsteht. Weil nicht mehr der Staat Recht (durch)setzt - sondern der Einzelne. L'État, c'est moi. Aus dem Goldrausch ist der Neoliberalismus geworden, aus den Goldsuchern wurden Großunternehmer.

Alles beherrschendes Zentrum ist eine Molkerei. Auf der Bühne (Claudia Vallant) sind "Bahnhofsreste" der Stielaugen-Jenny und Molkerei ein und dasselbe, klinisch weiß verfliest und mit langen Vorhängen aus transparenten Plastiklamellen zu verhängen. Könnte auch ein Schlachthaus sein. Von Butter keine Spur - die ist ohnehin eher imaginär. Die "goldne Butter" als Chiffre für den Warenfetisch des Kapitalismus ebenso wie für die träge Eingelulltheit der Menschen, die in ihm leben. Wobei die Butter auch die Erinnerung an ein nicht entfremdetes Leben auf der Alm, nahe der Höhensonne, in sich trägt.

"Ich bin die Butter!", sagt Molkereiarbeiter Adi (Peter Knaack), der etwas verändern will. Er füttert fremde Menschen mit seiner Mitarbeiterration Joghurt, er will "mit einer reinen Geste zu dem andren" durchdringen. Bei Peter Knaack hat er in seinem schlichten Kampf um zwischenmenschliche Nähe etwas ungemein Anrührendes. Daran hindern werden ihn Exekutivbediensteter Hans (Marcus Kiepe) und Huber aus dem mittleren Management (glatt wie ein Motivationstrainer: Michael Masula). Auch diese beiden stehen sich vor Jennys Tresen einmal gegenüber wie bereit zum Duell. Hans hat einen Keller (!), in dem er sein eigenes Gesetz in die Welt bringen will. Wenn er spricht, quillt ihm die Brutalität aus dem Mund. Für seinen so kranken wie beängstigenden Monolog über den "Hobbykeller" ("Die Ausnahme bin ich, der Souverän, die legitime Staatsgewalt, die sich im Zwielicht meines Kellers immer wieder aus dem Chaos neu erschafft") gibt es Szenenapplaus. Weil Adi und die neue Mitarbeiterin Karina (Jasna Fritzi Bauer) die Ordnung stören, bekommen sie die Härte von Hans' Gesetz zu spüren.

Das Ensemble spielt ohne Ausnahme fulminant. Jasna Fritzi Bauers Karina ist ein zartes, in sich gekehrtes, gleichwohl starkes Wesen. Catrin Striebeck lässt bei der durch Desillusionierung hart gewordenen Jenny trotz aller Gemeinheit durchblicken, dass hier ein Mensch mit Gefühlen steht. Wiegolds klare, so gar nicht aufgesetzte Inszenierung hat die richtige Tonlage, die richtigen Bilder gefunden für den Kater nach dem Goldrausch. Ein böses, weil wahres Stück. (Andrea Heinz, DER STANDARD, 23.12.2014)

Nächster Termin: 30. 12., 20.00

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