Vetmeduni lässt NS-Vergangenheit wissenschaftlich aufarbeiten

22. Dezember 2014, 12:20
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Bisheriges Versäumnis soll im Jubiläumsjahr 2015 nachgeholt werden

Wien - Spät, aber doch stellt sich die Veterinärmedizinische Universität Wien (Vetmeduni) ihrer Geschichte. "Unserem Haus fehlt eine umfassende wissenschaftliche Aufarbeitung der NS-Vergangenheit, diese Lücke gilt es zu schließen", erklärt Rektorin Sonja Hammerschmid. Das Jubiläumsjahr - die Universität feiert 2015 ihr 250-jähriges Bestehen - biete einen guten Anlass, diesem Versäumnis nachzukommen.

Bisher gibt es lediglich zwei an der Vetmeduni verfasste Dissertationen und einen Aufsatz zu diesem Thema - nun wurde ein unabhängiges Expertenteam unter der Leitung der Historikerin Lisa Rettl mit der Aufarbeitung des dunklen Kapitels betraut. Die Vetmeduni fungiert in dem dreijährigen, vom Wissenschaftsfonds (FWF) geförderten Projekt nun ebenso wie die Zentrale österreichische Forschungsstelle Nachkriegsjustiz (FStN) als Kooperationspartnerin, sagte Projektleiterin Rettl.

Entnazifizierung im Fokus

Sie will sich mit ihrem Team zum einen mit institutionen- und wissenschaftsgeschichtlichen sowie biografischen Fragestellungen beschäftigen, zum anderen die militärgeschichtlichen Verflechtungen beleuchten. Auch die Nachkriegsgeschichte der Institution soll untersucht werden. "Der Fokus liegt dabei auf der 'Entnazifizierung' sowie dem Geschehen vor österreichischen Volksgerichten gegen Angehörige der damaligen Wiener Tierärztlichen Hochschule", so Rettl.

In den konkreten Fragestellungen will man beispielsweise die von Deutschnationalismus und Antisemitismus geprägte Grundstimmung an der Hochschule in den frühen 1930er-Jahren herausarbeiten, ebenso wie die Handlungsspielräume zwischen staatlicher Gleichschaltung und autonomer Selbstbehauptung in den Jahren zwischen 1933 und 1945.

Handlungsspielräume beleuchten

Nachgehen wolle man auch den bestimmenden Akteuren der Hochschulpolitik. Untersucht werden Kontinuitäten und Brüche in den Karrieren von Professoren, Dozenten und Assistenten vor 1938 und nach 1945. Ein weiterer Aspekt ist Rettl zufolge die Rekonstruktion der Lebenswege jüdischer Studierender anhand von Auswahlbiografien. Beschäftigen will sich das Projektteam auch mit rechtspolitischen Fragen, etwa welche Grenzen und Möglichkeiten der "Entnazifizierung" die Wissenschaft hatte. Weiters nehmen die Forscher Nachkriegskarrieren bzw. Berufsverbote, Titelaberkennungen oder auch Ehrendoktorate unter die Lupe.

Wichtig ist Rettl, auch Schnittstellen zur Gegenwart herzustellen. "Es geht ja heutzutage nicht mehr darum, grundsätzlich festzustellen, dass die Nazis 'böse' waren, sondern vor allem darum zu fragen, unter welchen historischen Bedingungen Menschen wie agieren, welche Handlungsspielräume es dabei immer auch gibt, wie Menschen diese nützen, und nicht zuletzt: Was hat das Ganze mit uns heute zu tun?", so die Historikerin. (APA, 22.12.2014)

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