Dunkelmänner, Pfefferspray und seltsame Gesellinnen

Blog6. Jänner 2015, 12:20
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Natürlich ist es gut, wichtig und richtig, sexuelle Übergriffe auf Frauen nicht zu bagatellisieren. Trotzdem habe ich keine Lust, zum Kollateralschaden zu werden

Diesmal weiß ich wirklich nicht, was ich falsch gemacht habe. Aber die Unbekannte, die mich vor der Verrückten gerettet hatte, riet mir, ohne Aufklärung der Geschichte weiterzulaufen. "Vergiss die Sache. Bei so etwas kannst du nur verlieren. Und auch wenn es prinzipiell gut ist, dass Polizisten in so einer Situation zuerst der Frau glauben, war das eben die Ausnahme: Da bist du der Gef…te. Chancenlos. Drum: Vergiss es."

Die Unbekannte hatte recht. Nur: Vergessen kann ich die Sache halt doch nicht. Könnten Sie ja auch nicht.

foto: thomas rottenberg

Also von vorne: Es war einer dieser frühlingshaften Vorweihnachtsabende. Dunkel. Windig. Mild. Ich trabte gemächlich vor mich hin. Prater Hauptallee, Lusthaus, Richtung Praterstern. Viel war nicht los: kleine Zweier- und Dreiergruppen. Runtasia-Kopf Walter Kraus. Ein paar Sololäufer. Männer wie Frauen.

Wieso ich das betone? Nun: Anderswo ist es nicht selbstverständlich, dass Frauen bei Dunkelheit alleine im Park laufen. Aber Wien ist anders. In diesem Fall positiv: Pech kann man (und frau) natürlich überall haben – aber solange ich in der Nacht (oder eben bei schwarzer Luft) Frauen auf der Hauptallee joggen sehe, weigere ich mich, Wien nicht als grundsätzlich sichere Stadt zu sehen.

Eine Standardsituation

Darum dachte ich mir nichts, als mir die Amerikanerin entgegenkam. Wobei: Dass sie Amerikanerin war, erfuhr ich erst später. Als ich sie wahrnahm, war sie einfach nur irgendeine Läuferin, die mir halt entgegenkam: ich Richtung Praterstern im rechten Drittel der rechten "Fahrspur" der PHA, sie Richtung Lusthaus. Am rechten Rand ihrer "Richtungsspur". Eine Standardsituation.

foto: thomas rottenberg

Tatsächlich bemerkte ich die Frau also erst, als Sie auf meiner Höhe war: Da beschleunigte sie, schwenkte quer über den Weg auf mich zu, griff in ihre Jackentasche und holte ein Ding heraus, mit dem ich zunächst nichts anfangen konnte. Aber da sie ganz eindeutig mich ansteuerte, blieb ich stehen, drehte mich ihr zu und nahm die Earplugs aus den Ohren.

Sie stand eineinhalb Meter vor mir und richtete das Ding in ihrer Hand auf mich. "Rape! Rape! Rape!", brüllte sie. Ich sah mich um: "Brauchen Sie Hilfe?" Sie brüllte und fuchtelte: "Rape! Rape! Rape!" Jetzt erkannte ich, was sie in der Hand hielt: einen Pfefferspray. Die Frau war eindeutig in Panik. Brauchte vermutlich Hilfe. Aber das Ding in ihrer Hand war mir ein bisserl zu nahe an meinem Gesicht. Ich machte einen Schritt zurück.

Die Frau brüllte weiter. Fuchtelte. Machte wieder einen Schritt auf mich zu. "Leave me alone! F…ing Rapist! Stop molesting women!" Ich war sprachlos. Meinte die etwa mich?

Was tun?

Mit einem Pfefferspray diskutiere ich nicht. Mit einer durchgeknallten Frau, die damit auf mich zielt, noch weniger. Nur: Wie sollte ich aus dieser Nummer rauskommen? Wegrennen? Ich dachte (noch) nicht so weit – aber die Optik wäre mehr als verheerend gewesen. Und irgendwer, hoffte ich, würde in so einem Fall ja wohl der Frau helfen – und die Polizei rufen.

Bevor ich reagieren konnte, war da aber die andere Läuferin. Ich hatte sie keine Minute zuvor überholt. Vermutlich hatte sie die ganz Szene beim Herlaufen beobachtet. "Was ist denn hier los? What is going on?"

foto: thomas rottenberg

Immerhin: Der Spray zielte jetzt nicht mehr auf mein Gesicht. Aber die Amerikanerin brüllte. Dass ich sie bedrohe. Sie sexuell belästige. Sie mir gerade noch entkommen konnte. Die andere Frau ihre Retterin sei. Nur: Die sah das zum Glück keineswegs so: "Spinnen Sie? Der Mann ist schnurgerade gelaufen, und Sie auch. Bis Sie plötzlich rübergerannt sind und zu brüllen begonnen haben", widersprach sie. In sehr sauberem Englisch.

Keine eindeutige Ausweichbewegung

Die Amerikanerin sah das anders. Ganz anders. Grundsätzlich anders: "Wenn ein Mann im Dunkeln einer ihm unbekannten Frau entgegengeht oder -läuft und er nicht mindestens 50 Meter vor der Frau eine eindeutige Ausweichbewegung macht, gilt das als sexueller Übergriff: Das verletzt meine Sicherheitszone. Da muss und werde ich mich wehren. Es ist unerträglich: Europäische Männer halten Touristinnen wirklich für Freiwild."

Mir entschlüpfte an dieser Stelle irgendwas Fassungsloses. Die andere Frau sah mich kurz an: "Schhhh! Mach es nicht noch schlimmer." Dann wandte sie sich der Amerikanerin zu: "Das meinen Sie aber jetzt nicht ernst, oder?" – "Doch. Das hier ist ein sexueller Übergriff." – "Sind Sie irre?"

Jetzt begann die Touristin wieder zu brüllen. Diesmal war nicht ich das Ziel, sondern die andere Frau: Wie Frauen so unterwürfig sein könnten. So unsolidarisch. So wenig auf ihre eigene und anderer Frauen Sicherheit bedacht. Und so weiter. Ob wir eventuell gar gemeinsame Sache machten? Die Hand mit dem Pfefferspray hob sich wieder.

Ich kramte nach meinem Handy: Ich wurde hier bedroht und würde jetzt die Polizei rufen. Die andere Frau spürte, was ich vorhatte. Sagte "Tu das nicht" und zog mich weg. "Lass das. Das geht nach hinten los. Das weiß diese Irre ganz genau." Ich verstand, dass sie recht hatte.

foto: thomas rottenberg

Wir liefen los. Trabten ein paar hundert Meter gemeinsam. Ich überlegte laut, was wohl passiert wäre, wenn nicht eine Frau, sondern ein weiterer Mann dazugestoßen wäre. "Die Sache wäre eskaliert. Ihr hättet beide eine Ladung Pfefferspray abbekommen. Irgendwer hätte die Polizei gerufen. Und ihr wärt beide fest in der Scheiße gesteckt."

Kollateralschaden

Ich wusste, was sie meinte. Sie dozierte: "Du würdest ja auch nicht davon ausgehen, dass da eine 1,60 kleine, zierliche Frau nach Einbruch der Dunkelheit in einer dunklen Parkgegend aus Böswilligkeit auf einen oder sogar zwei Männer mit Pfefferspray losgeht. In mindestens 95 Prozent der Fälle hat das ja auch genau die Vorgeschichte, die man sich vorstellt. Dass das von der Polizei nicht bagatellisiert und kleingeredet wird, ist gut und richtig."

Ja, eh. Aber … "Nix aber: Vergiss es. Aus der Nummer kannst du nur als Verlierer rauskommen. Du wärst so was wie der Kollateralschaden." Ich will aber kein Kollateralschaden sein. Auch nicht, dass das wer anderer wird. "Verstehe ich. Trotzdem: Sie reist in ein paar Tagen wieder ab. Und aus. Also: Vergiss es, es bringt nichts." (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 6.1.2015)

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