Komödie: Ein "Floh im Ohr" kommt eben vor

22. Dezember 2014, 08:04
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Mit Georges Feydeaus Klassiker (Regie: Stephan Müller) hat das Volkstheater ein Erfolgsstück in der Tasche. Das Ensemble blüht auf. Gute Nachricht Nr. 2: Das Haus soll bereits mit Beginn Sommer 2015 saniert werden

Wien - "Kommt ein Urologe zum Gynäkologen ..." - ja, aber weiter erfahren wir darüber nichts. Nicht traurig sein: Statt in Form dieses nie zu Ende erzählten Witzes offenbart sich in Elfriede Jelineks Georges-Feydeau-Nachdichtung Floh im Ohr das Intimleben der Geschlechter in leibhaftigen Manövern. Amantes amentes!, sagen die Lateiner (" Liebende sind von Sinnen!").

Da die Hosenträger ihres Gatten nicht an dessen Leib, sondern indiskret per Post nach Hause kommen, ist Madame Chandebise (Susa Meyer) davon besessen, ihrem Mann, Victor-Emmanuel Chandebise (Till Firit), die vermeintliche Untreue mit einem Coup nachzuweisen. Ihre beste Freundin, Lucienne Homenides de Histangua (Martin Stilp) - ja, wir befinden uns in extravaganten Kreisen -, möge den verruchten Mann mittels Briefs zu einem Date im Stundenhotel verführen. Gesagt, getan - und die fabelhafte Komödienmaschine Feydeaus beginnt am Volkstheater zu poltern.

Komisch sei immer, wie es Heiner Müller einmal nannte, "der Terror der kalten Schadenfreude". Und dieser wird den hier auf unterschiedliche Weise involvierten Personen mehr als genug zuteil. Die armen Menschen werden zu Hampelmännchen ihrer eigenen Irrtümer. In einer kurzweiligen, herzhaften Inszenierung arbeitet Regisseur Stephan Müller die Mechanik des sich Verhedderns gekonnt heraus, manchmal allzu mechanisch. Die hier wie mit dem Hackbeil zugespitzten Momente und ihre kantigen Figuren werden nach der gepressten Premierenvorstellung gewiss geschmeidiger, lebendiger werden.

Meisterliche Akrobatik

Vor einer Tapententürenwand spielen die in adretten Stoffen festgezurrten Menschen ihre Solidität. Sie sind so artgerecht kariert drapiert (Kostüme: Carla Caminati), dass einem jeden von ihnen die scheinheilige, aber doch abgründige Bürgerlichkeit an der Nasenspitze abzulesen ist. Der Arzt (Roman Schmelzer) zupft streng an seinen Patienten herum und steht selbst auf Bondage. Romain Tournel (Patrick O. Beck) trägt artig sein onduliertes Haar spazieren, hüpft aber bei erster Gelegenheit die verheiratete Frau an, ein Meisterstück an Akrobatik.

Daneben kümmert sich Müller fürsorglich um das, was Thomas Bernhard über die Beschaffenheit von Spaßmacher meinte ("Sein Arsch explodiert und schiaßt a Kerz'n heraus"). Bei Feydeau ist es Neffe Camille Chandebise (Matthias Mamedof), der an einem Sprachfehler leidet (mit Genesungsoption), und sich absurderweise gänzlich ohne Konsonanten mitteilen muss. "Ei-e A-ö-ie!" ruft er aus - "Eine Tragödie!"

Von der Sprachnorm weicht auch der eifersüchtige Spanier Carlos Homenides de Histangua (Ronald Kuste) ab, der seinen (vermeintlichen) Kontrahenten Chandebise nur "Schantepisssse" zu nennen vermag.

Das wegen seiner Wohlkonstruiertheit (und auch wegen Jelineks formidabler und marktbeherrschender Übersetzung) gern gezeigte Stück bietet viele schöne Rollen, die sich das Volkstheaterensemble anzueignen weiß. Es agiert mit handwerklicher Sicherheit. Eine Spur darüber hinaus, in die Gefahrenzone, wo einem halsbrecherischen Komödianten alles passieren kann, wagt sich Patrick O. Beck als heimlicher Liebeswerber. Im weißen Zweireiher flieht er - Tür auf, Tür zu; treppauf, treppab - vor den Folgen seines Handelns, um dann letztlich doch von seinem ehrenwerten Freund verdroschen zu werden.

Auch Till Firit, vor nicht allzu langer Zeit noch als Nachwuchsdarsteller ausgezeichnet, markiert hier mit angegrautem Schopf den moralisch einwandfreien Macker und wechselt im Handumdrehen in die Rolle des Hausknechts Poche. Damit ist dem Volkstheater eine Erfolgsproduktion gewiss. Und eine zweite gute Nachricht folgt: Die seit langem erwartete Generalsanierung des Hauses ist am Wochenende im Gemeinderat beschlossen worden. Begonnen wird im Sommer 2015 mit dem Zuschauerraum. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 22.12.2014)

  • Alle am falschen Ort: Madame Chandebise (Susa Meyer), Romain Tournel (Patrick O. Beck, re.) und der Hausknecht (Till Firit).
    foto: apa/neubauer

    Alle am falschen Ort: Madame Chandebise (Susa Meyer), Romain Tournel (Patrick O. Beck, re.) und der Hausknecht (Till Firit).

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