Wu-Tang Clan: Watschenfilme vor dem Kirchgang

22. Dezember 2014, 07:44
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Wertkonservativer Hip-Hop auf Basis von Funk und Southern Soul. Der Wu-Tang Clan meldet sich nach sieben Jahren mit einem neuen Album zurück. Jetzt muss nur noch das Outfit des Clans in Würde altern

Wien - Wer lange weg war, hat oft viel zu erzählen. Im Falle des Wu-Tang Clan waren es sieben Jahre seit dem letzten Album. Nachdem es also um Hip-Hop geht, liegt der Verdacht einer von der Staatsmacht verordneten Auszeit nahe, auf den New Yorker Clan trifft das nicht zu, man war nur anderweitig beschäftigt.

Zur Wiederkehr tritt man nun die Tür ein und erinnert die verschreckte Tischgesellschaft mit donnernden Ansagen daran, wer die größten Dinger in und an der Hose baumeln hat. Das ist man sich und der Welt schuldig. Denn man spricht ja eine Zielgruppe an, in der Muttersöhnchen und -schänder gern deckungsgleich sind. So sensibel wie kaltblütig reklamiert der reformierte Clan im Opener für sich die "number one" zu sein. Muss ja. Das Manifest titelt Ruckus in B Minor und eröffnet das Album A Better Tomorrow.

Gleichzeitig macht der Track melancholisch. Denn in den Einstand gesellt sich per Sample der vor zehn Jahren seinem Lebensstil zum Opfer gefallene Ol' Dirty Bastard. Der geniale Verrückte dieses Kollektivs. Mit ihm als unberechenbarer Größe war der Clan immer für Überraschungen gut. Das wurde der vielköpfigen Verschwörung seit ihrem Auftauchen 1993 mit dem als Meilenstein geltenden Album Enter the Wu-Tang (36 Chambers) gerne nachgesagt, aber keiner löste diese Verheißung so nachdrücklich ein wie der kurz "ODB" gerufene Russell Jones. Wir vermissen ihn.

Strenge Hierarchie

Der Wu-Tang Clan machte den Hip-Hop Anfang der 1990er gefährlich. Abseits des großmäuligen Gangsterfachs bemühte man sich, das Außenseiterdasein als zwar aufgezwungene, aber doch vom eigenen Willen gestaltete Rolle zu spielen.

Dafür bemühte man fernöstliche Klischees: Versatzstücke aus Shaolin, japanischen Watschenfilmen, Geheimbundwesen und fettem Bass. Gewürzt mit einer strengen Hierarchie und reichlich Talenten wuchs dem Hip-Hop ein neuer starker Ast. Aus dem trieben mit Typen wie RZA, Method Man, Raekwon, dem Ol' Dirty Bastard, Ghostface Killah oder GZA allesamt erfolgreiche Solokünstler aus.

Das musste aus rein egoistischen Gründen irgendwann Probleme ergeben, und so traten in die Geschichte des Clans Rechtsanwälte und Prozesse, all das Unschöne der Geschäftsseite, die vor allem mit der prototypischen Wu Wear mächtig Geld scheffelte. Der Wu-Tang Clan war eine der ersten Hip-Hop-Gangs, die eine eigene Modelinie entwarfen. Etwas, das heute jeder dahergelaufene Bushido macht.

Der musikalische Chefausstatter ist bis heute Robert Diggs alias RZA. Ihm verdankt der Clan seine beseelte Kollektion. Während die Nullerjahre dem Hip-Hop unter der Regentschaft von Produzenten wie Timbaland oder den Neptunes nervös-zappelige Schnipselbeats bescherten, produzierten RZA und Co wertkonservativ. Bei aller Offenheit neuer Ästhetik gegenüber ließen sie Soul und Funk als Fundament dieser Kultur nicht aus den Augen. Dieser Ansatz schlägt auf A Better Tomorrow voll zu Buche.

Teilweise produzierte man das Album in den Royal Studios, in denen Willie Mitchell einst Größen wie Al Green oder O. V. Wright den Sound maßschneiderte: Weich, elegant, verführerisch intensiv. Beide zählen zu den Musikern, die RZA oft und gerne samplete, etwa für den Soundtrack von Jim Jarmuschs Film Ghost Dog - Der Weg des Samurai.

Der Sound des Südens durchzieht das neue Werk selbst in Stücken wie 40th Street Black / We will Fight, in dem der Chor auch vom slowenischen Kollektiv Laibach stammen könnte. Aber das ist ein kurzer Ausreißer nach unten, der A Better Tomorrow nicht viel anhaben kann.

Sonntags in die Kirche

Mit im Schnitt Mitte vierzig sind die meisten Clanmitglieder brave Familienväter, die am Sonntag in die Kirche gehen. Dazu passt Preacher's Daughter. Das Stück ist auf Dusty Springfields Son of a Preacher Man gebaut, und würde da nicht darübergerappt, man könnte von einer Coverversion sprechen, in der ein Damenchor himmlisch schmachtet. Saxofon, Hammondorgel und ein Basslauf aus den Eingeweiden des Southern Soul besorgen den Rest.

Das Filmsample gleich darauf, das die Regeln für den Kampf mit dem Meister festlegt, wirkt wie ein drolliges Memo aus der Vergangenheit, als man noch 36 strenge Kammern durchstehen musste, um Aufnahme in den Clan zu finden. Kinderkram von damals.

Der Wu-Tang Clan zeigt sich auf A Better Tomorrow als gereifter Club, der ein wenig seinen verwegenen Ruf poliert, ansonsten gediegene Erbpflege afroamerikanischer Musik betreibt und sie damit eloquent fortschreibt.

Nichts Neues an der East Coast, aber im Falle des Clans sind das durchaus good News. (Karl Fluch, DER STANDARD, 22.12.2014)

  • Man kann noch Mitte 40 wie ein Vierjähriger angezogen sein. Immerhin bringt es Millionen. Der Wu-Tang Clan hat ein neues Album gemacht. Es heißt "A Better Tomorrow" und ist sehr gut.
    foto: warner

    Man kann noch Mitte 40 wie ein Vierjähriger angezogen sein. Immerhin bringt es Millionen. Der Wu-Tang Clan hat ein neues Album gemacht. Es heißt "A Better Tomorrow" und ist sehr gut.

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