Entscheidend wird in Kroatien der zweite Wahlgang sein

Analyse22. Dezember 2014, 05:30
63 Postings

Am Sonntag finden in Kroatien Präsidentschaftswahlen statt. Amtsinhaber Ivo Josipović wird die erste Runde gewinnen. Doch in der zweiten könnte Herausforderin Kolinda Grabar-Kitarović eine Chance haben

Man könnte meinen, es ginge darum, diesmal das Christkind zu wählen. Die beiden chancenreichsten Kandidaten sind in Zagreb kaum auf Plakaten zu sehen. Auf dem Hauptplatz findet stattdessen ein Weihnachtskonzert statt. Eine Trachtengruppe tanzt in weiß-roten Kleidern im Kreis, dann kommen dutzende Klosterschwestern auf die Bühne. Die Nonnen singen für "Papa Franjo" ein Geburtstagsständchen. "Die Wahlen sind nicht wichtig", sagt der 65-jährige Dino F. Wenn er überhaupt wählen geht, wird er seine Stimme Kolinda Grabar-Kitarović geben, weil "sie eine Christin" ist. Zudem sei sie bei der Nato gewesen, so der Maschinenbauingenieur mit dem dunkelgrauen Filzhut.

Am nächsten Sonntag finden in Kroatien Präsidentschaftswahlen statt. Vier Kandidaten haben die notwendigen 10.000 Unterschriften bekommen. Der sozialdemokratische Amtsinhaber Ivo Josipović, der wenig Akzente setzte, liegt in den Umfragen bei über 40 Prozent. Seine Herausforderin, die konservative Kolinda Grabar-Kitarović erreicht um die 30 Prozent. Der rechtsgerichtete Milan Kujundžić könnte um die zehn Prozent der Stimmen bekommen. Ivan Sinčić wiederum setzt auf Mieterschutz. In den vergangenen Jahren wurden überschuldete Kroaten zwangsgeräumt, weil die Banken die Immobilien übernahmen. Sinčić schimpft auch gegen die Nato.

Josipović verliert an Rückhalt

Ana P., eine 32-jährige Mutter, die auf dem Blumenmarkt in Zagreb sitzt, überlegt, den 26-jährigen Sinčić zu wählen. Das letzte Mal hat sie Josipović gewählt, den sie als ihren Professor schätzte. "Aber er ist einfach nicht mutig genug, er hat meine Erwartungen nicht erfüllt", sagt sie. Der Staatschef hat offenbar an Popularität verloren.

Der Analyst Davor Gjenero meint, dass die Wahlen offen seien. "Wenn Josipović gewinnen will, muss er dies in der ersten Runde tun", so Gjenero. Viele Josipović-Wähler würden sich aber am Sonntag gar nicht in Kroatien befinden, sondern Skiurlaub in Italien und Österreich machen. "Wenn er aber nur die relative Mehrheit in der ersten Runde gewinnt, könnte er die zweite verlieren", meint Gjenero. Im zweiten Wahldurchgang am 11. Jänner dürften die meisten Kujundžić-Stimmen zu Grabar-Kitarović wandern, deren gut organisierte Partei, die HDZ, für sie mobilisiert.

Ante P. ist etwa ein echter "Kolinda-Fan". "Sie kennt viele Leute im Ausland und hat bessere Beziehungen als Josipović", meint der 21-jährige Student. Tatsächlich wird die hohe Nato-Diplomatin auch von US-Präsident Barack Obama unterstützt, während dieser im April ein Treffen mit Josipović vermied. Laut Gjenero haben die USA auch Sorge, weil der kroatische Staatschef zu Russland Kontakte pflegt. "Er kümmert sich nur um den Balkan, Kolinda aber um den Westen. Wir sind nicht mehr Teil von Jugoslawien, sondern wir sind Teil der EU", erklärt Ante P., warum die ehemalige Außenministerin die bessere Wahl sei. Doch irgendwie will Ante dann doch, dass sich Grabar-Kitarović um den Balkan kümmert. Um die Stimmen der bosnischen Kroaten buhlt auch Josipović.

"Aktionsplan Barbie"

Inhaltlich hat der Wahlkampf bisher wenig geboten. Der Staatschef fordert eine Verfassungsreform, Grabar-Kitarović Kastration für Pädophile. Für Empörung sorgte, dass Josipović-Leute die Herausforderin angeblich mit einem Aktionsplan "Barbie" diskreditieren wollten. Aus einem anderen Grund entließ der Präsident kürzlich seinen Chefberater, den Politologen Dejan Jović. Dieser hatte das Unabhängigkeitsreferendum 1991 als nicht ganz frei bezeichnet und damit nationale Mythen infrage gestellt.

Die Wirtschaft ist kaum Thema, obwohl das Land in einer Depression steckt. "Wer auch immer hier Macht hat, die Leute sind nicht bereit für Veränderungen", sagt die 42-jährige Zorana S., die nicht weiß, wen sie wählen soll. "Die Leute regen sich bloß auf, wenn das Weihnachtsgeld gestrichen wird, obwohl wir sparen müssen." (Adelheid Wölfl, DER STANDARD, 22.12.2014)

  • Der kroatische Präsident Ivo Josipović hat wenig Unterstützung aus der eigenen Partei. Die schlechte Regierungsperformance der Sozialdemokraten könnte dem Staatschef schaden.
    foto: epa/str

    Der kroatische Präsident Ivo Josipović hat wenig Unterstützung aus der eigenen Partei. Die schlechte Regierungsperformance der Sozialdemokraten könnte dem Staatschef schaden.

  • HDZ-Kandidatin Grabar-Kitarović hat im zweiten Wahlgang Chancen.
    foto: nato

    HDZ-Kandidatin Grabar-Kitarović hat im zweiten Wahlgang Chancen.

Share if you care.