Ich fühle mich von meinem Leben beschenkt 

22. Dezember 2014, 05:30
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Cecily Corti, Leiterin der VinziRast-Einrichtungen in Wien, sorgt dafür, dass Obdachlose ein Dach über dem Kopf haben. Ihr eigenes Dach ist im 19. Bezirk

Cecily Corti, Leiterin der VinziRast-Einrichtungen in Wien, sorgt dafür, dass Obdachlose ein Dach über dem Kopf haben. Ihr eigenes Dach ist im 19. Bezirk. Nun ist sie dabei, sich zu reduzieren, erfuhr Wojciech Czaja.

"Die Tage und Wochen vor Weihnachten sind außergewöhnlich. Das Thema Obdachlosigkeit ist dann sehr präsent, vor allem auch in den Medien. Warum gerade zu Weihnachten? Liegt es daran, dass sich der Mensch dessen bewusst wird, wie glücklich er sich schätzen darf, dass er ein Dach über dem Kopf hat, dass er mit Menschen zusammen ist, die ihm lieb sind? Als Leiterin der VinziRast-Einrichtungen bin ich natürlich froh, dass wir zu Weihnachten auf diese Offenheit stoßen. Tatsächlich aber ist das Problem das ganze Jahr über akut.

foto: lisi specht
Cecily Corti in ihrer Wohnung, in der sie sich so sehr zu Hause fühlt. Vielleicht könnte sie sich sonst nicht im selben Ausmaß für die VinziRast engagieren, glaubt sie. (Bildansicht durch Klick vergrößern)

Ich erlebe in unserer Notschlafstelle täglich, was es bedeutet, einem Menschen ein Bett für die Nacht zu geben. Wir können damit nicht alle Probleme lösen, denn viele unserer Gäste sind Ausländer, sie stammen aus arabischen und afrikanischen Ländern, oft aus wirtschaftlich und politisch sehr angespannten Regionen. Meist sind sie von ihren Familien getrennt und haben weder Arbeit noch politischen Status noch wirkliche Aussicht auf ein Bleiberecht. Ein Ort, wo sie schlafen können, wo sie vor allem bedingungslos akzeptiert werden, lässt sie für kurze Zeit zur Ruhe kommen. Immerhin.

In der Notschlafstelle in der Wilhelmstraße in Wien-Meidling haben wir Platz für 55 bis 60 Leute. Außerdem gibt es dort das VinziRast-CortiHaus mit 29 Wohnplätzen. Und vor eineinhalb Jahren konnten wir - nach der wunderbaren Generalsanierung durch das Architekturbüro gaupenraub - in der Währinger Straße das VinziRast mittendrin eröffnen. Da gibt es zehn Wohngemeinschaften sowie ein Restaurant im Erdgeschoß.

Dieses Projekt ist ein Experiment, denn hier wohnen, arbeiten und lernen Studierende und ehemals Obdachlose gemeinsam. Was dabei herauskommen wird? Ich weiß es nicht. Wir haben kein Ziel definiert und wollen diese Offenheit als Wert annehmen. Es geht um Begegnung, um Gemeinschaft von Menschen aus ganz unterschiedlichen Lebenssituationen und mit ganz unterschiedlichen Biografien. Die Architektur des Hauses unterstützt diese Idee auf geniale Weise.

Max Frisch hat gesagt: 'Man darf überall sparen, nur nicht beim Wohnen. Es gibt Räume, die unsere Seele nicht atmen lassen, die dem Menschen jeden Morgen beim Aufstehen den Glauben an die Zukunft rauben. Nicht jeder Raum, in dem wir essen, schlafen und vor allem erwachen, lässt uns zu einem Menschen werden.' Ich hoffe, dass hier die Voraussetzungen dafür geschaffen wurden.

Meine Wohnung ist ein ganz wichtiger Platz, ein wirkliches Geschenk. Ich freue mich jeden Tag darüber. Vielleicht könnte ich mich für die VinziRast nicht in diesem Ausmaß einsetzen, wenn ich nicht ein eigenes Nest hätte, in dem ich so sehr zu Hause bin. Seit 1993 wohne ich in dieser lichtdurchfluteten Dachwohnung. Ich bin so dankbar, dass wir, mein Mann und ich, sie gemeinsam geplant und ausgebaut haben. Jedes Detail ist mir lieb und vertraut.

Fast alle Möbel haben ihre Geschichte. Viele hat mein Mann erstanden. Oft hat er sich nach einer abgeschlossenen Arbeit belohnt, indem er in einem Trödlerladen ein lang ersehntes Stück gekauft hat. Das hat ihn gefreut. Die beiden petrolblauen Fauteuils etwa. Sie waren sehr schäbig, wir haben sie in diesem schönen Leder tapezieren lassen. Dank meinen Enkelkindern, die ständig darauf herumturnen, sind sie jetzt wieder fast im Urzustand.

Ich selbst kaufe keine Möbel mehr. Ganz im Gegenteil, ich bin dabei, mich zu reduzieren. Ich fühle mich von meinem Leben reichlich beschenkt, dass ich gar nicht anders kann, als vieles weiterzugeben. Das ist ein natürlicher Kreislauf. Das ist Leben, so wie ich es verstehe." (DER STANDARD, 20.12.2014)

Cecily Corti (74) wuchs in Slowenien und Salzburg auf. Nach der Matura absolvierte sie Auslandsaufenthalte, arbeitete für die Europäische Föderalistische Partei, für die Paneuropa-Union und die Commission Européenne de Recherches spatiales in Paris. 1964 heiratete sie den Regisseur Axel Corti. Seit 2003 ist sie Obfrau des Vereins Vinzenzgemeinschaft St. Stephan und Leiterin der VinziRast-Einrichtungen in Wien. Sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen, etwa 2010 das Goldene Verdienstzeichen für Verdienste um die Republik Österreich. Spenden an AT58 1200 0514 1353 3033.

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