Kärnten: Hohe Krebsrate, aber kein Zusammenhang mit HCB

19. Dezember 2014, 11:53
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In Kärnten ist die Krebsrate um 18 Prozent, in St. Veit/Glan sogar 30 Prozent höher als im Österreich-Schnitt. Laut Experten besteht aber kein Zusammenhang mit HCB

Das österreichische Krebsregister erfasst seit Jahrzehnten die Erkrankungsrate in den Ländern. Die sogenannte Krebsinzidenz nennt die Zahl der Neuerkrankungen, das Register wird von der Statistik Austria erstellt. In Kärnten ist die Krebsrate laut Zahlen von 2009 bis 2011 höher als im Österreich-Schnitt, die Zahlen sind in den einzelnen Bezirken aber sehr unterschiedlich. Im Bezirk St. Veit/Glan, wo auch die Wietersdorfer Zementwerke ansässig sind, ist die Rate mit 343,82 Fällen pro 100.000 Einwohner am höchsten – das sind 29,8 Prozent mehr als im Österreich-Schnitt

Michael Kundi vom Wiener Institut für Umwelthygiene sagt jedoch im Gespräch mit orf.at, dass kein Zusammenhang mit HCB bestehe: "Krebserkrankungen haben eine jahrzehntelange Entwicklung. Es ist unmöglich, dass sich etwas, dem Sie voriges Jahr ausgesetzt waren, auf die Krebsrate auswirkt." Es sei unseriös, jetzt mit Neuerkrankungszahlen eine Verbindung mit der HCB-Problematik herstellen zu wollen.

"Ein so kurzfristiger Zusammenhang ist auszuschließen", sagt auch Umwelthygieniker Hans-Peter Hutter. Man müsse noch genauere Zahlen abwarten und diese dann gründlich analysieren. Jetzt schon aus einzelnen Statistiken konkrete Befunde zu ziehen sei zu früh. "Nicht sehr aussagekräftig", kommentiert auch Manfred Moshammer vom Institut für Umwelthygiene die Statistik. Aus einem älteren internationalen Krebsatlas (2001–2005) gehe hervor, dass es keinen relevanten Unterschied der Krebsrate verschiedener Bezirke gebe. Außerdem müsse man sich im Detail ansehen, wie die Zahlen für unterschiedliche Krebsarten aussehen.

Höhere Werte

Auch wenn ein Zusammenhang mit HCB unrealistisch ist: Laut den nun bekannt gewordenen Zahlen des Krebsregisters – gemessen zwischen 2009 und 2011 – liegt der Kärntner Schnitt bei 312,94 Krebsfällen je 100.000 Einwohner und Jahr, österreichweit sind es 264,90 Fälle – ein Unterschied von 18 Prozent. Gerechnet wird auf eine sogenannte Standardbevölkerung, wobei sowohl bei den Geschlechtern als auch beim Alter standardisiert wird, das macht die Zahlen erst vergleichbar.

Die höchste Zahl von Neuerkrankungen (rund 343) gibt es in den Bezirken St. Veit/Glan und Klagenfurt-Stadt. Die Wietersdorfer Zementwerke, von denen der HCB-Skandal ausgeht, befinden sich in Brückl im Bezirk St. Veit/Glan. Es folgen Klagenfurt-Land (339), Völkermarkt (320) und Wolfsberg (310). Hermagor weist mit weitem Abstand die niedrigste Rate auf, sie liegt mit 243,06 auch unter dem österreichischen Durchschnitt.

Zahlen "mit Vorsicht genießen"

Laut Statistik Austria sind die Zahlen aber "mit Vorsicht zu genießen", weil lediglich in Tirol und Kärnten die Krebsfälle von zentraler Stelle gesammelt werden. In allen anderen Bundesländern werden sie ausschließlich von den Spitälern gemeldet und müssen nicht vollständig sein – aufgrund langer Nachlaufzeiten werden manche Fälle erst nach Monaten oder Jahren gemeldet, heißt es. Deshalb gebe es auch noch keine aktuelleren Zahlen als jene von 2011, so die Statistik Austria.

Warum die Krebsraten zum einen in Kärnten allgemein so viel höher liegen als der Durchschnitt und warum die einzelnen Bezirke derartig starke Unterschiede aufweisen, darüber wird seit langem gerätselt. Ein Fall wie die Asbestverarbeitung im Görtschitztal (bis 1977), bei dem ein Zusammenhang mit der Krebsrate festgestellt wurde, ist selten. Zu vielfältig sind die Faktoren, als dass sich eine Kausalkette wie etwa beim Rauchen nachweisen ließe.

Das Wiener Institut für Umwelthygiene unter der Leitung von Michael Kundi startet nun eine Langzeitstudie, um der hohen Krebsrate in Kärnten auf den Grund zu gehen. (APA, red, 19.12.2014)

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